Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 42 (19.10.1845)
- Date
- 1845-10-19
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2566751-2566964-2567006--1667-2569467- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
344 des Zelotismus gegen die Rabbiner entschieden zmückweist, und endlich möchte es sich doch nicht ziemen, bei k. Negierung so voreilig zu sei«, und über etwas sich auszusprechcn, um das man nicht befragt wird. Daß wir deßhalb „die Finger davon zurückzogen, weil uus kein reeller Nutzen vorleuchtete", diese Behauptung ist eine ordinäre Gemeinheit, und erkläre ich deßhalb den Einsender für einen Berläumver und für einen ehrlosen Menschen, mit dem Beifügen, daß ich wenigstens ihn keiner Antwort mehr würdige, bis er sich nennt. Wer solche infame Anklagen gegen die Rabbiner eines ganzen Kreises öffentlich auszusprechen keine Scheu trägt, der darf sich auch nicht scheuen, seinen Namen zn nennen. Dr. Grünebaum, Bezirks-Rabbiner. Pit Se lchne idung; K.ley's Schrift. Breslau. Der hiesige jüdische Daguerreotypist, Hr. Julius Brüll, welchem dieser Tage ein Knabe geboren worden, hat den festen Entschluß gefaßt, die Beschncidung an ihm nicht vornehmen zu lassen. Das polnische Gesindel, welches sich hier mehr als anderswo herumtreibt, erhob sofort ein jämmerliches Zetergeschrei und glaubte, daß die Polizeibehörde Hrn. Brüll zwingen werde, den Knaben entweder zur Beschneivung cder zur Taufe herzugeben. DieAeußerung des Polizei-Präsidiums ging aber dahin, daß es sich um diese Angelegenheit nicht kümmern könne, weil keine gesetzliche Bestimmung darüber vorliegc. Die Standhaftigkeit des Hrn. Brüll mit welcher er seiner Ucbcrzeugung und ihren Consequenzen treu bleibt, verdient in unserer Zeit, wo die Meisten nur in ewigem Schwanken ihren Halt suchen, um so größere Anerkennung. Das in Preußen von ihm zuerst gegebene Beispiel wird bald Nachahmung finden, uud es steht auch nicht im entferntesten zu befürchten, daß von Seiten des Ministeriums dem Aufgeben dieser barbarischen und bedeutungslos gewordenen Ceremonie Hindernisse in den Weg würden gelegt werden. Die preußische Negierung hat in der neuesten Zeit mehrfach ausgesprochen, daß sie das Prinzip der vollsten individuellen Gewissensfreiheit nach keiner Seite hin angetastet wissen wolle. Wer fää Gesetz der Beschneidung in der Bibel und im Talmud mit unbefangenen Augen prüft, wird es eingestehen müssen, daß weder hier noch dort der Beschneidung eine sakramentale Weihe beigelegt wird, ohne welche man kein Jude sein könne. Gesteht man aber dies ein, so mag man der Beschneidung eine noch so große Bedeutung vindiziren, es wird doch verabscheuenswerther Fanatismus bleiben, wenn man gegen Diejenigen, welche die Beschneidung als bedeutungslos verwerfen, die Staatsgewalt in Anspruch nehmen will. Eben haben wir ein interessantes Schriftchen: „Noch ein Wort zur israelitischen Rcformftage. Eine Stimme aus dem Volke, vielleicht auch eine Stimme in der Wüste," gelesen. Es ist in Hamburg erschienen und nach Vorwort und Inhalt wahrscheinlich vom Dr. Kley verfaßt. *J Wir werden darauf noch zurückkommen. Zeitbewegungen. Von der polnischen Grenze. Auch bei uns wird eö nach und nach heller und ich übertreibe gar nicht, wenn ich sage, daß dazu das Beispiel Breslau's besonders beiträgt. Geiger, sagt man auch hier, werde bald eine Schrift veröffentlichen, die recht scharf einschneiven soll und man freut sich im Voraus schon um deßwillen darauf, weil die verrosteten Richtungen anfangen sich etwas breit zu machen. Ich glaube übrigens, daß dieses an sich gut sei; sie müssen dann aus ihrer Nebelhaftigkeit heraus und der gegenwärtige Fluch, vas Resultat der Verworrenheit, muß schwinden. Die Zeit wird von Tag zu Tag ernster, aber dadurch auch ernstlicher vorbereitend auf eine helle Zukunft. Diese freudige Hoffnung mögen wir in das neue Kirchenjahr mit hinübernehinen; Es bedarf des Anfbietens all' unserer Kraft. Daß übrigens das Streben der Besseren, trotz aller cntgegenwirkenden Umtriebe sich Anerkennung verschafft, davon habe ich den Beweis in der Breslauer Gemeinde die sich auch theilweise gegen die Rabbiner - Versammlung aufregen ließ, die aber nun gerade dadurch zu klarer Einsicht gelangt und für Reformen immer empfänglicher wird. Der redliche Rabbiner, dem es eben sowohl um seine Grundsätze und um einen ehrlichen Fortschritt zu thun ist, wie um eine möglichst friedfertige Fortbildung seiner Gemeinde, wird freilich hart bedrängt von der Unklarheit und Lügenhaftigkeit auf der einen, wie von der unbesonnenen Hitze auf der andern Seite; aber da muß sich eben fein Muth und seine Umsicht bewähren. *) Nach einer Corresponden; in der D. Allg. Ztg. ist dieser wirklich der Verfasser. Redaction. Verlag der I. C. Hermann'schen Buchhandlung in Frankfurt a. M. Druck von Frier. Krähe in Offenbach.