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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1845-10-05 · Heft 40 (5.10.1845) · page 8

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
6 (1845)
Issue
Heft 40 (5.10.1845)
Date
1845-10-05
Page
– (sequence 8)
Language
German
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33S Irn wessen rann schon, wie es gemeint ist. Und von dieser Seite erwarten die beiemchen Altgläubige»das Heil Israels. Den Männern dieser Partei gibt man sich vertrauungsvoll hin, in ihnen glaubt man eine Stütze des Iudenthums zu haben, weil sie sich zur Waffe gegen den Fortschritt bcrgeben. Zu diesen, ja zu diesen wenden sich die sogenannten Frommen und rühmen ihre Frömmigkeit wegen des Schutzes, der ihnen gegen jeden Fortschritt zu Theil wird! O der Verkehrtheit! O der Verblendung! Haben wir da nich*t Ursache, zur Betrübniß und Klage? Doch die Wahrheit hat schon oft triumphirt, sie wird es wieder! Die Hölle mag jauchzen, der Himmel wird siegen! — Der Herzog von Cambridge. Studien der englischen Juden. Soldschmidt. London im August. Die Juden haben im vereinten Königreiche im Herzog von Cambridge einen neuen fürstlichen Protektor gefunden, welcher sich der jüdischen Interessen und Zwecke auf eine Weise anzunehmcn scheint, welche das Hinscheiden des edlen, um die jüdische Bevölkerung so sehr verdienten, Herzogs von Süsser, einigermaßen verschmerzen läßt. So hat er vor kurzem der Jahresfeier des großen jüdischen Hospitals, dessen Patron er ist, in eigner Person präsivirt; dieser Feier wohnten auch mehrere Parlamentsmitglieder, unter welchen der Deputirte Dyng als eifriger Beförderer der Iurcnsache besonders hcrvorznheben ist, bei. Daß Rothschild, Montefivre, Salomons u. s. w. nicht gefehlt haben, braucht kaum gesagt zu werden. — Unsere Glaubensgenossen auf dieser Insel scheinen für den Musendienst, ohne darum den Tempel Merkurs zu verlassen, eine gewisse Vorliebe zu gewinnen. Schaaren von Jünglingen widmen sich den Studien, den profanen, wie besonders den heiligen, aber auch der Kunst, und hier wieder besonders dem Pinsel, beg nnen sie in neuester Zeit ihre Muße zu weihen. So hatte die jüngste hiesige Kunstausstellung mehrere Meisterwerke aufzuweisen, welche von jüdischer Hand henühren. Jüdischen Inhalt und Geist trägt besonders eine Composition, die den Simchath Torah darstellt, und welche nicht ohne Staunen und Anerkennung beschaut werden. — Golvschmidt ist für die Grafschaft Middlesser als Deputy L i e u t e n a n t (zu deutsch wohl: Stellvertreter des Vicekönigs) ernannt worden. Goldschmidts religiöse und geistig,' Bildung ist hier zu Lande fast sprichwörtlich geworden. — Der Intoleranz der preußischen Freimaurer gegenüber führe ich Ihnen den liebevollen und duldsamen Geist der englischen an. L. Samuel in Liverpool ist nicht nur Mitglied der Loge, sondern er wurde auch schon 21 Jahre nacheinander als Kassenführer gewählt. In diesem Jahr hat er auf dieses Ehrenamt verzichtet, warauf man ihm für seinen treuen Eifer für die Sache der Gesellschaft und der'Menschheit einstimmig eine Adresse überreichte, die seine Verdienste gebührend würdigte. — Jüdische Zustände. (Raab, im August) Der Ausruf in Nro. 1 Ihres geschätzten Blattes an das in Umwälzungswehen liegende Israel - Was thut unserer Zeit Noth? hat mich ganz gemüthserschüttcrnv durchdrungen. Sett 4 Monaten bin ich einen Theil des Ungerlandcs durchstreift — überall wo menschlichfühlenoe Israeliten wohnen — ertönt ein Weheruf über vie mißlichen Zustände im Israelitenthum; überall will man das Joch der mittelalterlichen rabbinischen Gcistesunterdrükkung abschütteln; jeder ist in gespannter Erwartung, was doch die Geburt dieser kreisenden und wehevollen Zeit sein wird — ob ein Männliches zur Welt kommen wird? — Aber Wehen über Wehen und noch keine Geburt! Ich will nur einige in renommestehendc Gemeinden, wo mmschlichfühlenve Israeliten wohnen, die ich während meiner Durchreise kennen lernte — erwähnen. Bon der nach Polen abgeschlckten Klageschrift gegen die Beschlüsse der Braunschweigcr Rabbiner-Versammlung — wissen sehr wenig Rabbinen, selbst die unterschrieben haben, können sich nur — träumend daran erinnern. In Großwardein ist die Autorität der ganz letztenPoskim so mächtig und furchteinflößend beim größten Thecl der Gemeinde, daß der Rabbiner heftig zurückschrack, an einen ihrer scharfen und spitzigen Schrankenminhagim — Hand zu legen. In Mischkoltz lebt der Rabbiner in einem erbärmlichen Ansehen, indem sich seine Wirksamkeit nur über kleine Geldprozesse erstreckt, um die er sich eifrig bekümmert, da sie doch Sporteln abwerfen. Diese und mehrere Gemeinden leiden an Wehen, haben aber keinen tüchtigen Geburtshelfer, der hilfreichwirkend das Gute an den Tag fördert. In Papa kostete die Streitfrage, ob die Bima in der neuen Synagoge soll zur Bundeslade placirt werden — viel Geld und des Rabbiners Leben. — In Raab hörte ich den in eine Kutte gehüllten polnischen Chassan beten oder vielmehr schreien, da er nicht richtig lesen kann, 4—5 Kinder stanven hinter seinem Rücken, die das Chor vorstellen sollten. Der Rabbiner hielt eben eine Rede, dieserMann besitzt Kenntnisse und hat eine wohlklingende Aussprache; doch entging er unlängst den Mißhandlungen des Vorstandes nur dadurch, daß die Behörde mit der Drohung eingeschritten ist, alle Vorsteher ihres Amtes zu entsetzen, wenn dem Rabbiner nicht mit gebührender Achtung begegnet würde. Die Veranlassung dieser Mißhandlung war, die Weigerung des Rabbiners, ein verrufenes Mädchen mit einem zum Bräutigam eilend getauften Kohen prunkvoll in der Synagoge trauen zu lassen. — Der Vorstand hatte aber gewisse Ursachen, dieses Mädchen ordentlich unter die Hände zu bringen. — Das erniedrigende Wuchergeschäft ist so überhandnebmend, daß selbst in dem Verwaltungsamte der Vorsteher Wuchcrmntricbe gelten. Synagogenwesen ist Wucher, das Schulwesen seufzt unter der Bürde der Wucherei. Der Lehrer hat nur dce Kinder ves Vorstehers einige Stunden gratis zu unterrichten; so kann er auf eine bedeutende Gehaltserhöhung aus der Gemrindekasse gewiß rechnen — ob die arinen, elternlosen Kinder auch gewissenhaft unterrichtet werden, ist keine Frage; die Vorsteher haben ja Geld — ihnen gehört alles. — Ueberhaupt gewann ich während meiner Reise immer die peinliche Ueberzeugung — daß nicht die Rabbinen immer die Schuld an unserem Unglück sind, sondern daß es an gewissenhaften Vorstehern fehle, die ohne eigenes Interesse den aufstrebenden Geist der gebildeten Rabbinen unterstützen und ihrem frommen Feuereifer Beistand leisten. Verlag der I. C. Hermann'schen Buchhandlung in Frankfurt a. M. — Druck von Fried. Krähe in Offenbach.

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