Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 14 (6.4.1845)
- Date
- 1845-04-06
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2566751-2566964-2566978--1393-2569165- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Wieleń 1× ep/1047900
OCR text
112 daß wir uns mit idyllischen Dorftffarrern begnügen könnten, die nichts zu thun haben, als über die Predigt nachzudenken und den Katechismus abzufragen? Wir haben überall noch brachliegenden Boden, der im Schweiße des Angesichts gepflügt sein will; wir stoßen überall auf todte Kräfte, die geweckt sein wollen; wir brauchen Ackcrslcute, die ihres Geistes ftischen Saamen in den Schooß der Zeit streuen, die da wachen und arbeiten, und mit verwundeter Hand die Nesseln und das Unkraut ausreuten, — aber nicht poetische Spaziergänger, die in Glacehandschuhen Sträußchen pflücken, um fie süßgefällig der alten unftuchtbaren Orthodoxie an den welken Busen zu stecken. — — — Ich spreche hier lediglich im Interesse der Sache; weder aus Mißgunst gegen das Glücks- Loos das Hr. Meisel gezogen, noch aus Gefälligkeit für andere junge Candidatcn; ich bin weder Theologe, noch eines Theologen Fürsprecher, sondern Einer, der die Ueberzeugung hat, daß die ganze Zukunft des Zudenthums in den Händen seiner Volkslehrer ruht, und der es betrauert, wenn bei der Wahl derselben etwas Anderes als eine erprobte tüchtige Gesinnung, fruchtbares, selbstständiges Talent und sichere wissenschaftliche Bildung den Ausschlag gicbt. — Dir Aufgeklärten und die Altgläubigen. Bon derunternMosel. (Schluß.) Mögen auch Viele noch so sehr über Halbheit und kleinliche Umgestaltungen klagen und dieRabbinen eines Mangels an Energie anklagen, wie mit scheelen neidischen Augen auf sie sehen und ihnen ihr bescheidenes Einkommen und ihre öffentliche Stellung nicht gönnen, — dieses alles kann und darf denjenigen der das Leben kennt und es gewissenhaft und auftichtig mit den Juden und dem Judenthume meint, nicht stören. Diese Herren, die so und so leicht in Erclamationen verfallen, bedenken niemals, daß es doch allenthalben noch viele solcher Juden giebt, die erst herangebildet und allmählig mit dem Streben der Zeit bekannt gemacht und fiir dieses gewonnen werden müssen, daß es daher thöricht, ja das größte Unrecht wäre, diese mit einem Sprunge in den Himmel der Aufklärung versetzen zu wollen. Es versteht sich von selbst, daß ich Obiges nur von den vernünftigen und wohlwollenden Wgläubigen behaupte, und durchaus nicht von den verstockten, hartnäckigen und böswilligen, wie sich solche noch,aber nur in größeren Gemeinden, finden. An diesen ist natürlich alle Mühe verloren, sie treten allenthalben und auch bei der geringsten Kleinigkeit hemmend und zerstörend in den Weg. Gottlob aber, daß diese, besonders in den kleineren Gemeinden, immer mehr und mehr verschwinden und schmieg- und biegsamer werde»; ja es wird diesen selbst immer weniger Ernst mit ihrem früher so beliebt gewesenen Grundsatz: „Man darf auch nicht das kleinste Steinchen „von dem alten Gebäude wegnehmcn, weil sonst das ganze einzu- „stürzen Gefahr läuft." Das Leben, ihre eigenen häuslichen Verhältnisse und besonders ihre Kinder, die durchaus nicht mehr in ihrem Wege wandeln, haben auch auf sie ihren gewaltigen Earfluß ausgeübt, und sie fügen und schmiegen sich, wenn anfangs auch ungern und unbewußt, doch zuletzt mit freiem Willen und wirklicher Ueberzeugung in diese Forderungen der Zeit. Nicht minder haben die gewaltigen Kämpfe auf dem religiösen Gebiete in neuester Zeit, die besonders der Reform - Verein hervorgerufen, sowie auch die Rabbiner-Versammlung und deren Verhandlungen vortheilhaft auf die bessern Altgläubigen gewirkt, indem hierdurch so Manches, wie noch nie bisher, frei und offen mit großer Gründlichkeit und voller Ehrlichkeit besprochen und erörtert wurde. Ich möchte für Alles in der Welt nicht so mißverstanden werden, als wäre ich gegen eine kräftige und energische Reform im Judenthume und als huldigte ich dem schwankenden Prinzip des Rabbiners Frankel, nach welchem das Volksbewußtsein niemals verletzt, und das, was im Volke Geltung hat, niemals aufgehoben werden darf. Vielmehr behaupte ich im Gegensatz hiezu, daß das Prinzip der Reform, ganz unabhängig von dem Volksbewußtsein, nach dem Geiste und Wesen des Judenthums selbstständig aufgesucht und aufgestellt werden, und daß man auch in der Praxis darnach streben muß, diesem Prinzip immer mehr Geltung und Eingang zu verschaffen. Rur muß jeder Geistliche und Lehrer stets seine nächste Umgebung und deren Bildungsstufe berücksichtigen, und darf er vorzüglich die religiösen Momente, die er vorfindet, nicht untergraben und ausrotten, vielmehr muß er, diese benutzend, den reinen religiösen Sinn immer tiefer einpflanzen und hierdurch Herz und Geist veredeln. Miseellen. Rabbiner Stein zu Frankfurt a. M. hat auf HDD den Genuß des Zuckers und der nwap »j'D erlaubt. Eine Adresse aus Filehne im Großherzogthum Posen an Czerski soll auch von jüdischen Glaubensgenossen mit unterschrieben gewesen sein. Wir finden dies in jeder Beziehung ungeeignet, selbst unbesonnen, und theilen hierüber ganz die von Frankel im Januarhefte seiner Zeitschrift, S. 25, bei ähnlilicher Veranlassung ausgesprochene Ansicht, daß jede Confesfion nur den Fort- oder Rückschritt in ihrer Kirche genau zu beurtheilen im Stande sei, wiewohl wir als Motiv dieser unerfreulichen Erscheinung nicht, wie er, die Aufilärung, sondern eine, freilich zu weit getriebene, fteundnachbarliche Willfährigkeit zu unterstellen geneigt sind. Verlag der I. C. Hermann'scheu Buchhandlung in Franffurt a. M. — Druck von Fried. Krähe in Offenbach.