Mannheim
Compact Memory

Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1848-03-12 · Heft 11 (12.3.1848) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
9 (1848)
Issue
Heft 11 (12.3.1848)
Date
1848-03-12
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2566751-2567071-2567082--3048-2570964
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

88 in Zweifel ziehen will, ob die Staatsrcgierung den Ständen bei ' ihrem nächsten Zusammentritte überhaupt einen Gesetzentwurf über unsere bürgerlichen und kirchlichen Verhältnisse vorlegen werde, so glauben wir, daß derselbe mit seinem Zweifel ziemlich vereinzelt dasteht und nur sehr wenige ihm beistimmen, wenn er ausruft: „Möglich wär's schon, 'aber wahrscheinlich nicht!" Der zweifelsüchtige Berichterstatter kann jedoch nicht umhin zuzugestehen, eS sei Grund zu der Vermuthung vorhanden, daß die Berichter, stattungen über unsere Verhältnisse Seitens der Polizei- und Schulbehörden im Ganzen günstig ausgefallen, so daß die von den Kreisregierungen noch abzugebenden Generalbcrichte gleichfalls günstig lauten werden. Daß hie und da auch einzelne Mißtöne laut werden, liegt in der Natur der Sache, und darf durchaus nicht auffallen oder gar Unruh veranlassen. So hat namentlich ein Landrichter zu Rain in Schwaben durch seine Iudenfeindlichkeit viel von sich reden gemacht. Derselbe ließ eine Erzählung „die Güterzertrümmerer", welche vor mehreren Monaten in den Münchner »Fliegenden Blättern" erschienen war, und worin das wucherische Treiben einiger Juden auf eine sehr grelle Weise geschildert wird, in das Amtsblatt seines Gerichtes einrücken und beauftragte in einem bcsondcrn Ncscripte die Pfarrer und Ortsvor. stcher des Landgerichtsbezirks für die allgemeine Verbreitung dieser abschreckenden Erzählung Sorge zu tragen, mit dem ausdrücklichen Beisätze „um Widerwillen gegen die Juden zu erwecken." In einem andern Ausschreiben stellte er Bettler, Juden, Hausirer und Vagabunden in eine Kategorie, gegen welche polizeiliche Spähe gepflogen werden solle. Man kann cs aber nicht anders sagen, als daß die baprische Presse ihre Indignation über ein solches Verfahren sehr nachdrücklich an den Tag gelegt hat. Gerne wollen wir cs einräumen, daß der Umstand, welchen bezeichnetcr Landrichter zu seiner Vcrtheidigung angeführt hat, in Wahrheit gegründet sein mag. Er führte nämlich an, daß in jeder Gemeinde seiucs Gerichtes lebendige Zeugen von dem verderblichen Treiben jener „Gütcrzertrümmcrcr" hcrumgingen. Allein einmal wird dieses Geschäft nicht allein von Juden, sondern auch von Christen betrieben; ja sie müssen, da ihnen der Eüterhandel verboten ist, sich immer Christen als Werkzeuge bei diese Geschäfte bedienen. Werden die Gesetze umgangen, so kann man dieß nicht den Juden zum Vorwurfe machen, sondern den christlichen Beamten, welche über deren Vollzug zu wachen haben, was schon Staatsrath RudHardt im Jahre 1831 in der Kammer der Abgeordneten mit Nachdruck vorgehobea Verlag der hat. Und dann, wenn einige oder mehrere Juden Wucherer sind ist cs wohl gerecht oder billig, sämmtliche Juden zur Rechenschaft darüber zu ziehen oder zur Mitleidcnheit darüber zu bestrafen? Das ist eben das große Uebel, daß unsere Gegner den talmudischen Satz, »“£>3 N'3 Dnjt bl immer in Anwendung gebracht wissen wollen, so oft es ihnen darum za thun ist, die Verbesserung unserer bürgerlichen Lage zn Hintertreiben. Da dieß einmal so ist» und die Waffen der Vernunft und des Rechtes gegen die hinter starren Vorurtheilen verschanzten Gesinnungen solcher Judenfeinde nichts auszurichken vermögen, so wäre es vielleicht kein zu verwerfender Vorschlag, daß die Israeliten unter sich Vereine zur Verhütung des Wuchers und Entdeckung der Wucherer in ihrer Mitte bilden möchten. Ich erinnere mich, vor ein paar Jahren von rer Gründung solcher Vereine unter den ungarischen Israeliten gelesen zu haben, kann aber nicht angeben, ob cs dort beim bloßen Projekte geblieben oder dieses wirklich zur Ausführung gebracht worden ist. Freilich würde die Realifirung eines derartigen Planes mit Schwierigkeiten mancherlei Art verknüpft fein. Doch ist die Sache jerenfalls wichtig genug, um rme reifliche Erwägung zu verdienen, weßhalb cs auch zu wünschen wäre, daß Mehrere ihr Urtheil darüber öffentlich aussprechen möchten. — M. — Literarische Anzeige. In der I. C. Hermann'schen Buchhandlung in Frankfurt a. M. ist erschienen: Erinnerungen aus den deutschen Befrei« ungskriegen von 1813 u. 1814. Für Volksbibliothcken. 1s Heft, enthält: Erinnerungen eines Lützowischen Jägers a. d. Lüneburger Haide. Von W. H. Ackermann. Das Gesch-visterpaar unter der Eiche bei Wöbbelin. Von demselbcu. Bruchstücke auS ocm Kriegsleben des Feldwebel Bär. Von vr. Stieb el, Herzog!, nassauucher Geheimer Hofrath. Preis V!% Sgr. er. 2T kr. Bescheinigung. Für die verunglückte Wittwe Noscnblatt in Burchfeld find eingcgangen: Von einer Lesegesellschast in Frankfurt a. M. . 5 fl. 24 kr. Von Hrn. I. Baß daselbst ..1 ff. 36 fr. Von unseren Israeliten aus dem Fürstenthum Waldeck durch die Güte des Lehrers Wetterhahn 5Rthlr. 19Sgr. Die Redaktion I. C. Hermann'schen Buchhandlung in Frankfurt a. M. — Druck von Fried. Krähe in Offeabach.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.