Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 40 (4.10.1846)
- Date
- 1846-10-04
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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trn Propheten selbst der Talmud 1'enct. Vak» bntbrn sol. 14. u. ff. anniwmt, daß ihre Propdetieen zum Tdeii rrsi lange nach ihnen medergeschrirven wurden; allein es gibt Bestimmungen, die sich als Tradition ankünvizen. welche vor einer unbefangenen Kritik unmöglich als göttliche Offenbarung bestehen können, und cs inußten damit wieder alle Bestimmungen der T avition dem Schwanken unterworfen, und die Tradit.on selbst ihrer Vernietung entgegen geführt Werren. Eine unbefangene Betrachtung der im Talmud als Tradition angegebenen Bestimmungen überzeugt uns aber, daß alle tiefe Begriffe der Tradition falsch sind, daß sie nicht unmittelbare göttliche Offenbarung enthalten könne, ebensowenig wie die Interpretation der Talmudisten oder momentane Anordnungen der Neligionsbehörden als Tradition gelten können, sondern daß sie die geschichtliche Entwickelung des göttlich Gegebenen ist. Der Nachweis rüfts Begriffs wird unS zugleich mit dem Inhalt der traditionellen Bestimmungen bekannt machen, ra nur an unv mit diesem selbst der Beweis für jenen Begriff sich Herausstellen wird. Mit diesem Begriffe erklärt es sich, wie man später alle im Volke Vorgefundenen Hebungen und Bräuche, deren Grund man nicht mehr kannte, selbst eie, welche offenbar auf Zrrthum beruhen. als Tradition bezrichnete; denn die Tradition selbst ist ja auch die im Volke lebende, zur festen, unbestrittenen Norm gewordene, Uebung des göttlichen Wortes. Allein wir haben nun den bedeutenden Gewinn errungen, daß solche einzelne Erscheinungen dem Ganzen der T.adickon keinen Eintrag mehr thun können, da wir uns ihre Entstehung zu erklären wissen. Um unS aber den Degr ff der Tradition recht klar zu machen, und namentlich, daß die Interpretation keine Tradition sei, müssen wir vor Allem die Beringungen darstellen, ohne welche eine Bestimmung in keinem Falle als Tradition gelten kann. D e erste Bedingung solcher Bestunmungen ist ohne Zweifel die, daß sie in dem Worte der Schrift nicht ausgesprochen sein dürfen. Eine Tradition, eine mündliche Lehre, würde ihren Charakter als solche verlieren, wrn» sie in dem Worte der Schrift schon läge; sie würde aufhören, eine mündliche Lehre zu sein, und eben eine schrif.liche werden. Diese Bedingung der Tradition wird schon von den alten Rabbinen ausgestellt. Der Talmud spricht dies aus in der nicht seitea auf Bestimmungen, welche als t avittonell ausgegeben werden wollen, wirdrrkehrrndkn Frage: IHM wp 'N nobn '2N »S ad daS Ucberlieferungen? Es sind ja deutliche Aussprüche der heil. Srift". Dasselbe spricht der in so hohem Ansehen stehende 8. Eleasar den Asana Track. Niddab fol. 72. b. aus, indem er zu R. Akiba sagt: POW \3'X Di\"l bj pBQ .T3"iD nn« ''28 ’J’DÖ nVüb n^n 'Ol tos* *p, „Wenn du auch den ganzen Tag Herlcitungen aus der b. Schrift für das Oclmaß (bei gewissen Opfern) luchst, so höre ich nicht auf dich, sondern eS ist dies eine traditionelle Bestimmung (T. Nascbi z. St.). Also jede Herleitung einer Bestimmung aus In terpretatio n cn von Schrift, stellen raubt ihr schon den Charakter einer Tradition. Ganz in diesem Sinne spricht sich auch Matmonives Einleitung zum Mifchna- Commrntar aus: 'SO '2 “Wp U'tfl tnpB3 ID"» "Ol ^3 robn ">dsü nat> traon o~no *p-3 isosinb ’J'DD nWüb- „Nur das, was keine Andeuiimg in der Schrift und damit in keiner Verbindnng steht, und durch natürliche Einsicht nicht daraus hergcleitet werden kann, kann als Tradition Diese unbestrittene Annahme ist außerordentlich wichtig für die Kennmiß des Inhalts der Tradition unv für die Würvi. gnng d.s talmlivischen Schrifttluims übrrh.uipt. Nur verhaltniß« massig sedr wenige Bestimmungen gibt es im Talmud, die nicht aus Stellen der heiligen Schrift hergeleitet werden. Alle diese können demnach nicht als Tradition angeftben werden, wie die vage Bezeichnung „mündliche Lehre" N2 bp2W miD, nicht selten hat annehme» lassen, sondern eS sind Interpretationen des schriftlichen Wortes, reffen größte unv einzige Autorität aber in seiner natürlichen, auf Sprache unv Zui'an menhang beruhenden, Auffassung ihren Grund hat. Wohl werden die hcrmeneu« tischen Regeln selbst, welche wir später uliserrr Betrachtung unterziehen werden, als Tradition angegeben; aber die Bestimmungen, welche ihnen gemäß in dem schriftlichen Gri'ctz n coergelegt sind, verlieren aber dadurch den Charakter der Tradition (f. Maimon. l. l. 8epl»er Hamizwotli r:id. 1), und der Grund ihrer Verpflichtung liegt nur darin, oaß sic wirklich in dem schr ftlichen Gesetze ausgesprochen sind, nur darin, daß die Regel in dem gegebenen Falle wirklich ihre ge.echte und unbestrittene Anwendnng findet. Ebenso aber, wie eS erste Bedingung einer traditionellen Be« flimmung ist. daß sie in drm schriftlichen Gesetze sich nicht vorfindet, ist es noch mehr eine zweite Bedingung, daß sie dem natürlichen Lchriftsinne nicht widerspreche. Ist die Tradition ein Göttliches, so mußte Gott in diesem Falle sich selbst widersprechen; ist sie ein Menschliches, so würde sie ja, wollte sie rem Göttlichen, widersprechen, eben dadurch ihre Verbindlichkeit verlieren, da ja daS Menschliche nicht über dem Göttlichen stehen unv cö aufhrben kann. Sollte daher irgend etwas als Tradition ausgegebcn werden wollen, das mit dem natürlichen Sinne irgend einer Stelle der h. Schrift in Widerspruch stände, so würde dasselbe sich eben dadurch selbst richten, und von einer obligator.fchen Verpflichtung durch seine Beobachtung könnte keinesfalls die Rede mehr sein. Diese Bedingung ist so einfach und liegt so sehr in der Natur der Sache, daß wir es für überflüssig halten. Stützen auö alte« Quellen für ihre Wahrheit anzusühren. (Schluß folgt.) Verlag vcr Z. C. Herrn ann'schen Buchhandlung in Frankfurt a. M. — Druck von Fried. Krähe in Offenoach.