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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1845-06-15 · Heft 24 (15.6.1845) · page 8

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
6 (1845)
Issue
Heft 24 (15.6.1845)
Date
1845-06-15
Page
– (sequence 8)
Language
German
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109 zu verdienen. — Die Welt darf inconsequent sein, das Gotteshaus sollte ein harmonisches Ganze bilden und keine Widersprüche dulden. — Ueber unser Schulwesen sollen Sie nächstens einen ausführlichen Bericht haben. Heute nur noch etwas ganz NOcs: ein neu projectirter Verein! „Wieder ein Verein!" Das ftage ich auch. Ja, ja, nichts als — Vereine und doch keine Vereinigung, könnte man sagen. Hr. vr. B. lud nämlich vor einigen Tagen die jüd. Nobilitäten zu sich ins Haus und suchte denselben begreiflich zu machen, daß es sehr Noth thäte, die s o c i a l e n Verhältnisse im Iudenthnme zu verbessern, wobei die Volksklasse am meisten zu berücksichtigen wäre; es sollen weder die religiösen noch die politischen Interessen hierbei berücksichtigt werden, sondern einzig und allein die socialen, die socialen. Das war der jedesmalige Refrain. Was darunter zu verstehen, wie es anzufangen, wie zu realifiren — ja darüber kann ich Ihnen nichts sagen, noch nichts sagen, weil man es in der Versammlung selbst nicht wußte. — Ich weiß nur so viel, daß wir an Vereinen großen Ueberfluß haben, und daß mehrere derselben sich vereinigen möchten, einen Verein zu bilden, der es sich angelegen sein laßt, der Armuth im Volke entgegen zu arbeiten und allen Rothleidenden in der Gemeinde Gelegenheit zu verschaffen, aus eine ehrliche unv redliche Weise durch nützliche Thätigkeit sich zu ernähren. Auf diesem Wege allein kann die Quelle so vielen Elendes verstopft werden. _ A. Jüdische Zustände. (Mannheim im Mai.) Die hiesige israelitische Gemeinde vereinigt alle Elemente in sich, wodurch sie hier am Mittelrhein ein Muster jüdisch-religiösen Fortschritts werden könnte. Mil Gemeindemitteln versehen, in ihren einzelnen Gliedern reich und unabhängig, aufgeklärt und mit der zeitlichen Bildung verttaut, besitzt sic alle Requisite, die sie an die Spitze der religiösen Bewegung zu stellen geeignet sind. Was aber ist der Grund, daß sie faktisch dennoch so sehr zurücksteht; daß ihr, was über die musterhafte Verwaltung der finanziellen Mittel hinausgeht, manche Dorfgemeinde voraugeeilt ist? Der Gottesdienst ist fast in verkommenem Zustande, die Liturgik noch ganz so wie vor Jahrhunderte^, kein Gesang, keine Chöre, keine Ordnung, keine Heiligkeit in dem Tempel. Za, die Synagoge selbst, das äußere Gebäude steht mit der Größe der Gemeinde unv mit ihren Mitteln in grellem Widerspruche. Da „wohnen sie in Häusern von Levern, die Bundeslade Gottes aber unter Teppichen." Was nun ist der Grund dieser ttaurigen Erscheinungen? Ist es der Indifferentismus der Gemeinde, wie ein Correspondent der A. Z. des IudenthumS Nr. 49 vom Jahr 1843 behauptete? Wir glauben es nicht. Mannheim ist nicht indifferenter als andere Gemeinden, in denen bereits Bedeutendes geschehen. Der Vorstand ist aufgeklärt, und da wo die Einsicht nicht fehlt, blos an dem Willen zu zweifeln: — ohne sichere Beweise möchte dies moralisch nicht erlaubt sein. Aber ein großer Theil der Schuld liegt offenbar in der völligen Impotenz des hiesigen Rabbiners. *) Wo solche Geistes-Castraten fungiren, deren Urtheilskraft geschwächt ist, die gefühllos find gegen den Ruf der Zeit, und unfähig zu irgend welchem energischen Eingreifen, da kann nichts Tüchtiges geschehen. Von den Rabbinern muß die Mahnung an die Gemeinden ergehn, gleich den alten Propheten müssen sie ihre Stimme erheben, und dem schlafenden Geschlecht verkünden: „es naht der Morgen! es naht der Morgen!" Gemeinden von solchen Mitteln, von solcherIntelligenz wie die hiesige, werden nie ganz Zurückbleiben, sollten sie auch von dem craffesten Indifferentismus inficirt sein. Aber auch der Großherzogliche Oberrath trägt einen Theil vcr Schuld. Wir wollen zwar die Verdienste des die religiösen Angelegenheiten leitenden Mitgliedes desselben, des Herrn Oberraths Epstein, nicht verkennen; wir wissen auch, daß derselbe aufgeklärt und, was de Ideen betrifft, eben so wie seine Herren Collegen, dem Streben unserer Zeit geneigt ist; aber der alte Mann besitzt zu wenig Energie, ist zu leise und vorsichtig, lavirt zu viel an den Klippen des ignoranten Landmanns und des hvpcrorthodorcn K'hila-Mohels u. s. w. herum, als daß eine tüchtige, an der warmen Mittagssonne unserer Zeit gereiste Frucht aus seiner Hand hervorgehen könnte. Soll ja der hiesige Klausrabbiner Wagner (ein Mann von tüchtiger Gelehrsamkeit und Gesinnung) deßhalb schon manchmal zurückgesetzt oder nicht befördert worden sein, weil er dem ängstlichen Alten zu frisch und stürmisch erscheint. — Doch cs wird bald hoffentlich anders und besser werden! Zur gefälligen Notiznah me. Herr A. in W. Ihr Sendschreiben hat wegen 'eines zufälligen Hindernisses nicht abgedruckt werden können. Herr H. in B. Ihr Sendschreiben an H., das ich so eben erhalten, wird in eine der nächsten Nummern abgedruckt. Berichtigung: In Nr. 23 Seite 179 Spalte 1 Zeile 12 v. o. statt: daß die hebräische Sprache unbedingt, lies: daß die hebräische Sprache nicht unbedingt. Sodann Seite 180 Spalte 2 Zeile 18 v. u. statt: Retrogaten, lies: Retrograten. *) Gegen denselben sollen von Seiten der Gemeinde - Vorsteher wegen seiner Coalition mit den emanzipationsfeindlichen ungarischen Rabbinen, überhaupt in der Gemeinde zur Herbeiführung einer durchgreifenden Reform Schritte geschehen sein.. Verlag der I. C. Hermann'schen Buchhandlung in Frankfurt a. M. — Druck von Fried. Krähe in Offenbach.

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