Mannheim
Compact Memory

Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1845-03-30 · Heft 13 (30.3.1845) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
6 (1845)
Issue
Heft 13 (30.3.1845)
Date
1845-03-30
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2566751-2566964-2566977--1382-2569153
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

102 beschützen, auf daß daS Reform- und Vernichtungs-Bestreben jener Partei nicht über unsere heilige Thora obffege. Aber man sagt Euch, verehrte Gläubige, das Iudenthum sei dem Untergänge nahe, und es könne nur durch Reformen und Erleichterungen gerettet und erhalten werden. Wir können und wollen es zwar nicht verhehlen, daß die leider überhand nehmende Abtrünnigkeit von der Lehre des Herrn in den Reihen Israels für jeden, der seinem Glauben treu, uns fühlend für das wahre Wohl seines Mitbruders ist, eine höchst betrübende Erscheinung sein muß, und daß besonders die, deren Amt es ist, den Glauben zu lehren, und über seine Erhaltung zu wachen, durch diese traurige Gestaltung sich angeregt fühlen müssen, ihre Kräfte aufzubieten, um dem Verderben Einhalt zu thun. Doch sehet, in diesem Sturme der Zeit, der dem Glaubensschiffe des Iudenthums Gefahr bereitet, was unternimmt jener reformsüchtige Theil seiner Steuermänner für dessen Erhaltung? Etwa das, was bei dem drohenden Schiffbruche des Jonas einst die Steuermänner zuerst versucht, in frommer Zerknirschung göttliche Hülfe anzurufen, und auch die Schlafenden zum Gebete zu wecken? Nein! Sie suchen ihr Heil darin, dem ferneren Beispiele Jener nachzuahmen, durch das Auswerfen der Geräthe ins Meer, das Schiff leichter zu machen. Eine ehrwürdige Vater-Sitte nach der andern, ein göttliches Gesetz nach dem andern, wiro über Bord geworfen, und dem stürmenden Meere des Unglaubens preis gegeben. O, der Verblendung jener irregeleiteten Lehrer in Israel! Schauet, wie viel schon des Frommen und Heiligen ist den Fluthen von ihnen hingegeben, wie leicht schon ist das Schiff gemacht, und noch hat der Sturm sich nicht gelegt, und noch hat die Gefahr sich nicht vermindert. Es stehet nicht in unserer, es stehet in keines Menschen Macht, auch nur das kleinste der religiösen Gesetze aufzuheben. Gesetzt aber auch, es stünde uns die Befugniß zu, das unwichtig Scheinende dem scheinbar Wichtigeren zu opfern, womit sollte der Sturm beschworen werden, den unbändige Ehr-, Gewinn- und Genußsucht vom tiefsten Abgrunde aus aufgeregt? Ja, gäbe man das heilige, vom Finger des Herrn mit Flammenschrift auf die Bundestafeln gezeichnete Sabbat-Gesetz preis, entfesselte man die Genußsucht von den hemmenden Vorschriften, womit die Religion sie zähmt, damit sie den Israeliten seiner erhabenen irdischen Bestimmung nicht entrücke, und spräche man frei, von den thätigen Glaubenspflichten, deren Erfüllung den Nachkommen Jakobs vorgeschrieben ist: s o wollten die vom verderbten Zettgeiste Erfaßten ein Judenthum sich gefallen lassen. Wer jedoch nicht Verräther an Beruf und Wahrheit sein will, muß es sich bewußt sein, daß er solchen hohlen Unglauben nicht für Judenthum gelten lassen darf. Und was vermöchten somtt Neuerungen und Reformen für Wiederbelebung des Glaubens, für Auftechthaltung des wahren Judenthums im Sturme des Zeitverderbnisses? Vermag aber auch Menschenmacht nichts für Erreichung dieser Zwecke, so können wir sie desto sicherer erhoffen von der Hand dessen, der es Israel verkündet, daß es bis zu ewigen Zeiten sich um das Panier seiner heiligen Lehre lagern wird. Erforscht die heilige Geschichte, und sie wird Euch belehren, daß einst, nicht wie jetzt, wo nur ein kleiner Theil Israels der Lehre des Herrn untteu geworden, während noch Millionen auf dem ganzen Erdenrunde ihr getreulich anhängen, daß einst vielmehr, zur Zeit des ersten Tempels, das gesammte Israel fast dem Götzendienste und allen damit verbundenen Lastern verfallen war. Und schon zur Makkabäer-Zeit wieder sehen wir das ganze Volk vom Glauben erglühet, und mit seinem Theuersten, mit seinem Leben, ihn vertheidigen, gegen heidnische Tyrannen-Macht, die ihn unterdrücken will. Die Gegner des mündlichen Gesetzes und feiner Lehrer , die Sekten der Sadducäer und Karaiten, waren mächtig und zahlreich in der Blüthezeit des zweiten Tempels, und zählten Könige und hohe Priester in ihrer Mitte; aber der Herr stützte das Falsche nicht, und sie gingen unter im Verlaufe der Geschichte, so daß jetzt nur wenige Tausende Karaiten in versteckten Winkeln der Erde sich noch finden; indeß die Millionen Israeliten alle, in ihrer Zerstreuung auf der ganzen Erde, zum talmudischen Judenthume sich bekennen. Und was Jahrtausende lang der Geist des Herrn und frommer Väter Glaube im rohen Heidenthume und im finstern Mittelalter beschützt und erhalten, wahrlich, es wird nicht untergehen in einer Zeit, wo unter den Sceptern humaner, erleuchteter Fürsten, Israel freier athmet und seine Ueberzeugung äußern darf. Und wenn die Glaubensverflachung damals nicht siegte, wo sie von äußerer Herrschaft unterstützt worden, so wird ihr dies um so weniger gelingen können, in einer Zeit, wo der Staat, in der Glaubenstreue aller seiner Angehörigen, seine Stütze, mit Recht erkennt. Darum, Gläubige in Israel! lasset Euch von den vorgehaltenen Schreckbildern des Glaubensverfalls nicht zu Reformen und Neuerungen verleiten, die nur dahin abzielen, diesen Verfall zu vermehren. Hoffet mit uns vielmehr zu Dem, der das Heil aller seiner Ervenkinder will, daß er bald die Krankheit der Jetztzeit, die an materiellen Bestrebungen siecht, heilen, und somit auch die Verirrten in Israel zur Glaubenstreue zurückführen wird. Bis dahin aber lasset uns, neben gewissenhafter Erfüllung unserer Pflichten gegen Fürst und Vaterland, getteulich unsere uralte Glaubensburg beschützen, und besonders auch gegen die vertheidigen, die in Freundks-Gcstalt sich ihr nahen, um desto ungestörter ihre Grundmauern zu untergraben. Reuigen aber, seien versöhnend unsere Reihen geöffnet, und reichen wir die Hand zum Brudergruße dar.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.