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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1846-04-19 · Heft 16 (19.4.1846) · page 2

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
7 (1846)
Issue
Heft 16 (19.4.1846)
Date
1846-04-19
Page
– (sequence 2)
Language
German
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ISS auf welche wir bereits zurückblicken können, aber auch die schwierigen Kämpfe kennt, welche sowohl der Fortschritt im Innern als die bürgerlichen Bestrebungen noch zu bestehen haben. Die Hauptschwäche des sogenannten altorthodoren Systems besteht daun, daß es die Geschichte nickt kennt oder verläugnet. Eine Geschichte des Judenthums ist von selbst schon die Auflösung und Vernichtung jener starren Anschauung, für welche es kein Gewordenes und kein Werdendes, überhaupt kein Werden, also — kein Leben gibt. Daher ist es denjenigen, welche sich zu jener Ansicht bekennen möchten, rein unmöglich, ihren Standpunkt zu behaupten, sobald sic, wenn auch nur in untcrgeorueten Fragen, das Gebiet der geschichtlichen Wissenschaft betreten, wie dieses an einzelnen Beispielen leicht nachgewieseu werden könnte. Der Talmud ftlbst ist gewissermaßen, als ein, wenn auch unbewußter Versuch zu Äetracklen, Vergangenheit und Gegenwart selbst in ihren zeitlichen Erscheinungen zu identificiren, und die riesenmäßige Arbeit eines Maimonides ist daran gescheitert, daß ihm das geschichtliche Princip abging. Tie jüdische Theologie der Neuzeit strebt daher vor Allem nach einer gesckichtlichen Basis, und hat ihren Anfang damit genommen, daß Männer, wie Jost, Rapoport, Zrmz und — auf eigentlich theologischem Gebiete zuerst — Geiger das Feld der Geschichte des Judenthums bearbeitet haben. Denn die Geschickte, indem sie die Zeiten scheidet und das Erstarrte auflöst, verbiudetanch wieder die Gegenwart mit der Vergangenheit und lehrt den Geist erfassen, der in dem zeitlich Erstorbenen lebt. Der Vorwurf, daß die neueren Bestrebungen im Judcnthume die Vergangenheit verläugnctcn, ist bei den Vertheidigern des altorthodoren Systems zur stehenden Phrase geworden, welche vielfach nachgesprochen wird, ohne daß man sich darüber klar werden möchte, was denn unter Vergangenheit verstanden werde. Mit Recht hat man aber diesen Vorwurf in seiner Einseitigkeit zurückgegeben und die Männer des Stillstandes angeklagt, daß sie ihre Augen vor der lebendigen Gegenwart verschließen, und es käme nun bei der Entscheidung dieses Streites nur darauf an, welche Macht sich als die stärkere, siegende bewiesen habe, ob die der Gegenwart, mit ihren veränderten Bedürfnissen und ihrer lebendigen Triebkraft oder die der erstorbenen Vergangenheit. Die neuere Geschichte der Israeliten gibt die Antwort auf diese Frage. Hören wir, wie der Verfasser des genannten Werkes die gewaltigen Veränderungen beschreibt, welche während der letzten 30 Jahre im Judenthumc vor sich gegangen sind. „Wie das Jahr 1815, bemerkt er in der Einleitung (S. 1 — 3) als das Geburtsjahr dieser neuen Entwickelung der Israeliten in Europa erscheint, so trägt auch der Fortgang derselben bis zu der gegenwärtigen männlichen Kraft den Charakter einer aufblühenden Jugend, von den ersten Kennzeichen eines matten Bewußtseins bis zur erstarkten Selbständigkeit; und auch dies ist unserer Tagesgeschichte eigenthümlich, daß ein so kurzer Zeitraum eines Menschenalrers ausreichte, um seine unendliche Menge verschiedenartiger Thätigkeiten und Sonder-Bestrebungen, veriheilt auf den ungleichsten Boden und aus tausendfach verschiedenen Keimen entsprossen, so allgemein in einander zu verflechten, daß sie, sel b st i n g eg e ns e i t g e n Kämpfen, überall eine und dieselbe Eigenthümlichkeit zeigen und in einen Ausgangspunkt auslaufen, so daß das errungene Bewußtsein ein klares und sicheres geworden, welches seinem Ziele desto bestimmter zueilt. — Wie groß die in gedachtem Zeiträume dtirchlanfene Bahn sei, lehrt ein flüchtiger Blick auf die Anfangspunkte dieser Gefauchte, verglichen mit der Stellung der Israeliten in der Gegenwart, so weit beide äußerlich in die Erscheinung treten. — In den ersten Jahren dieses Jahrhunderts sind die Israeliten in Europa meist nur geschützte und gedrückte, zum Theil noch dem Leibzoll unterworfene, jeden Augenblick der Verjagung gewärtige, Fremdlinge, vor niederer Bosheit und Uebermurh nur durch Gnade oder Menschenliebe geschirmt — jc$t überall mehr oder minder heimathsberechtigte, unter Gesetz gestellte Staatsangehörige; noch bei Beginn der Friedensperiode vereinzelte Spuren eines Eintritts derselben in's Staatsleben, meist nur da, wo elender Gelddienst zwischen reichen Emporkömmlingen und feilen Staatsdienern ein Bündniß schloß, dessen Glieder einander verachteten; jetzt gegenseitige achtungsvolle Anerkennung, fern von niedern Rücksichten; damals noch tzmerer Despotism ns, gleich dem äußern, und knechtische Speichelleckerei und Kriecherei für jede Gnade oder Gunst; jetzt männliches Selbstvertrauen und Bewußsein des eigenen Rechts und der zu beanspruchenden Rechte damals kindische Eitelkeit und verzerrtes Streben nach Wohlgefallen, jetzt freie und offene Darlegung der in-

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