Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 9 (1.3.1846)
- Date
- 1846-03-01
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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44 nach entwickelte, und erst als die Zeit erfüllt war, in seiner vollen Kraft und Herrlichkeit hervortrat." Diese ganze Betrachtungsweise der sich historisch entwickelnden Grundwahrheiten des Judenthums hat fteilich das christliche Dogma zum Zielpunkt, welches sie erklären und plausibel machen soll. Die historische Betrachtungsweise an und für sich aber ist in Ansehung ihrer Wahrheit keinesweges durch das christliche Dogma, welches sie erklärt, bedingt. Wir können vielmehr dieses Dogma leugnend, mit gleichem oder noch größerem Fug und Recht den historischen Standpunkt für uns in Anspruch nehmen und auf die Geschichte Hinweisen, wie die religiösen Wahrheiten des Judenthums, die da find das Licht und Leben der Menschheit, und die sich von Israel über die ganze Menschheit ausbreiten sollten und noch sollen, nicht alsbald in ihrer ganzen Fülle und Vollendung, in vollkommener Entfaltung, sondern nur als Keim in symbolischer Umhüllung in Israel niedergelegt wurden, der sich nach und nach entwickelte, und erst als die Zeit erfüllt war, d. h. als der Menschengeist nicht mehr in dem Realen, in der Natürlichkeit befangen und gebunden war, als er die Stufe der Kindheit und Unj Mittelbarkeit verlassen hatte- und zum vollkommenen Bewußtsein i seiner selbst gekommen war, wie dies schon einst in dem prophej tischen Bewußtsein der Fall gewesen und insbesondere später,; nachdem Tempel und Altar mit dem ganzen Gepräge des sinnlichen und äußerlichen Cultus zerstört und der Menschengeist mehr auf seine Innerlichkeit hingedrängt war, da fiel die symbolische Umhüllung und der ideale Cultus trat in seiner ganzen Kraft und Herrlichkeit hervor. Ohne also das Opfer mit Maimonid. und Spencer geradezu aus dem Aberglauben entspringen zu lassen, muß man doch seinen Ursprung in derjenigen nicdern Anschauung suchen, für welche ein an die sinnliche Anschauung unmittelbar anknüpfender Cultus nothwendig ist, um den Menschen von Außen nach Innen, vom Leiblichen zum Geistigen, vom Sinnlichen zum Uebersinnlichen zu führen, in derjenigen nicdern Stufe geistiger Erkenntniß, auf welcher der Geist aus dem Zustande der Unmittelbarkeit noch nicht herausgctreten ist und das Ideale nur in enger Verbindung mit dem Realen geschauet wird und letzteres zur Darstellung des crstercn nicht entbehrt werden kann. Die Idee einer Accomodation an die vorhandene Cullurstufe des Volkes, dem ein sinnlicher Cultus noch Bedürfniß ist und welches nur durch einen solchen für einen höhern» geistigen allmählig erzogen werden soll, ist also nicht zu umgehen, und selbst Bähr wird nichts Erhebliches dagegen einwenden können, wenn die höhere Stufe geistiger Erkenntniß, welcher der mos. symbolische Cultus nicht mehr genügt, welche die ihm zu Grunde liegende niedere Bildungsstufe überwunden hat, diese sich selbst gegenüber einen Aberglauben nennt und somit das Opfer trotz aller Symbolik aus der niedern Anschauung, d. h. aus dem Aberglauben entspringen läßt. Wenn daher auch unser wackerer Freund und Amtsbruder, Hr.A. Adler, in den Protokollen der zweiten Rabbiner- Versammlung S. 382 gegen den unschuldigen Maimonid. so stark sich ereifert, so wird er gewiß bei ruhiger Betrachtung seinen Jrrthum bald einsehen: „Die Ansicht des M.", sagt er das., „nach welcher der Opfercultus nur aus Anbequemung an das Heidenthum, von welchem das Volk sich nicht gänzlich frei machen konnte, beibehalten werden mußte, ist ohne Zweifel eine irrige. Erst da, als sich das Judenthum über die Stufe der Aeußerlichkeit erhoben hatte und derselben entwachsen war, wurde das Opfer selbst zu etwas abstract Aeußcrlichem und erst da singen die Propheten andagegen zu eifern." Hr. Adler gesteht also ein, daß das Judenthum, oder richtiger, die Juden, sich erst über die Stufe der Aeußerlichkeit erheben und derselben entwachsen mußten, um in den Propheten den Widerspruch zwischen der erwachten Innerlichkeit und der entwachsenen Aeußerlichkeit entstehen zu lassen, und doch sollte bei Gott, der einem der Innerlichkeit — wenn sie vorhanden gewesen wäre — entsprechenden Cultus gewiß den Vorzug gegeben hätte, eine Anbequemnng an die Stufe der Aeußerlichkeit, auf welcher das israelitische Volk damals stand, nicht haben stattfindcn dürfen! Hr. Adler sagt etwas früher: „Die Idee des Opfers muß eine ewig wahre sein, da wir nicht annehmcn dürfen und können, daß eine Lüge Jahrtausende im Judenthume festgehalten worden sei." Allein er fügt unmittelbar hinzu: „Man verwechselt hier die Idee mit der Form, die diese Idee sich zu ihrer äußern Darstellung gegeben hat", wodurch der ftühereSatz seine ganze Wahrheit einbüßt. Unter „Idee des Opfers", wird hier nicht das Andachtsgefühl verstanden, welches in dem Gemüth des Opfernden das Opfer begleitet, sondern die Idee, daß dieses Gefühl der Andacht, „das Sichzusammenschließen des endlichen Individuums mit dem Unendlichen, das Versenken des Vergänglichen in den ewigen Urquell", hinsichtlich ihrer Geltung vor Gott an die Darstellung^erfelben in einer bestimmten Form, nämlich des Opfers nothwendig gebunden fei und ohne dieselbe nicht genüge, die Idee, daß das Individuum nur mittelst jener sinnlichen und äußerlichen Opferhandlung und niemals ohne dieselbe seine innige Gemeinschaft mit Gott bewirken könne. (Fortsetzung folgt.) Verlag der I. C. Hermann'schen Buchhandlung in Frankfurt a. M. Druck von Fried. Krähe in Offenbach.