Mannheim
Compact Memory

Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1848-01-02 · Heft 1 (2.1.1848) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
9 (1848)
Issue
Heft 1 (2.1.1848)
Date
1848-01-02
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2566751-2567071-2567072--2958-2569623
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

G tigsten Eeremonialhandlunzen, kein Gegenstand des Spottes mehr ist, wie früher. Da kn Rheinhesscn und also auch im Binger- Kreise alle Schulen Communalschuten sind, in welchen kein spe. cieller Religions-Unterricht crtheilt wird, so hatte der Vorstand, von der unläugbarcn Wahrheit durchdrungen, daß ein tüchtiger Religionsunterricht, der frühesten Jugend ertheilt, einen unendlich wohlthätigen und dauerhaften Einfluß auf die moralische nnv religiöse Bildung des Menschen übt, dem in dem Wesen der Communalschulen begründeten Lebe! dadurch abznhelfen gesucht,daß er eine besondere Rcligionsschule errichtete. Nicht minder war es Hauptsorge deS Vorstandes die Erlernung von Handwerken unter der Jugend nach Kräften zu befördern und es kam so weit, daß die Gemeinde mehre Schneider, Schuster, Buchbinder, Küfer, Schlosser, Schreiner, Gerber :c. zählte und sich dadurch in der öffentlichen Meinung den übrigen Staatsangehörigen gleich stellte. Eine schöne Bcgräbnißordnung war eine weitere Frucht der Bestrebung des Vorstehers. Der Stadtrath und der Bürgermeister bewilligten zur Anschaffung eines besondern Leichenwagens eine Beisteuer von 300 fl., wozu noch ein Legat von 200 ff. von Seiten eines frommen Mannes kam. Die mit Zustimmung des frühern Rabbiners I. Ellingcr entworfene Bcgräbnißordnung wurde vom Krcisrathe 1835 genehmigt. Die Restauration der Synagoge ist gleichfalls ein Verdienst des Vorstehers. Der gegenwärtige Rabbiner Dr. Sobernheim ist ein an Wissen und Wollen vorzüglicher Rabbiner, dem jedoch Energie, wie die Gabe zu fehlen scheint, seine reichen geistigen Schätze an den Mann zu bringen. Daß er dem Fortschritte zugethan, wissen Sie ans Aenßerungcn bei der R.-V., aus dessen Antrag wegen des mpD und ans seinem jüngsten Gutachten über die Beschueidung. Der Gottesdienst ist ziemlich geordnet, der Chor befriedigend. Der Religions-Lehrer, ein geborner Bayer, der den Chor leitet und hie und da auch predigt, steht bei der christlichen und jüdischen Einwohnerschaft in Achtung. In Mainz, dieser zahlreichen jüd. Gemeinde, haben die Reformen noch wenig Platz gegriffen unv mag theilS der Gruns darin liegen, daß bisher ein aller und gegenwärtig gar kein Rabbiner da ist, daß ferner der Vorstand bisher dem Fortschritte gram war und das Ministerium, bef. der Kanzler Linde lieber den stntus guo wünschte. Da jedoch Letzterer abgetreten ist, Mainz sich einen neuen, die Neologen begünstigenden Vorstand gewählt hat. so erwartet man eine baldige Aendcrung der Synagogen-Verhältniffe. Wie ich allenthalben höre, sollen nach Vollendung der nach eurem großartigen Style im Bau begriffenen Synagoge die Rabbiner-Verhältniffe regulär werden. Ob dann die Gemeinde ihren gegenwärtigen, dem Fortschritt zugethanen, auS Mainz gebürtigen Nabbinatsverweser Kohn erwählen, oder ob die alte Partei den Sieg davon tragen wird, steht dahin. Mehre hiesige Privat-Lehranstalten stehen in guter Blüthe. Auch ist eine Stiftung für eine Art jüv. Kleinkinderschule hier. Daß Mainz auch mehrere jüd. Kapazitäten besitzt, läßt sich erwarten, nur ist zu bedauern, daß der größte Thci! in dem breiten Schoos der christlichen Kirche sein-' Ruhe suchte, so Derenburg. gegenwärtig Profes. sor an der Universität zu Gießen, Levita, Richter in Mainz u.f.w Verschiedenes ans Berlin. Berlin im Dez. — Ich beeile mich Ihnen noch vorJahrcsschluß aus dem hiesigen jüdischen Leben einige Mitteilungen zu machen, welche aber dem alten Jahre noch angehören. Denn wenn daö neue Jahr für Israel irgend einmal Neues gebracht haben möchte, so dürste es mit diesem Jahreswechsel für uns Juden in den diesseitigen Staaten der Fall sein. Das neue Judeugefetz ist bereit seit fast einem halben Jahre ins Leben getreten, noch aber ist ein nicht unwichtigerTheil desselben, nämlich die sociale Organisation der Juden, unausgeführt. Es ist mehr als wahrscheinlich, daß gleich mit dem Beginne des kommenden Jahres der Befehl von oben kömmt, sofort durch de» ganzen Staat die Spnagogen-Gcmeindcn mit ihren mannichfache» Gliederungen zu bilden; denn schon in diesem Monate werden di»'Vorbereitungen dazu durch unser Polizei-Präsidium getroffen. Wenn ich daher oben sagte, daß das neue Jahr uns Neues bringt, so muß ich natürlich darunter verstanden haben nicht nur einen Wechsel der Personen, ohne einen Wechsel der Meinungen, sondern eine Veränderung in beiden. Wenigstens iß man hier allgemein der Ansicht, daß die Repräsentanten und Vorsteher, auf welche die Wahl hingclenkt werden dürste, nicht mehr, wenigstens nicht der Majorität nach, dem ancien regirae angehören werden. Es wird zwar ein harter Kampf werden, aber doch wird zweifelsohne der neuere Geist den Sieg davon tragen. Welche Gestaltung alsdann unser sociales und religiöses Gemeindcwesen annchmen wird, laßt sich bis anf'S Einzelne nicht voraussehen, obgleich Einem die allgemeinen Gesichtspunkte nicht entgehen können. Zu letzteren dürsten nicht unwesentliche gottesdienstliche Reformen gehören, da diese auch von religiöS- Conservativen gewünscht werden, während Reformen im Ceremoniell noch auf längere Zeit werden zurücktreten müssen, da sich das Bedürfniß nach denselben minder mächtig heraussteltt. ES ist sogar zu hoffen, daß die Tochter, ich meine die Reform, welche im neuen jüdischen Gouvernement die Oberhand gewinnen dürste, der Mutter, nämlich der alten Gemeinde, die Hand reichen, und in der sofortigen Errichtung einer zweiten Synagoge eine Vereinbarung zu Stande bringen werde *), da eö doch gewiß ist, daß Eintracht Stärke verleihet, welcher elfteren wir Juden noch immer in religiöser nicht minder, als in socialer Hinsicht bedürfen. (Schluß folgt.) *) Dagegen sind unS jedoch von anderer Seite mancherlei Bedenken geäußert worden, und hoffen wir dieselben demnächst mittheilen zu können. Die Redaktion. Druck von Fried. Krähe in Offeubach. Vcrlag ver I. E. Her»«an»'scheu Buchhandlung in Frankfurt a. M.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.