Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 8 (22.2.1846)
- Date
- 1846-02-22
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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30 sein oder gar mit ihr in einem Prinzip zusammenzusallen. Namentlich hat Bähr (Symbolik des mos. Cultus II. S. 276) ein Hanes Berdammungsurtheil über sie gefällt unt, so zu sagen, den Stab über sie gebrochen. „Die Spencerische Ansicht," sagt er das., „welche das Opfer überhaupt aus dem Aberglauben entspringen läßt, und dann im mos. Gesetz eine Art Accomodation mit möglichster Ausscheidung des mit dem Monotheismus Unverträglichen postutirt, ist eine eben so vergebliche als unstatthafte Aushülfe. Denn verdankt das Opfer ursprünglich solchen Vorstellungen von Gott, welche dem obersten Princip des Mosaismus von der Einheit und Geistigkeit Gottes schnurstracks zuwiderlaufen, seinen Ursprung, so hätte es Moses nimmermehr beibehalten, geschweige denn feierlich sanctioniren, bis ins Kleinste und Einzelnste reguliren, unv als den bestimmten Willen Gottes für alle Zeiten hinaus seinem Volke anbefehlen können; es würde Israel, statt aus dem heidnischen Aberglauben heraus, nur viel tiefer hineingeführt unv für alle Zukunft darin befestigt haben." Der kundige Leser wird sich erinnern, daß dieser Einwurf gegen Spencer ziemlich mit dem gleichlautet, den schon Mose Ben Nachman Lev. 1, 1. gegen den ersten Urheber dieser Anbequemungstheorie, Maimonid., mit gleich scharfen Worten geltend macht, welchen Abarbanel das. sehr ungenügend vertheidigt. Die christliche Orthodoxie, welche mit der jüdischen hinsichtlich der Erklärungsweise über die Bedeutung des Opfers in der sogenannten juridischen übereinstimmt, macht auch mit dieser gemeinschaftliche Sache, die Accomodationstheorie mit gleichen Waffen zu bekämpfen. Jndeß scheint mir diese verrufene Theorie von Vielen und selbst von Bähr, dem auf diesem Felde gewiß scharfsinnigsten und gelehrtesten Forscher, mißverstanden worden zu sein. Wie ich diese Ansicht des Maimonives auffasse, möchte all das Böse, das ihr nachgesagt worden ist, auf Nichts sich reduciren. Wenn mich dieses Mißverständlich namentlich bei Bäbr höchlichst befremdet, so kann ich mir es nur dadurch erklären, daß er es mit der orthodoxen Kirche nicht verderben wollend, im Interesse dieser, die Opferidee als eine ewige und absolute, die in dem Opfer Christi ihre möglichst intensive Fülle und Bedeutung erhalten haben soll, hinzustellen sich nothgevrungen fühlte, so wie der Repräsentant der jüdischen Orthodoxie, Mose Ben Nachman, aus ähnlichen Gründen gegen Maimonid., nach dessen Erklärung des Opfers denselben nur eine relative unv temporelle Bedeutung zu vindiciren wäre, anzukämpfen sich veranlaßt fühlte. Derjenige aber, für den solche Rücksichten nicht hemmend in den Weg treten, und der am Ende doch zu dem Resultat kommen muß, daß das Opfer, obwohl einst durch Gott selbst als symbolischer Ausdruck des innerlichen Seelenzustandes sanctionirte, doch nicht als alleiniger und für alle Zeiten gültiger Ausdruck von Golr erklärt worden ist, sieht in der Ansicht des Maimonid. eine ganz natürliche und befriedigende Erklärung. Um dies einleuchtend zu machen, müssen wir Bähr selbst sprechen lassen. Seine höchst scharfsinnige und den Charakter der Wahrheit an sich tragenden Erklärungen über die Entstehung und Bedeutung des symbolsschen Cultus überhaupt und insbesondere des mosaischen müssen — nach unserer Ueberzeugung — konsequenter Weise zur Annahme jener Accomodationstheorie führen. Zum Beweis des symbolischen Charakters des mos. Cultus überhaupt fuhrt Bähr (I. S. 13) folgendes an: „Das unterscheidende und charakteristische Princip des Mosaismus ist nämlich die Einheit und Geistigkeit Gottes, wie sie der Dekalogus in seinem ersten und zweiten Gebote lehrt, in welch letzterem sehr nachdrücklich jedes Bild und Gleichniß Gottes , wie cs auch nur beschaffen sein möge, untersagt wird. Mit einem bild - unv gestaltlosen, unsichtbaren, rein geistigen Wesen aber läßt sich nur auf unsichtbare, geistige Weise in eine wahrhafte Verbindung treten, und nictnals kann das Sinnliche als solches eine rein geistige Verbindung vermitteln. So gewiß daher ras Objekt res mos. Culrus ein unsichtbarer, nicht sinnlicher, geistiger Gott ist, so gewiß ist auch das Sinnliche als Form dieses Cultus nicht in sich Zweck, sondern Bild und Darstellung übersinnlicher, geistiger Verhältnisse. Das Gebot: Du sollst dir kein Bildnis machen, ist ein unumstößlicher Beweis für den bildlichen Charakter des mos. Cultus." Ueber Grund unv Zweck der symbolischen Form des mos. Cultus äußert sich Bähr (ibiä S. 23) wie folgt; „Es liegt in der Natur des religiösen Bewußtseins sich zu äußern, zu bewähren, kund zu thun, und darin eben besteht der Cultus überhaupt. Niemals hat es daher noch eine Religion gegeben, die rein und allein innerlich gewesen wäre, sondern jede hatte ihren Cultus, d. h. ihre bestimmte Art und Weise, das Innerliche unv Gedachte auch äußerlich auszudrücken. Da aber dieses Aeußerliche wie der Ausdruck so auch der Abdruck ves Innerlichen und Geistigen ist, und sich in ihm die religiöse Idee unmittelbar ausprägt, ist es auch nicht etwas schlechthin und blos Aeußerliches, sondern steht in bestimmtem Verhältnis zu einem Innerlichen, d. h. es hat den Charakter des Bildlichen. Das Sinnbildliche ist demnach durchaus nicht ein dem Cultus an sich fremdes, nur von außen zufällig an ihn gekommenes, sondern ein in seinem Wesen, seiner Natur unmittelbar nnd nothwendig begründetes. Die sinnbildliche Form des mos. Cultus kann daher auch an und für sich nicht als etwas Besonveres betrachtet wetten, sie hat vielmehr ihren ersten nnd allgemeinen Grund in der Natur und dem Wesen alles Cultus überhaupt. Daß aber diese Form von einer bestimmten Beschaffenheit ist, daß der mos. Cultus nicht ves möglichst emfachen Darstellungsmittels der religiösen Vorstellung unv Gesinnung sich bedient, daß seine Form vielmehr eine möglichst sinnliche, sich ganz und gar in Aeußerlichkeiten bewegende ist, das kann nicht in der Natur des CultuS an sich liegen, sondern in der besondern Beschaffenheit des religiösen Bewußtseins. das sich gerade auf diese und nicht auf eine andere Weise zu äußern gedrungen oder veranlaßt sieht. Diese besondere Veschaffenseit richtet sich nach der Stufe geistiger Entwicklung, welche das religiöse Bewußtsein einnimmt, unv es ist daher nöthig, daß wir vor allem die Stufe genauer kennen lernen, aus welcher jener sinnliche Cultus hervorgehen mußte." Wir können schon hier folgende für die Bestätigung unserer Ansicht bedeutsame Gesichtspunkte zusammenfassen: Wesen und Natur alles Cultus überhaupt hängt mit dem Wesen und der Natur res menschlichen religiösen Bewußtseins, das sich zu äußern, zu bewähren, kundzuthun strebt, genau zusammen; die besondere Beschaffenheit der Aeußerungsformen oder der Darstellungsmittel, welcher sich das religiöse Bewußtsein bedient, stehen wiederum mit der besondern Beschaffenheit des religiösen Bewußtseins in engem Zusammenhang. Die mehr oder weniger sinnliche Form dieser Darstellungsmittel bedingt die Stufe geistiger Entwicklung, welche das religiöse Bewußtsein einnimmt. Daß die Form des mos. Cultus aber eine möglichst sinnliche, sich ganz und gar in Aeußerlichkeiten bewegende ist, findet in der bestimmten Stufe geistiger Entwicklung des damaligen Israel, welche keine andere als eine äußerst niedrige gewesen sein kann, seinen Erklärungsgrund. Wenn Gott daher einen solchen sinnlichen und äußerlichen Cultus als Darstellungsmittel des religiösen Bewußtseins für Israel selbst anordnete unv nicht einem möglichst geistigen und innerlichen Cultus wie z. B. dem Worte, welches, obwohl auch noch immer ein Sinnliches unv Aeußerliches, doch der unmittelbarste Ausdruck des Geistigen ist, den Vorzug einräumte, so konnte dieses denkbarer Weise nur deshalb der Weisheit Gottes widerstreben, weil diese einen mit der Stufe geistiger Entwicklung, auf welcher Israel damals stand, harmonirenden Cultus, wenn derselbe anders seinen Zweck der Erziehung und Veredlung an diesem Volke erreichen sollte, anorvnen konnte. Daß dies nichts anderes als eine nothwendige Anbeque» mung an die Bildungsstufe dessen, für welchen der Cultus überhaupt da ist, sei, versteht sich von selbst. — Wir können es uns doch nicht versagen, noch einige hierhergehörige charakteristische Stetten Bährs herzuseßen, die theils für die Rechtfertigung obiger Ansicht von Bedeutung find, theils das Symbolische des mos. Cultus überhaupt klar ins Licht setzen und darum für unsere ganze Untersuchung von ftuchtbarem Einfluß sein dürfte. (Forrsetzung folgt.) Verlag rer I. C. Hermann'lchen Buchhandlung in Frankfurt a. Druck von Fried. Krähe in Offenbach.