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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1845-06-22 · Heft 25 (22.6.1845) · page 8

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
6 (1845)
Issue
Heft 25 (22.6.1845)
Date
1845-06-22
Page
– (sequence 8)
Language
German
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200 Spielereien und Grübeleien über verschollene Gesänge und Gebete, deren Verfasser und Lesearten, bringt, die in ruhiger Zeit ihren Reiz haben mögen, in unserer bewegten aber fast kindisch erscheinen; daß es nicht heute diese, morgen jene Farbe trägt; daß nicht dieselbe Nummer ein Pro und ein Contra enthält; mit einem Worte, daß es eine entschiedene Gefinnnng, eine sichere Richtung hat. Auf die Gesinnung aber kömmt es beim Herausgeber eines Blattes insbesondere an, und selbst die Gegner, wenn sie ehrlich und nicht in blinder Leidenschaft befangen find, müssen dies anerkennen , da ihnen die offene Darlegung Gelegenheit giebt. die abweichende Meinung kennen zu lernen und widerlegen zu können. Ist es einem Polen wie Rappoport nicht nützlich zu erfahren, daß wir deutsche, nicht polnisch-rabbinischeIsraelüen in Versuchung gerathen, an einen mit Tallis und Thephillin angethanen, mit Lulab und Esrog bewaffneten Juden die Frage zu richten: „wir kennen dich schöne- Maske"? daß uns ein Jude, der im Gebete „alle seine Gebeine reden" läßt, der mit seinem Lulab nach den vier Winven wedelt und dabei die herkömmlichen Körper - Bewegungen vornimmt, wie ein Dreh-Derwisch gemahnt? Daß unS ein Hirsch nicht mehr ist als ein türkischer Ulema, ein Sachs nichts anders als ein arabiHher Marabut? Ist es einem Böhmen wie Frankel nicht gut zu wissen, vaß man sich in Deutschland an seine erheuchelten Klagen, an sein süßsaures Geschwätz nicht kehrt, daß man sich nicht scheut jedes Ding bei seinem wahren Namen zu nennen, daß man Aberglauben nicht mit Glauben, Mißbrauch nicht mit Gebrauch, Abgestorbenes nicht mit Lebendigem verwechselt? Als Herausgeber des „Israeliten" müssen Sie davon «buchen, daß Sie zugleich Rabbiner sind; Sie geben keine theologische Zeitschrift heraus, sondern, wie die Ueberschrift sagt, „eine Wochenschrift für die Kenntniß und Reform des israelitischen Lebens;" des israelittschen Lebens, übersehen Sie das nicht, und mögen auch die, welche Sie anfeinden» sich das bemerken; erst wenn sich Nachweisen läßt, daß die Gesinnung, welche wir aussprechen, im Leben der Veutigen Juden keinen Boden und keinen Widerhall sinket, erst dann dürfen Sie ihr den Ausdruck in Ihrem Blatte verweigern, bis dahin bitten wir unsere Gedanken unverstümmelt, unsere Worte unverändert wiederzugeben, wogegen wir Ihnen die Befugniß nicht bestreiten, selche beliebig mit Anmerkungen zu begleiten. Das befürchtete Schisma. Aus Thüringen. Ein Bedenken, welches man nicht selten gegen die neuen Reform-Bewegungen äußern hört, ist, daß sie zu einem Schisma führen, welches unsere Kräfte zersplittern, die Reformer gleichgültig gegen den unglücklichen Zustand ihrer orthodoxen Brüder mache, und in kleinen Gemeinden Spaltungen Hervorrufe^ welche das Fortbestehen der Cultusanstalten selbst gefährden. Dieses Bedenken wird selbst von wohlgesinnten Männern und Freunden des Fortschrittes vernommen, aber es beruht darum nicht weniger auf einer Täuschung und einer völligen Verkennung des religiösen Natur des Menschen. Wer für einen heiligen Zweck ^sich zu begeistern anfängt, und so glücklich ist, denselben zu erreichen, seinen Gsdanken und Gefühlen Ausdruck und Gestaltung geben zu können, der wird nicht gleichgültig gegen die, welche noch zurückstehen, sondern nimmt vielmehr noch ein gesteigertes Interesse an ihnen, bietet Alles auf, sie allmälig zu gewinnen und zu sich heranzuziehea. Hingegen muß der in sich selbst vertrocknen und allen Sinn für die Angelegenheiten der Religion verlieren, in der die einmal er» wachte bessere Ueberzeugung nicht weiter gepflegt, nicht durch die ihr angewiesene Verwirklichung im Cultus kräftig und lebensvoll erhalten wird. Das sehen wir an den hunderten von Aufgeklärten in den größten israelitischen Gemeinden, die für sich längst jede talmudisch - pharisäische Fessel abgeworfen und — so zu sagen — ganz frei leben, aber sich um den unfreien Zustand ihrer übrigen Brüder nicht im Mindesten kümmern, gar nicht daran denken, sich um ihre religiöse Veredlung durch Hebung ihrer Cultusanstalten, durch Verbreitung guter Schriften, durch Heranziehung und Unterstützung erleuchteter Lehrer, oder auf sonst eine Weise, verdient zu machen. Erst wenn das Bedürfniß nach religiöser Ansprache, welches jetzt in unseren Aufgeklärten erwacht, seine volle Beftiedigung in großen Gemeinden erhalten hat, wird dortder so unheilvolle Zndifferentisrnus. der bis jetzt an dem innersten Mark unseres Lebens zehrte, verschwinden und einem edlen, gesinnungsvollen und thatkräftigcn Zustande Platz machen; in kleinen Gemeinden hingegen wird die in die Augen springende Gefahr einer Trennung von selbst die Entschiedenen darauf beschränken, die andere Partei zu zeitgemäßen Formen des Cultus zu stimmen, und es wird ihnen dieses ' gerade durch die Besorgniß einer völligen Trennung Seitens der Letzteren auch mehr, als bisher, gelingen. Ja wenn eine wirkliche Vermittelung zwischen beiden Parteien auf eine fruchtbare Weise überall möglich wäre, wenn nicht der Starrsinn und die Verblendung von Seiten der Orthodoxen und ihrer Führer so groß wäre, daß sie jede gemäßigte Reform verwerfen, wir wollten gern der Vermittelung das Wort reden und den Reformern rathen nicht auf die völlige Ausführung dessen, was der Standpunkt ihrer Bildung erlangt, zu bestehen. So aber muß das weise Geschäft der Vermittelung der Zeit überlassen werden, die dieses wohl versteht, die auf dem Wege des organischen Processes, der die ganze Geschichte und die ganze Natur durchdringt, auch unsere Zurückgebliebenen weiter und bis an das rechte Ziel bringen wird; so muß man sich mit der Zukunft getrösten, die den glücklichen Zustanv der Freiheit und der Erlösung für uns alle herbeiführen wird, inzwischen aber auch der Gegenwart, den Anforderungen des schon weit fortgeschritten Theils unserer Brüder ihr Recht nicht versagen, und dadurch zugleich den Fortschritt der übrigen anbahnen und fördern helfen. Verlag der I. C. Hermannten Buchhandlung in Frankfurt a. M. — Druck von Fried. Krähe in Offenbach.

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