Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 49 (7.12.1845)
- Date
- 1845-12-07
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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400 welche mehreren hundert Mitgliedern inne zu halten geboten ist, erlaubt sich Hr. Dr. Stern nichts desto weniger selber zu verletzen, indem er sich herausnimmt, ganz außer der Reihe nach Belieben d. h., so oft ein Redner einen den Ansichten und Anträgen der Bevollmächtigten ungünstigen Eindruck auf die Versammlung gemacht zu haben scheint, das Wort zu ergreifen. Er fetzt dann lang und breit feine „unmaßgebliche Meinung" auseinander und macht über den vorhergehenden Redner allerhand Randglossen. Auch zu Ende einer jeden Debatte erlaubt er sich ein Refummv zu geben, das natürlich die Ansichten der Bevollmächtigten im glänzendsten Lichte erscheinen läßt. Durch diesen ungesetzlichen bei parlamentarischen Verhandlungen durchaus unerhörten Kunstgriff, der sich um so verwerflicher heraussteüt, je größer vas .'-cednertälent des Hrn. Dr. Stern ist, dem Niemand in der Versammlung die Wage zu halten im Stande ist; durch diesen Kunstgriff, sage ich, hört die Entscheidung der Versammlung auf, eine freie und unbefangene zu sein, was doch vor Allem nöthig ist, wenn man derselben einiges Gewicht beilegen soll. Diesen erschlichenen Einfluß, den Hr. Stern auf die Bildung der Majorität geübt hat, merkt nun ein großer Theil der Mitglieder hinterher sehr wohl unv find dann natürlich unzuftieden. daß sie nicht sowohl überzeugt als augenblicklich überredet für Etwas gestimmt haben, was mit ihrem besten Wissen und Gewissen nicht im vollkommnen Einklänge steht. — Die Vorlesungen des Hrn. Dr. Stern, die er für diesen Winter angckündet hat, beginnen Mittwoch den 26. d. M. Das allgemeine Thema lautet: „über die Religion des Iudenthums" welches wieder wie im vorigen Winter in einem Cyclus von acht Vorlesungen abgehanvett werden soll. Der Inhalt der einzelnen Vorträge, wird fotgendcrmassen specialisirt, die Religion un^.-das Religionsbedürfniß des Menschen. 2) Die Religion in ihrer geschichtlichen Entwicklung; die Offenbarung. 3) Standpunkt des Juden - thums: Die Gottesidee. 4) Die Sittlichkeitsidee unv das Sittengesetz. 5) Messiaslehre und Unsterblichkeit. 6) Das Ceremomalgesetz. 7) Gebet und Cultus, Sabbath und Festtage. 8) Die Zukunft des Iudenthums. Die Vorlesungen des Hrn. Dr. Sachs werden wohl erst in einigen Wochen beginnen können, da derselbe unpäßlich ist. Uebrigens wird der Erwäg derselben nicht, wie es früher hieß, zu einem wohlrhätigen, sondern zu einem gemeinnützigen Zweck verwendet weiden, und zwar höchst wahrscheinlich zur Gründung eines neuen Ciltur- Vereins, da es ganz sicher ist. daß der alte sich nächstens auflösen wird. Aabbinate in Vberschlesien. Gleiwitz Oberschles. Es ist eine erfreuliche Erscheinung, daß auch die jüdischen Gemeinden in unserm Schlesien immer mehr das Bedürfniß fühlen, die Rabbinate mit wissenschaftlich gebildeten Theologen zu besetzen, welche die Forderungen der Zeit mit dem Wesen des Iudenthums zu vereinigen wissen. So hat die jüdische Gemeinde zu Rosenberg den Dr. Lewy gewählt, welcher nach gemachtem Abiturienteneramen in Breslau das akademische Triennium absolvirt und in Halle rite prsmovirt hatte. Die Gemeinde zu Brieg berief den Candidaten B. Frievmann, welcher ebenfalls regelmäßige Studien in Breslau gemacht, zur Abhal. lung von Probepredigten die er auch in den eben verflossenen Tagen mit großem Beifall abhielt, so daß dessen definitive Anstellung um so eher erfolgen dürfte, als die k. Regierung einen jährlichen Beitrag von 50 Rthlrn. bewilligt hat. Auch die Gemeinde in Oppeln hatte den Candidaten I. Landsberger zur Abhaltung von Probepredigten berufen, wobei er gleichfalls vielen Beifall eingeerntet haben soll. Um so beklagenswerther ist es aber, daß unsere größere und bedeutsamere Gemeinde, in welcher der Sinn für das Bessere nicht minder geweckt ist, Gefahr lauft, ein polnisches Jüdchen mit gekrümmtem Rücken zum Rabbiner zu erhalten, welcher mit ven Ueberresten ves alten Pharisäismus auch noch die neuern Künste ves Jesuitismus verbindet. Es ist dies ein gewisser Herr Grätz, welcher ohne alle regelmäßigen Studien sich in Breolau einige Jahre herumgetrieben und bei den dortigen Rabbinatswirren fick zum Gegner des Hrn. Rabbiner Dr. Geiger aufgeworfen hatte. Dieser suchte er in dem „Orient" durch die lügenhaftesten Verläumvungen anzuschwärzen, ohne daß aber Hr. Dr. Geiger unv seine Freunde es für nöthig gehalten, einen solchen Gegner auch nur mit einem Worte zu begegnen. So trieb er dieses seiner würdige Handwerk ungestört fort, und nun will er den Lohn für seine Dienste, die er der Orthodoxie geleistet haben soll, empfangen,' nämlich ein Rabdinat erschleichen. Vor einiger Zeit war er auch hier und wurde zur Abhaltung einer Predigt am Vorabende des Versöhnungstages zugelaffen. Unglücklicherweise aber, vergaß er, die ausgeschriebene Predigt mit sich zu nehmen, und als er den ersten Satz mit Pathos vorgetragen hatte, blieb er nun stecken und konnte die weiteren Worte nicht finden. Nachdem er noch vergeblich das Manuscript in den Taschen herumgesucht. simulirte er ein Unwohlsein, das ihn an weiterm Predigen behindere, doch blieb er während des ganzen Gottesdienstes in der Synagoge, unv zwar, wie es von seiner Frömmigkeit nicht anders zu erwarten war, iTPDJO Ja er ist auch die ganze Nacht hindurch wach geblieben unv mit seinem Hauswirth Hrn. Silbergleit, den ganzen Traktat Zoma durchgegangen! Am andern Tage zu Nrlah stieg er abermals an die heilige Lade hinan und las die Predigt von einem Blatte ab. Da er ein äußerst schlechtes Organ hat, so daß man ihn in geringer Entfernung fast gar nicht versteht, so placirte ich mich bei Zeiten in seiner nächsten Nähe; aber nie ist mir noch so was Ledernes vorgekommen, als eben diese Predigt, und doch soll das Männchen, nach der Meinung der hiesige» Orthodoxen» grundgelehrt sein! Literatur - Blatt zum Israeliten des IS. Jahrhunderts. Herausgegeben von Dr. M. Heß. Von Neujahr 1846 an erscheint unter Mitwirkung der nambaftesten jüdischen Theologen, als Geiger, Holdherm, Herzfeld, Wechsler, Maier, Rebenstein, Auerbach, Herxheimer, Adler, Einhorn u. m. A., wöchentlich ein Likeratur-Blatr zum Israeliten des 19. Jahrhunderts. Dasselbe soll ein Organ für die höhere Wissenschaft des Iudenthums bilden; es wird Recensionen, Abhandlungen und literar. Aphorismen enthalten, und sich dadurch auszeichnen, kaß es das einzige gelehrte Organ sein wird, welches dem wirklichen Fortschritte huldigt und den Reformbestrebungen durch die Wissenschaft einen Anlehnungspunkt verschafft. Indem sich die meisten Mitglieder der Rabbiner-Versammlung als Mitarbeiter angeschloffen haben, wird die Bedeutung des Blattes nur gehoben, und kann solches in so fern gewissermaßen als deren Organ angeseben werden. In Betreff der Preise ist Folgendes festgesetzt: das Literatur-Blatt, welches nicht ohne den Israeliten abgegeben wird, kostet mcl. desselben 5 Thlr. oder 8 fl. 45 kr. jährlich; der Israelit allein, wie bisher 3 Thlr. oder 5 fl. 15 kr. jährlich. Verlag der I. C. Hermann'schen Buchhandlung in Frankfurt a. M. — Druck von Fried. Krähe in Offenbach.