Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 8 (1847)
- Issue
- Heft 42 (17.10.1847)
- Date
- 1847-10-17
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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330 zumal wenn ein Handwerksverein hiezu unterstützend und befördernd einwirken würde. Zm Umgänge mit den Christen ist jede frühere Scheidewand gesunken, das freundlichste Verhältniß findet zwischen beiden statt. Haß, Verfolgung, Unterdrückung, confesfioneller Spott und Zurücksetzung findet man hier zu Lande nicht, ja bei Collissionen, die z. B. auf Märkten, Juden in Geschäfts Verhältnissen mit auswärtigen Christen hatten, ersannen Christen gegen ihre Religionsgenossen die Parthie ihres Orts - Juden. Man fieht daraus wie die Rechtsgleichheit auch eine gerechte und liebevolle Gcfinnung beim Volke, das früher voll des Hasses, erzeugt. Dazu kömmt hier noch, daß die humanen Gefinnungen, welche alle Beamte und namentlich der fetzige Staatsrath Fischer, (welcher allgemein nur der „Jutenvaier" genannt wird und seine guten Ansichten von Judenthum und Zudenheit auch öffentlich in seiner Predigt bei der Einweihung des Gotteshauses zu Hopp, stätten und erst neulich in seinem Buche, „des deutschen Volkes Roth und Klage" ausgesprochen,) an den Tag legen nur wohlthätig bezüglich der Juden auf den untern Theil des christl. Vol- - kes influiren muß. Hingegen bewirkten solche Rechtsverhältnisse auch bei den Juden, daß sie mit der größten Innigkeit Regie- Gierung und Fürst anhängen und überhaupt immer mehr bürgerlicher gesinnt und sich des Bruder - Verhältnisses mit der christlichen Religionsgesellschaft immer deutlicher bewußt werden. Sonst charakterifirt die hiesigen Juden ein etwas heiterer lebenslustiger Sinn, mehr Gesellschaftlichkeit, Tbeilnahme bei Leid und Freud, eine nicht so große Genügsamkeit in den Lebensbedürfnissen, indessen wenig Pracht in Kleidung und Hauseinrichtung, dabei vielen Erwerbfinn, Fleiß mit Häuslichkeit gepaart und vorzüglich muß ich die Liebe zu Gesang erwähnen, die bei Jugend und Alter vorherrschend und mich an des Dichters Wort erinnert: „Wo man fingt, da laß Dich ruhig nieder, Böse Menschen haben keine Lieder." Im Allgemeinen ist die sociale Bildung im Steigen und gegen ftüher offenbar fortgeschritten, so baß gebildete Christen dehaupten, daß seit der Anstellung neuer Rabbinen, die Juden sich nicht mehr gleich seien. Nicht minder ist der sittliche Zustand befriedigend. Will man bei Beurtheilung desselben die.Zahl der vorkommenden Verbrechen und Vergehungen, (zuchtpolizeigerichtleche Sachen) zum Maßsiab nehmen, so lieferte dies ein höchst befriedigendes Resultat. Seit das Fürstenthum Birkenfcld unter Oldenburgischer Herrschaft steht, est noch kein Individuum in Zwang- Arbeitsanstalten verwiesen worden. Auch andere Uinstände warfen auf den sittlichen Zustand der hierländischen Israeliten ke.n ungünstiges Licht, z, B. Ehescheidungen find unerhörte Seltenheiten und uneheliche Geburten fast unbekannt. Was die religiöse Stufe betrifft, auf welcher die hiesigen Juden stehen, so werden wir im 2. Artikel hierauf Bezug nehmen, an welchem wir Vorkommen. d) Der CultuS. Für die gottesdienstlichen Versammlungen bestehen in Hopp, stätten, Soetern, Bosen und Oberstein gesetzlich anerkannte Synagogen, die Juden in anvern Orten sind auf Privat-Andacht beschränkt. Die Leitung des Gottesdienstes liegt überall dem Rabbiner ob, in dessen Abwesenheit geprüften Lehrern. Der Landrabbiner wird nach vorangegangener, vom Regierungssitze stattgefundener Prüfung auf Vorschlag der Regierung landesherrlich bestätigt, hat semen Sitz zu Hoppstätten, ist der Regierung unmittelbar untergeordnet und hat die jüdischen Kirchen- und Schulver. hältnisse unter seiner Aussicht. Er erhält zu seiner Besoldung aus der Staatskasse eine dem Staatsgehalte der christlichen Confessionen gleichkommende Beisteuer von 500 Franc. Bei den Armencomissionen der politischen Gemeinde ist er ständisches Mitglied, hat Stempel, und Portofreiheit, ist bei Amtsfahrten von der Erlegung der Chausse- und Brückengelder befreit, kurz in allen Beziehungen den christlichen Geistlichen völlig gleichgestellt, woraus erhellet, daß die Stellung eines hiesigen Rabbinen wohl eine der schönsten in Deutschland ist. Der erste Rabbiner im Fürstenthnme war der gegenwärtig als Provinzialrabdiner in Hanau angestellte Felsen stein. Von seinem Wirken in den hier völlig verwahrlosten Gemeinden weiß man nichts zu erzählen. Ihm folgte der energisch wirkende und die Bahn brechende Rabbiner l)r. Grünebaum, gegenwärtig zu Landau in der Pfalz. Er verewigte sich in Hoppstätten durch seine Bemühungen, die er sich um vre im Jahre 1834 u. 35 erbaute sehr schöne Synagoge mit Wohnung für den Landrabbiner gab, und zu welcher die Staatskasse eine Unterstützung von 1000 fl. darrcichte. Nach seiner Emfernung kam der jetzt zu Oldenburg wirkende Landrabbiner Wechsler, der sich durch Abänderung des Juden-Eives, drnch Unterstützung der Lehrer und Verbesserung der Schüler Verdienste erwarb, und überhaupt im Birkcnselbischen den Namen eines biedern, offenen, ruhighandelnden und versöhnlichen Charakters zurück ließ, während der ganzen Zeit seines Wirkens jedoch viele Kämpfe mit den Orthodoxen zu erstehen hatte, von denen heute viele herzlich bereuen, seinen Bestrebungen auf solche Weise entgegengelreten zu sein. Nach seinem Abgänge (1841) wurde Herr vr. Einhorn, (wie die vorigen gleichfalls aus Bayern,) berufen. (Fortsetzung folgt.) Vertag der I. C. permann'schen Buchyanvlnng tu Frankfurt a. M. — Druck von Fried. Krähe in Offenbach.