Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 1 (4.1.1846)
- Date
- 1846-01-04
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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4k Literatur", daher auch die seltsame Zusammenstellung von Namen, welche wir in dem (gleichfalls von Zunz herrührenden) Artikel: Jüdische Literatur im neuesten Brockhauö'schen Conversations-Lerikon finden, wo unter den lebenden Trägern dieser Literatur neben Jost, Rappoport, Salomon u. A. auch Meier Hirsch, Ephr. Unger, P. Rieß, Valentin, Leon Halevy u. A. genannt werden, Männer, deren Leistungen im Gebiete der Mathematik, Physik, Physiologie und Musik gewiß bedeutend find, aber mit dem Judenthum in gar keiner Verbindung stehen. So lange die Juden ein besonderes Volk bildeten, könnte wohl von einer unter ihnen eigenthümlichen Pflege der verschiedenen Zweige menschlicher Erkenntniß die Rede sein, aber auch da bezeichnet es gerade das charakteristisch Jüdische, daß ihre ganze Anschauungsweise eine durch und durch religiöse war. daß sie Alles von tcligiösem Standpunkte auffaßten, ihre Sprache für religiöse Begriffe reich, fiir andere Gebiete höchst arm war. ihre Naturbetrachtung lediglich das Wirken Gottes in der Natur zum Zwecke hatte, ihre Geschichtschreibung nicht den seiner Entwickelung entgegenreifenden Menschengeist und den inner» Zusammenhang der Ereignisse zur Anschauung brachte, sondern die Thatsachen als eine unmittelbare Wirkung der göttlichen Vorsehung darstellte. Als die Juden dann aufhörtcn, ein selbstständiges Volk zu sein, zuerst von andern mächtigeren Völkern abhängig, dann aber zerstreut in den verschiedenen Gegenden lebten, da concentrirte sich ihr ganzer geistiger Kampf auf die Erhaltung ihrer religiösen Eigenthümlichkeit, in andern Wissenschaften erstrebten sie keine sie auszeichnende Besonderheit; entweder sie nahmen von dem Volke, unter welchem sie lebten, die herrschenden Ansichten und den Schatz des Wissens auf, wie unter Griechen und Arabern und in neuester Zeit unter den Völkern, welche an der Spitze europäischer Gesittung stehen, oder sie wehrten die Wissenschaftlichen Bestrebungen, als ihre religiöse Eigenthümlichkeit gefährdend, ganz von sich ab, wie im christlichen Mittelalter. Wie kann demnach aus diesen Gebieten die Rede sein von einer besondern jüdischen Literatur? Von einer Theilnahme der Juden an der allgemeinen Literatur, der Juden eines bestimmten Landes an der bestimmt ausgeprägten Literatur ihres Landes kann wohl gesprochen werden, besonders wenn das Volk, unter dem sie lebten, eine höhere, alle religiöse Besonderheiten überwältigende Geistesbildung besaß und — was meist damit zusammenhängt — auch keinen gcisttödtenden Druck über die Juden verhängte; aber dann gingen sie und gehn sie auch bei ihrer Theilnahme ganz in der Entwicklung dieses Volkes auf, ohne sich für andere Gegenstände als die ihres religiösen Lebens eine modificirende Eigenthümlichkeit zu bewahren. Also die jüdische Literatur ist eine jüdisch-religiöse, und wenn man sie in Betracht dieser Eigenschaft als rabbinische bezeichnete, so ist Dies keineswegs unrichtig, soweit sich Dies auf die spätere Entwickelung derselben bezieht, während man die frühere die hebräische nennt, freilich eine religiöse Literatur nicht im engsten Sinne des Wortes, sondern in dem Sinne, in welchem Alles, was zum Anbaue des religiösen Lebens nach seiner eigenthümlichen Auffassung, zur tiefem Begründung der religiösen Ueberzeugungen, zum genauem Verständnisse der religiösen Urkunden gehört, ein nothwendiges integrirendes Moment dieser Literatur bildet, weßhalb dann Schriften über die Sittenlehre, die aus dem Judenthume fließende Rechtsprechung, die religionsphilosphifche Behandlung der Methaphyfik und neben der Bibelregese auch überhaupt die Pflege der hebräischen Sprache Theile dieser Literatur ausmachen. Jedoch darf das äußerliche Moment, daß Schriften auch andern Inhalts in hebräischer Sprache abgefaßt wurden, diese nicht als der speciellen jüdischen Literatur angehörig bezeichnen; sie zeigen blos eine Anomalie in dem Bildungszustande der Juden gewisser Zeiten und gewisser Gegenden, die auch eine blos vorübergehende war, während im Gegentheile, sobald das Volk eine wahrhaft vaterländische, d. h. überhaupt eine selbstständige Bildung besaß und die Juden mit auf der Höhe der Zeit standen, selbst Werke, welche mit vollem Rechte der jüdischen Literatur eignen, in der Landessprache abgefaßt wurden. Die. (ateiqjschgeschriebenen Werke im Mittelalter werden nimmermehr einer lateinischen oder'gar römischen Literaturgeschichte zugetheilt werden können, insofern sie nicht dem eigentlich philologischen Kreise angehören oder durch ihre Darstellung die sorgsame Pflege des Lateinischen bekunden; sie geben blos ein Zeugniß dafür, daß das Volk, welches sich zu seinen schriftstellerischen Leistungen einer andern Sprache bediente, seine eigne Individualität noch nicht vollständig ausgeprägt hatte, daher aber auch bei manchem äußern Wissen, das es besitzen mochte, zu einer innern Durchbildung noch nicht gelangt war, also eine Literatur im höheren Sinne des Wortes gar nicht hatte. Ebenso war bei den Juden der Gebrauch des Hebräischen, insofem religiöse Zwecke nicht eng damit verknüpft waren, immer ein Zeichen vom Mangel einer vollen, an die allgemeine Landesliteratur sich anschließenden Bildung, was im Allgemeinen so viel bedeutet, als daß in ihrer Gegend überhaupt eine höhere Cultur nicht vorhanden war, die sie zwang, sich ihr anzuschließen, so daß sie entweder sich fiir sich selbst ganz abschloffen oder ihren Glaubensgenossen anderer Länder, welche auf einer höhern Stufe standen, Aufmerksamkeit schenkten und deren Schriften durch Uebersetzung ins Hebräische sich anzueignen suchten. (Schluß folgt.) Verlag der I. C. Hermann'schen Buchhandlung in Frankfurt a. M. — Druck von Fried. Krähe in Offenbach.