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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1845-08-31 · Heft 35 (31.8.1845) · page 8

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
6 (1845)
Issue
Heft 35 (31.8.1845)
Date
1845-08-31
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Pit V tfomgtno/feafdjaft, die Labbiner - Versammlung; Sachs und die Grthodoren. Zerr Penda. £1 Berlin. Während die Deputaten der hiesigen Rcformgenosscnschaft ihre Mission bei der zweiten Rabbiner-Versammlung in Frankfurt verfolgten, war hier eine äußere Stille der Erwartung cingetreteu, dw ihren Grund nicht in kühler Unthätigkeit hatte, sondern vielmehr in der gespanntesten Aufmerksamkeit aus die Dinge die sich in der Ferne vorbereiteten, und bald zu einem für das deutsche Iudenthum so wichtigen Ereigniß entfalten sollten. Mit lebhaftem Interesse folgte man dem Gange der Verhandlungen, in denen sich der Geist offenbaren sollte, an welchen das lebendige Neformbedürfniß voll Hoffnung und Vertrauen appellirte; und mit innerster Befriedigung begrüßte man die Resultate der Versammlung sowohl für die Gemeinden überhaupt, als auch insbesondere für das angcknüpfte Wechselvcrhältniß zwischen den Rabbinern und der Rcformgenossenschaft. Die durch den Austritt zweier Mitglieder kaum vorübergehend bewirkte Störung, machte auch hier keinen bcsondren Emdruck: jeder Klarsehenoe erkannte augenblicklich den beabsichtigten Coup, der durch die aus sehr unhaltbaren Motiven fußende Erklärungen nur sehr schlecht verdeckt wurve. Die mündlichen Berichte der Dcputirten aber, die der günstigsten Eindrücke voll, eben zurückgekchrt sind, geben dem bisher noch unvollständigen Bilde der Versammlung in unsrer Vorstellung die schönste Vollendung. Diese wohlthätige Einwirkung ist um so erfreulicher, als einige Mitglieder entschieden gegen jedes Zusammenwirken mit den Rabbinern waren, die nun hoffentlich von ihren Befürchtungen zurückgckommen sein werden. — Die Antwort der Versammlung auf die Adresse hat nach Inhalt und Fassung allgemein befriedigt. — Während der Abwesenheit der Deputation wurde indcß die Veröffentlichung eines aus den Protokollen geschöpften oificiellcn Berichts über die Geschichte der Genossenschaft bis zur Absendung der Deputation an die Rabbiner-Versammlung, vorbereitet. Derselbe ist ebenso ausführlich als interessant behandelt, und wird in wenigen Tagen durch die Presse erscheinen. Ein zweiter Bericht über die weiteren Erfolge, wie namentlich über die Resultate der Deputation soll dem ersten unmittelbar Nachfolgen. Von dem Zerwürfnisse zwischen Sachs und dem orthodoxen Theil der hiesigen Gemeinde, werden Sie wohl schon gehört haben. Daß cs so kommen würde und kommen mußte, habe ich schon vor Jahr und Tag hier prophezeit, und dazu gehörte wahrlich nicht viel. Sachs möge nun rinsehen wohin die Verläugnung des eignen Lebcnsprinzips aus -Connivenz gegen den bornirten Standpunkt führtz trotz seinem rauhen Eliaseifer mit dem er gegen die Götzen des Tdges, wie er die Ideen der Zeit zu nennen beliebte, zu Felde zog, trotz der Milch der frommen Denkungsart, die in so reichlichen Strömen aus seiner Brust sich ergoß, trotz dem Heiligenschein der Rechtgläubigkeit, den er aus der glaubensschwülen böhmischen Atmosphäre mitgcbracht — trotz alledem und alledem hatte er nicht einmal so viel Credit bei dem Volke, daß cs sich ein Paar Piutim und ein Paar Kinoth nehmen lassen wollte. Als Sachs in der Synagoge sich geäußert hatte, die Gelehrten hätten die Piutim als unverdauliches Futter für den Haufen b eibehaltrn, entstand eine Aufregung, als hätte er das Grundgesetz ihrer religiösen Ueberzeugung verhöhnt; man aihmete an jenem Sonnabende in der Gegend der Rosen,straße den Duft der Revolution. Der Gemeindevorstand, rer mit Sachs über einige Verbesserungen des Cultus einig war, wendete sich deshalb wiederholt an Herrn Oettinger, um seine Zustimmung zu erhalten. Dieser aber, ronsequenter als sein College, behauptet seinen Standpunkt mit Entschiedenheit. Zn einem peremtorischen Resolut an die Vorsteher hat er vor wenigen Tagen erklärt, sich nie und in keinerlei Weise zu irgend einer Abänderung verstehen zu wollen, da der Talmud (Tractat Menachoth 32) ausdrücklich sage, „daß man selbst dem Propheten Eliah, wenn er vom Himmel käme und eine Ceremonie abänoern wollte, kein Gehör geben dürfe". Dagegen kann Hr. Dr. Sachs füglich auch nichts ciiiwenden; denn gegenüber. dem Talmud hat man nie Recht, auch wenn er von ganz andern Dingen reden sollte, als die in Frage stehen. Doch hat die Reform, wie man sagt, soweit um sich gegriffen, daß am n e u n t e n A b, mit Beibehaltung sämmtlicher sogenannter . Zions" von den übngen Kinoth nur 6 gesagt, dafür aber die Klagelieder Jeremias am Morgen wiederholt und eine Predigt gehalten wurden.— Einen sehr pckanten Gegensatz zu diesen Zuständen möge die Nachricht bilden, daß sich hier sonderbarerweise sehr viele Iuren einem Protest protestantischer Lichtfreunde gegen die Uebergriffe der Hengstenbergschen Dunkelmacherei angeschlossen haben. Der betreffende Protest ist zwar nur auf die Wahrung der Lehr- und Gewissensfreiheit, und gegen alle Art hierarchsscher Anmaßung so allgemein gerichtet, daß Männer jeder Confcssion mit ihm übcrcinstimmen werden; aber der Anschluß rer Juden hat an und für sich keine Bedeutung, da jene Demonstration , als von Protestanten ausgehend, allerdings eine bestimmte Partei trifft, die den christlichen Positivismus predigt und propagandirt; von Seiten der Juden ist dies aber nur eine Demonstration ins Blaue hinein. Denn die Gewissensfreiheit des Juden wird durch keine christliche Partei unterdrückt: einen Sinn hätte dieser Anschluß etwa dann, wenn man gegen den Einfluß des christlichen Posmvismus protcstirte, insofern er den Staat, dadurch, daß er ihn zum specifisch-christlichen stempeln will, in seiner natürlichen Entwickelung hemmt; und dies wäre aber eine politische Demonstration gegen die jetzigen Negierungstendenzen gewesen, und dazu hatte man wahrscheinlich den Muth nicht. Uebrigens verdankt m.rn diese unpraktische Verwirrung der Interessen wahrscheinlich dem Einfluß eines gewissen Herrn Benda, der an der Spitze der Protestirenden steht. Es ist dies ein etwas confuser Polygraph, in dessen Kopf gewisse praktisch-liberale Communaltendenzen in einem Dunstkreis von nebliger Mystik umherschwimmen und so ein eignes Chaos darstellen. Gestern orakelte er in der Vossischen Zeitung mit Bezug auf die obige Angelegenheit, daß das Christenthum die Religion Melchiseveks sei, also älter als Abraham. Er war also schon vor seiner Beschneidung ein Mitglied des Christenthums, und hat vielleicht deshalb bis jetzt auf die Taufe verzichtet. Verlag rer Z. C. Hermann'schen Buchhandlung in Frankfurt a. M. — Druck von Friede. Krähe in Offenbach.

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