Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 8 (1847)
- Issue
- Heft 7 (14.2.1847)
- Date
- 1847-02-14
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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55 so will ich es schon wagen, Ihren Bemerkungen einige andere entgegenzusetzen. Im Literaturblatt Nr. 50. S. 212. find Sie fast unerschöpflich in meinem Lobe, nennen meine Predigten „Musterpredigten", die nicht erst der „Empfehlung" bedürften; Sierühmen andcnselbcn „ihre edle Popularität," ihre geschickte Anwendung des Tertes,die gefällige „Einflechtung von Bibelstellen" ihre lebensvolle Frische", „ihre durchaus praktische Geltung", „die Kunst, ganz abstrakte Religionswahrheiten auf das Leben in allen seinen Beziehungen und Richtungen anzuwenden." Nun wahrlich, mehr und besseres kann man von Zollikofer, von Reinhardt, von Dräseke nicht sagen, und fie können denken, wie ich mich, wenn auch tief beschämt, mit diesem Lobe freuete. Sehet dal Kaum daß ich mich von meinem Entzücken erholt habe, langt das 51. Literaturblatt an, und macht mir alle die Freuden wieder zu Wasser. Sonderbar! erst heben Sie mich am 13. Dez. in den Himmel, und am 20. Dez. schleudern Sie mich aus dem Himmel tief zur Erde. Und Sie lassen mich gar nicht sanft fallen! Die erst so hoch gestellten Kanzelvorträge find auf einmal nicht frei von einer gewissen (?) Falschheit des Gedankens, von einer gewissen (?)) Weitschweifigkeit der Rede, von Künstelei und — — Liebäugeln mit den Zuhörern und-Zuhörerinnen? Ei, ei. das sind harte Anklagen. Wenn Sie ein Mann sind, gar Recenscnt, der das was er sagt und schreibt, auch zu begründen weiß, so muß ich Sie auffordern, alle den hier ausgesprochenen Tadel mit Stellen aus meinen Predigten zu belegen. Auf Glauben nehme ich von keinem Menschen etwas an. Besonders muß ich darauf bestehen, daß mir die Liebäugelei mit den Zuhörerinnen nachgcwiesen wird. Ich bin doch begierig, was Sie so nennen! Sie werden es doch wohl nicht Liebäugeln nennen und unrecht finden, daß ich denjenigen Theil der Menschheit, der, als Gattinnen und Mütter am heilsamsten auf unser Geschlecht zu wirken vermag und zu wirken berufen ist, in meinen Predigten berücksichtige, die Frauen anrede, sie beschwöre, ihres frommen und großen Berufes sich stets würdig zu zeigen. Nennen Sie das Liebäugelei, nun, so freue ich mich, daß ich unter den jüd. Predigern auch hierin der erste war, der mindestens in den — Predigten in der Synagoge die Frauen emancipirt habe. Doch über diese kindischen Angriffe würde ich kein Wort verloren haben. Ein anderer Punkt ist es, den ich nicht mit Stillschweigen übergehen kann. „Das denkende Publikum^ sagen Sie, zürne mir im Stillen (das muß gewaltig stille sein!) Daß ich es nicht füreine unablässige Pflicht zu erkennen scheine, über die Zustände des heutigen Judenthums, über die Kämpfe der Parteien, über ihre Schattirungen, überhaupt über das reichbewegte Leben der Gegenwart zu meiner Gemeinde zu sprechen und ihnen („derselben" wollen fie sagen!) ein klares Licht darüber zu geben." Aber mein Herr Recensent! woher wissen Sie denn so genau, daß ich „über das reichbewegte Leben der Gegenwart" zu meiner Gemeinde nicht spreche? Daß ich fie darüber nicht aufkläre? Haben Sie denn die kleine Bibliothek von Predigten, die ich seit 1820 und noch früher durch den Druck bekannt gemacht, attesammt durchgelesen? Und haben Sie denn etwa die Predigten, die nicht im Drucke erschienen find, gehört, daß Sie ein so allgemeines llrtheil aussprechen können? Doch Sie meinen, „di« Gegenwart verlange von dem Rrligionserediger, daß er das belehrende Wort von der Kanzel vorzüglich dazu verwende, auch seine Gemeinde in dieses (vielbewegte unv aufgeregte) Leben hinein und darin zurecht z u fü h r e n." Thun S i e das, mein geehrter Herr Recensent, falls Sie Prediger find; ich, ich werde mich nie entschließen, die Kanzel zu dem Kampfplatz der Parteien und der Meinungen zn mißbrauchen, zu entweihen. Die Predigt — die jüdische wie die christliche — soll b e, lehren über das, wasNoththut; fie sott erbauen und fromme Vorsätze erwecken; fie soll trösten und aufrichten unv mit der Menschheit und dem sogenannten Schicksal versöhnen. Die Streitigkeiten der Welt, nicht einmal die witzigen und spitzigen DiScusfionen der alten und neuen Rabbiner, haben auf der Kanzel einen Platz, denn sie gehen vas Volk durchaus nichts an. Den einen würden fie ergötzen, wie ehemals die talmudischen Sophistereien; den andern reizen, den dritten erbittern — alles, nur Belehrung, und Erhebung des GemütheS würde nicht erzielt werden. „Was der Gemeinde von dem grosartigen Lebensprozeß der Gegenwart" wie Sie sich großartig ausdrücken, zu wissen frommt und für das praktisch - sittlich-religiöse Leben Roth thut, das erfährt fie, das erfährt fie auch in und auö meinen Vorträgen, die fie heute noch mit eben so viel Liebe und Aufmerksamkeit hört, als vor 30 Jahren Und das muß mich dann entschädigen und trösten, wenn der kurze Anzeiger und Kritiker auch noch so sehnlich wünscht, daß die Volkslehrer ihren Gemeinden von der Kanzel herab mit den „Kämpfen und Bewegungen im Schooße ihrer Leiter nnd Rabbiner" vertraut machen soll. Predigen Sie ans ihre Weise mein Herr, und lassen mir die meine; sie hat sich als gut und wirksam bewährt; fie wirs sich ferner bewähren, so lange der Herr mich noch für würdig hält, sein Wort und seine Lehre in Israel zu verkünden. Hamburg, im Januar 1847. vr. G. Salomon.