Mannheim
Compact Memory

Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1846-09-13 · Heft 37 (13.9.1846) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
7 (1846)
Issue
Heft 37 (13.9.1846)
Date
1846-09-13
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2566751-2567017-2567055--2269-2570293
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

39© ständig in seinem Urthcile ist. Weil bis jetzt fast alle, oder die meisten öffentlichen Blätter sich tadelnd über die Rabbiner-Versammlung äußerten, so ist dieses auch wahr, so muß man daran glauben? Seit wann sind denn die Zeitungen zu Orakeln geworden, ihre Stimmen sei Gottes Stimme? Sind es nicht wieder Einzelne, die in ihnen ihr Urlheil abgcbcn, oder öfters auch nur Einer, der aber die Kunst versteht, an vielen Orten zn gleicher Zeit sichtbar zu werden? Und ist dieses Urlheil immer ein wahres, unbefangenes? A. Tie Zeitungen allein würden mich auch nicht bestimmen. Aber in unserm Falle trifft das, was sie sagen so ziemlich mit der allgemeinen Stimmung überein, kann man sie fast als den wahren Ausdruck der öffentlichen Meinung betrachten. 8. „So ziemlich", „fast", also geben Sie schon zu, mein Lieber! daß das Urthcil doch nicht ein so allgemeines ist, daß es Leute gibt, die die Sache anders, und vielleicht auch richtiger anseheu. A. Letzteres gewiß nicht. Hätte auch nicht die Presse der dritten Rabbiner-Versammlung das Urthcil gesprochen, sie hat es scll^l durch ihre eignen Beschlüsse, die nun aller Welt voriiegen, gethan. „An den Werken sollt ihr sie erkennen." 8. Und die sind hier so schlecht? A. Run der Beweis dafür wird mir Zbnen gegenüber wahrlich nicht schwer fallen. 8. Ich bin begierig. A. Denken Sie nur an die Art nnd Weise, wie die Rabbincr-Vcrsammltmg sich über den Sabbatb aussprach. Muß dieses nicht alle, die es ernstlich mit dem Fortschritte meinen, im hohen Grade aufbringen. Der Sabbath, das erkennt jeder Unbefangene an, war ursprünglich eine menschliche und nationale, nicht aber eine religiöse Institution. Das Zudenthum fand sie schon vor, da die Nothwendigkeit der Feier eines wöchentlichen Ruhetages, als dem Menschen zur Erholung seiner Kräfte, zur Erfrischung und geselligen Erbeiternng und Annäherung unerläßlich, auch bald von selbst cintrcten mußte. Der jüdische Geist bemächtigte sich nun dieser Institution und verlieh ihr religiöse Weihe, indem er den Gedanken einer Vollendung der Schöpfung durch Gott, an welche der Ruhetag nach dem sechstägigen Tage- oder Cchöpfuugswcrke des Menschen erinnert, damit verband, au welche sich dann die andere große Idee des Zndentbums von selbst reihete, daß nämlich die Welt dem Menschen zur Bearbeitung und Benützung gegeben, er aber in beiden als ein gottahnliches Wesen sich zeigen, und wie mit religiös-sittlichem Sinn arbeiten, so auch diesen Sinn vorzüglich, durch Ruhe und Insichgehen nach vollbrachter Arbeit, durch Richtung seines Geistes ans sich selbst und auf seinen Schöpfer, durch die Angehörigkeit Gottes (das nna n'x im wahren Sinne) finden soll. Daß Gott wirklich an einem bestimmten Tage geruht babe, ist nur der sinnlich - poetische Rester jener Idee, wie er hie und da im jüdischen Volke stattsaud und auch in seinen religiös-poetischen Urkunden einen Ausdruck erhielt, deu aber die Jetztzeit, ja jede Zeit, wo das Judentknm ein höheres Bewußtsein seiner selbst, das Bild und die Versinnlichung der Idee von dieser selbst zn trennen wußte, ans das Entschiedenste verwarfen. — Konnte nun der großen Mehrheit der Rabbiner-Versammlung, als Männern von wissenschaftlicher Bildung und Kenntniß ihrer Zeit dieses nicht entgangen sein, so blieb ihr eben so wenig verborgen, wie es heutzutage mit dem jüdischen Sabbath aussieht. Der eine Theil unserer Glanbensbrüder feiert ihn wohl, muß aber neben diesem auch am Sonntag sein Geschäft eiustelleu, also zwei Tage in jeder Woche sich der Arbeit, die Gott auch geboten und als ein der Menschenwelt Nützliches gesegnet hat, enthalten. Der andere Theil hingegen, und es ist der, dessen Zahl mit jeder Woche zunimmt, geht seinem Geschäft am Samstag, wie an den übrigen Tagen nach und feiert dafür den Sonntag, aber nicht dadurch, daß er sich an ihm der Erbauung und religiös-sittlichen Er- Hebung, sondern den Zerstreuungen nnd Vergnügungen widmet; also gerade der eigentlichen und segensreichsten Wirkung des Ruhetages entbehrt. Was war also die Pflicht der geistigen Führer in Breslau? Offen zu erklären, daß die Religion nur die Feier eines wöchentlichen Ruhetages, gleichviel welchen gebiete, in heutiger Zeit aber die Feier des Sonntags nicht nur zu gestatten, sondern dringend zn empfehle» sei. Davor haben sich die Herren aber wohl gehütet und gewiß ans keinem andern Grunde, als weil sie sich von einem gewissen Separatismus und Streben nach Hierarchie nicht frei machen können. 8. Separatismus! Hierarchie! Wie meinen Sie das? Denn unmöglich kann ich glauben, daß auch Sie

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.