Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 30 (27.7.1845)
- Date
- 1845-07-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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336 Von einem Herrn Lichten st ein: das das Thora-Vorlesen ohne den sogenannten Tropp nicht unrituell sei. Vom Rabbiner Treuenfels: die Rabbiner-Versammlung huldige dem Grundsätze der Gewissensfreiheit und wolle keine Proselytenmacherei. Vom Pfarrer Robert Haus: auf Verbreitung und Förderung des von ihm herausgegebenen Volks- und Ccntralblattes, in Rücksicht auf die humane Tendenz desselben. Sodann zeigten mit dem Ausdruck von Bedauern ihre durch häusliche Verhältnisse und Kränklichkeit verhinderte Theilnahme an dsr Rabbiner-Versammlung an: 1) der Prediger Lindemann aus Mannheim; 2) der Rabbiner Klein in Stolp; 3) der Rabbiner Dr. Levi in Gießen; 4) der Land-Rabbiner Friedländer in Brilon; welcher der Versammlung seine Schrift „über Abschaffung der zwecken Festtage und der Trauergebräuche" übermachte; und 5) die Baierischen Rabbinen, welchen von ihrer Negierung die Erlaubnis zur Theilnahme verweigert worden war. Zusrimmende Adressen waren eingegangcn: 4) von Obermoschel in der Pfalz; 2) von S ch w etzinge ii und 3) yon vielen Israeliten in Worms, deren Rabbiner auch zu den 77 gebört. Wir geben nun auf den Eommissionsbericht, betreffend eine neue Limrgie, über. Kirchenrath Maier, welchem die Eutwerfung übertragen war, verlas denselben. Er leit-ue ihn ein durch Vergleichung des Zuges der Israeliten aus rem ersten Lande ihrer Knechtschaft, aus Egypten, mit den jetzigen Zuständen. Bor ihnen das Meer imi seinen Fluchen, hinter ihnen Pharao mit seinem Heere. Moses, zum Gebete seine Zuflucht nehmend, ward aber die göttliche Mahnung: hs nm, 'dx pysn no '22 ‘ (2 Mos.) Was schreiest Du zu mir; sage den Kindern Israels, daß sie weiter ziehen. Doch sollte nur mit Behutsamkeit weiter gegangen werden und der erste Lehrer schlug einen langsamen, aber sicheren Weg ein, ja machte mitunter Rückschritte, um desto gewisser das Land der Freiheit zu erlangen. Also ergehe cs auch uns. Weder dürfen wir dem Beispiele der 77 folgen und bei den großen Gefahren, die das Iudenthum bedrohen, uns wie die 77 mit Beten begnügen, noch uns von der kleinen Schaar muthvoller Anhänger, wie sie sich in den eingegangenen Adressen aussprechen, mit Ungestüm vorwärts drängen lassen; sondern müssen einen besonnenen, aber um so sichereren Weg wählen, an das Bestehende anknüpfen und es allmählig weiter führen, und da sei es denn besonders der Gottesdienst, der unsere Aufmerksamkeit in Anspruch nehme; in ihm erblicken wir ein Band, durch welches eine Vermittelung, eine Versöhnung und endlich eine Vereinigung der streitenden Theile am besten bewirkt werden könne. Von einer völlig neuen Liturgie kann noch nicht die Rede sein; das Bedürfniß hiefür sei noch kein allgemeines; die täglich mehr sich vermindernde Theilnahme am Gottesdienste beruhe auf Indifferentismus, auf Unglauben, vorzüglich aber darauf, daß der dermalige Gottesdienst den Ueberzeugungen und Gefühlen der Betenden widerspreche. Man könne weder auf die Steiforthodoren Rücksicht nehmen, welche jede Reform des Gottesdienstes belächeln, weil eine solche für sie nicht nothwendig, auf die „vom Zeitgeiste Angesteckten" aber, wie sie glauben, nicht von nachhaltiger Wirkung sein werde; noch von denen sich bestimmen lassen, die in ihrem philosophischen Dünkel das Iudenthum als eine veraltete Lebensanschauung betrachten, dem nicht wieder aufzuhelfen sei; sondern müsse das Bedürfniß der vernünftigen Mehrheit vor Augen haben, die dem Geiste treu geblieben, nur in den jetzigen Formen keine Befriedigung mehr finden. Das Institut des Gottesdienstes falle in eine Zeit, wo die politische Selbstständigkeit der jüdischen Religionsgemcinde aufgehört habe. Man machte nun den Gott tesdienst zu einem nationalen lHmde und versetzte ihn mit nationalen Elementen. Erlösung sei das Gebet aller Gebete, der Mittelpunkt und die Grundidee von allen. Das habe sich wesentlich geändert; der Glaube an die Erlösung im alten Sinne, als Herstellung des israelitischen Reiches, sei erloschen; man könne jetzt bei diesem Worte nur an die politische Freiheit, an die Verwirklichung der bürgerlichen Gleichstellung der Juden in den Staaten, wo sie leben, denken, was aber dem Wortsinne widerspreche, darunt müsse die Erlösung nur geistig, als Herstellung des Gottesreiches, aafgefaßt, und hiernach der Ausdruck modisicirt werden. Ein zweiter Punkt betreffe die inhumane Gesinnung, wie in dem