Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 51 (21.12.1845)
- Date
- 1845-12-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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410 für den, der unsere kläglichen kirchlichen Zustande seit einer Reihe von Jahren beobachtet hat. Wenn irgendwo, so hatte der Todfeind aller höher» Bestrebungen, der sich so gerne mit dem schönen Namen der Toleranz schmückende Jndifferentismus in den größer» Städten unseres Landes seinen Sitz und sein Reich gegründet. Man sah unbesorgt, oder besser: man sah gar nicht den Verfall der jüdischen Religion und ihrer Institute von Tag zu Tag immer mehr zunehmen, die streng gläubigsten Eltern verstatteten den jüngern Gliedern ihres Hauses eine freie, unbeschränkte Rede - und Handlungsweise und waren damit vertraut, ihre Kinder dem jüdiichen Leben und jüdischer Sitte sich völlig entfremden, altehrwürdige Gebräuche und heilige Satzungen abwersen und mitleidig belächeln zu sehen. Man ließ sich's sogar gefallen, daß selbst Israels Lehrer, die versammelten Rabbiner zu Braunschweig das alte Gebäude, welches den Stürmen von Jahrtausenden getrotzt, für morsch und baufällig erklärten und eine Restauration damit vorzunehmcn sich entschlossen, die Alten wollten, oder konnten die Risse nicht bemerken, und die Jungen verschmähten den Neubau; so ging die denkwürdige erste Rabbinerversammlung spurlos an unsern Gemeinden vorüber. Erst als die reaktionäre Partei sich schaarte und dem religiösen Fortschritte den Krieg offen erklärte, als nämlich mehrere vaterländische Rabbinen gemeine Sache machten milder polnisch-ungarischen Koalition, um in geheiligter Doppelzahl die Zeit in ihrem Fortgange zu hemmen, als der freventliche Versuch gewagt wurde, das im Bau begriffene Haus Israels in seinem Fundamente zu erschüttern und die Bauleure — 7:12 yn *npn hx — in den Abgrund zu schleudern, dann erst erwachte der Much der Jugend wieder und raffre sie sich auf, die feindlichen Angriffe kräftig abzuwehren. Wie in der empirischen Welt die Gegenwirkung der Wirkung gleichkommt, so auch in der intellektuellen, der Widerstand weckt die schlummernde Kraft und reizt zur Thal. An dem nämlichen Tage, als unsere Gemeinde mit den» Proteste der 77 bekannt und unsere indolenten Orthodoren aufgescheucht wurden, mußte auch der Jndifferentismus sein Reich aufgeben und einer neuen thatkräftigen kirchlichen Bewegung Platz machen. Der intellektuellen Mehrzahl der jüdischen Gemeinde Mannheims gebührt das Verdienst, die erste, nicht allein dieses Landes, sondern aller Orten gewesen zu sein, welche sich der anmaßlichen Protestation der 77, wozu auch der kiesige Stadtrabbiner Traub nebst andern vier badischen Rabbinen zu zählen, in einer öffentlichen Erklärung widersetzte, und in dem sie ihre Sympathie für die erste Rabbincrversammlung zu erkennen gab, der bevorstehenden zweiten ihre Theilnahme und Unterstützung durch alle ihr zu Gebote stehende Mittel feierlichst versprach. Diesem Beispiele folgten bald viele andere Gemeinden des Großherzogthums, theils durch schriftliche Erklärungen, theils mittelst sprechender Tbatsachen, der Geldbeiträge für die zweite Rab. Vers, den Protest der 77 zurückweisend. Was die hiesige Gemeinde insondernheit angeht, so ließ sie cs nicht bei der schriftlichen Erklärung bewenden, sondern wollte das dort abgegebene Versprechen: die Reform thatkräftig mit allen ihr zuständigen Mitteln zu unterstützen, auch bald zur Wahrheit machen. Es bildete sich zu dem Ende ein „Verein für die Verbesserung jüdischer Zustände," dessen wesentlichste statuarische Bestimmungen bereits in diesen Blättern ausgenommen wurden, und wovon namentlich § 3 hervorgehoben zu werden verdient, demzufolge der Verein sich's zur Aufgabe macht, den Beschlüssen der Rabbincrvcrsammlung Aufnahme zu verschaffen sowie selbstständige Anträge an sie zu bringen, ihr überhaupt möglichsten Vorschub zu leisten. Demgemäß hat der Verein dem Comitv der Frankfurter Rab.-Vers, einen Geldbeitrag von Fl. 213 zustellen und eine Denkschrift durch eines seiner Ausschußmitglieder, den Klausrabbiner Wagner, der Rabbinerversammlung überreichen lassen. *) Bald darauf wurde in Karlsruhe ein ähnlicher Verein gestiftet, der freilich bei der überwiegenden Mehrzahl von Orthodoren der dortigen Gemeinde, größere Schwierigkeiten zu überwinden hatte, um nur eine verhältnißmäßig kleine Anzahl von Mitgliedern zu gewinnen, als der hier bestehende, welcher [bei seiner Gründung gleich nahe an 100 Mitgliedern zählte. Da indessen die genannten Vereine sich's zur unabweislichen Aufgabe gemacht nur auf gesetzlichem Wege und durch gesetzliche Mittel eine religiöse Reform zu Stande *) Die Angriffe und Schmähungen, welche schmutzige Skandal-Blätter gegen den Inhalt dieser Denkschrift, wie gegen deren Verfasser häufen, kann man um so mehr mit Verachtung zurückweisen, als die 2. Rab. Vers, diese Denkschrift mit einer anerkennenden, ehrenden Antwort bedacht hat.