Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 8 (1847)
- Issue
- Heft 25 (20.6.1847)
- Date
- 1847-06-20
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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200 chen Standpunkt unsrer Rabbiner im Gegensatz gegen andre, zwar in politischer Hinsicht freisinnigen aber in theologischer Beziehung auf streng kirchlichem Standpunkte stehenden Männer, volle Gerechtigkeit wiedcrfahren ließ, ist im 54. Jahre verstorben. Friede seiner Asche! — Religiöse Fortschritte. (Sa arlo uiS, im April.*) — Schon in einer ftühern Nummer dieser Blätter sucht uns ein Corrcspondent von der Mosel über den religiösen Stand der hiesigen Gemeinde zu unterhalten und hebt besonders die Weglassung des sogenannten Trops als sehr lobenSwerth hervor. Einsender kann der Unvollständigkeit jenes Referats wegen nicht umhin, dasselbe im Interesse der guten Sache und als Beispiel für ähnliche kleinere Gemeinden zu vervollständigen und zu ergänzen. Der Gemeinde Saarlouis, welche durch das Streben bewährter Männer und namentlich durch längeres dasiges Verweilen des Oberrabbiners Kahn aus Trier cinschen gelernt, daß die Religion mit den Erfordernissen der Zeit Hand in Hand gehen müsse, ist wirklich vor allen andern israelitischen Gemeinden unseres Bezirkes das Verdienst zuzuschreiben, daß in ihr schon mehrere Jahre der Gottesdienst durch Choralgesang verherrlicht wird und deutsches Wort sich schon längst durch Rabbiner und Lehrer in der Synagoge eingebürgert hat. Seit einem halben Jahre nun sicht sie durch Bestellung des Lehrers und Predigers Hrn. Haase, einen Mann an ihrer Spitze, welcher nicht nur seinem Amte als Heranbildcr der Jugend und Verkünder des heiligen Wortes, Ehre macht, sondern als wahrer Bolkslehrcr die Gemeinde, so viel in seinen Kräften steht, nach innen zu bilden und nach außen zu heben sucht. Uber dessen gehaltvolle Predigten, die nicht nur Erbauung, sondern auch Belehrung des wahrhaft Zeitgemäßen zum Ziele haben, behaltet sich Schreiber dieses in einem bcsondcrn Artikel zu refcriren vor. Was Cultusverbesserungen betrifft, sieht man hier ganz geräuschlos manche zeitgemäße Abänderungen cingeführt. So z. B. wird das Gebet für den Landesvater durch den Prediger in deutscher Sprache abgehalten, bei welchem am Schluffe für die Erlösung und Befreiung von allem Drucke herzerhebenve Worte gesprochen werden. Die wird jedesmal ins Deutsche übersetzt. Ferner sieht man in der nächsten Zukunft einer geregelten Synagogcnordnung entgegen, nach welcher die Weglassung der Piutim und sonstiger veralteten Gebetstücke in Aussicht steht. Möchten doch unsere Nachbargemeinden solche und ähnliche Verbesserungen, welche selbst bei den Orthodorcsten nicht den mindesten Anstoß finden und dennoch den Weg zum allgemeinen Bessern anbahnen, einzuführcn beginnen. Einsender dieses ist selbst Augenzeuge des wohlthätigen Einflusses solcher Ver¬ *) Wir bemerken dem Herrn Correspondenten, daß uns seine Mittheilungen auch unfrankirt willkommen sein werden. Die Red. besserungen besonders auf die jüngere Generation, welche sich mit Interesse und Wärme der Religion zuwendet. Auch dies ist ein Beweis, wie wohlthätig dennoch die vielangegriffenen und unwürdigen Verunglimpfungen ausgesetzten Beschlüsse der Rabbincrversammlung auf empfänglichere Gemeinden wirken. Besonderer Erwähnung in diesen Spalten verdient nun noch ein neu entstandenes für die Zukunft vielversprechendes Institut. Durch Auftuf des genannten Hrn. Haase an die hiesigen Gemeindeglieder und durch dessen rastloses Bemühen hat sich nämlich ein Verein gebildet, dessen Hauptaufgabe die religiöse Erkenntniß der Gegenwart und mäßiges Fortschreiten durch dieselbe, nächstdem aber die Verbreitung 'auserlesener literarischer besonders jüdischer Produktionen. In einem eigens zu diesem Zwecke eingerichteten Lokale wird das beste aus der Tagespresse und sonstigen literarischen Erscheinungen mit besonderer Rücksicht auf jüdisches Gebiet in geselligen Kreisen gelesen und besprochen. Außerdem werden allwöchentlich Vorlesungen und religiöse Betrachtungen abgehalten. In letzteren hat Hr. Haase es sich zur Aufgabe gestellt, die Bibel und zwar bis jetzt die Schöpfungsgeschichte auf biblischer Grundlage vom philosophisch kritischen Standpunkte und so viel möglich populär zu erklären. DieseS Verfahren scheint wirklich der geeignetste Weg um wahre Aufklärung zu verbreiten, indem hierbei das Volk auf dem Wege der Belehrung auf die Grundlage seiner Religion zurückgeführt wird. Dieser Verein hat sich durch seine Tendenz und besonders durch die erwähnten gehaltvollen Vorträge der allgemeinen Theilnähme der Wohlgesinnten aller Confessionen zu erfreuen. Der beste Beweis hiefür ist, daß gleich nach der feierlichen Eröffnung, bei welcher viele achtbare christliche Bürger zugegen waren, mehrere sich demselben anschloffen. Ferner bestieg eines der christlichen Vcrcinsglieder, der Hr. Civil- und Garnisonsprediger Rindfleisch, in voriger Woche die Tribüne und richtete herrliche kräftige Worte über die Hoffnungen, die von dem Streben einer solchen Gemeinde, besonders aber von diesem jungen Institute, zu hegen seien und über die Mittel, diese Hoffnungen verwirklicht zu sehen, an die Versammlung. Besonders nahm er Bezug, nachzuweisen, wie solche Vereine und Vereinigungen zum allgemeinen Interesse für Belehrung, Veredlung und Bildung die geeignetsten Mittel seien, die noch vorhandenen Klippen der menschlichen Gesellschaft zu ebnen. Den Schluß machte ein allgemein gehaltenes kurzes Gebet. Solche Ereignisse geben gewiß das beste Zeugniß, daß bei unserer gebildeten christlichen Bevölkerung die Emanzipatiosfrage zu unseren Gunsten gelöst ist, obgleich dies von oben herab noch nicht geschehen. Möge die hiesige Gemeinde in diesem Sinne unter der Leitung ihres würdigen Predigers in ihren Bestrebungen zur Veredlung und Verherrlichung unseres Theuersten, des Glaubens, unter Hintansetzung aller Selbstsucht und alles Eigennutzes fortfahren und die Früchte zu deren besserem Gedeihen werden sicher nicht ausbleiben. Verlag der I. C. Hermann'schen Buchhandlung in Frankfurt a. M. — Druck von Fried. Krähe in Offenbach.