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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1845-03-16 · Heft 11 (16.3.1845) · page 8

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
6 (1845)
Issue
Heft 11 (16.3.1845)
Date
1845-03-16
Page
– (sequence 8)
Language
German
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hüllen sich in eine tiefe Anonymität, und scheinen ihren größten Aergcr uns herbste Srrafe darin zu nnven, daß Niemand ihre Arrikel als rer Widerlegung würdig findet. Dies gilt von den schon früher erschienenen lircrärischcn Ausdünstungen des geistigen Stickgases; der heurige letzte Angriff aber ist mit einer solchen Umsicht und Sachkennmiß geschrieben, daß cs mehr als wahrscheinlich ist, daß er bedeutungsvolle Folgen haben wird. Ronge und seine Anhänger haben einen Brennstoff in die Gcmüther des hiesigen jüdischen Publikum? geschleudert, unv eS bedürfte nur eines Zunders um dieses Brennmaterial in Flamme zu stecken. Dr. Stern gab sich dazu her. Gleich Ronge spricht Herr Dr. Stern in schmucken Phrasen und geschniegelten Redensarten, welche der Redeweise eines Romans ähnlich, die Aufmerksamkeit eines großen Publikums zu erhalten wissen. Bei diesem haben daher die reformatorischen Ansichten des Redners großen Anklang gefunden und sie glauben jetzt zu wissen, warum sie so sind, wie sie find. Hätten nun die Conservativcn geschwiegen, so wären wohl die Vorträge als ein Modeartikel des Winters, in der Residenz spurlos vorübergegangen. Der heutige Angriff in der Vossischen Zeitung aber, welcher von einer tüchtigen, wenn auch finstern Hand ausgeganzen zu fein scheint, ist so gehalten, daß er unter den hiesigen Juden nach dem Vorbiloe Franksurrs ein Schisma Hervorrufen wird. Unv in der Thar hat sich diese meine Vermuthung auch schon bestätigt: denn die stetigen Zuhörer des Herrn Dr. Stern wollen eine geschloffene Phalanr bilden, um seine rcformatorischen Ausstellungen zur Ausführung zu bringen, und glauben so hiemit der Neaction, welche seit der Hierherberufung des Herrn Dr. Sachs in der Residenz ein Haupt gewonnen hat, entgegen zu wirken. (Nachschrift:) So eben erfahre ich, daß der Angriff auf Dr. Stern von Dr. Sachs herrühren soll. Aus Thüringen. Die Braunschweiger Rabbiner-Versammlung. (Vierter uno letzter Brief.) (Schluß.) Sind nicht die europäischen Sprachen hierin viel reicher, und ist dieses nicht auch natürlich, da ja die hebräische Sprache aus einer Zeit herrührt, wo die Religion mehr Sache des Gemüthes, als des reflcctirenven Verstandes gewesen. Over bildeten die Israeliten jetzt noch ein Volk, das seine eigene Sprache bat, und nicht vielmehr eine bloße Nelizionsgemcinve, eine Glaubensgemeinschaft, die keines andern gemeinsamen Bandes bedarf, als die hohen Wahrbciten, welche ihrem gemeinschaftlichen Glauben zu Grunde liegen? „Selbst Erleichterungen für die gewerbliche Thätigkeit — be- „merkte ein Vierter — hat der Rabbinismus. Darüber hinaus können wir nicht. Bleiben noch Opfer zu bringen übrig — nun, wo sei eine Religion, die ihren Bekcnnern nicht Opfer auflege?" Als ob nicht Las wahrhaft sittliche Leben eine beständige Opferung, eine Opferung aller unserer unreinen Begierden, Meinungen unv Wünsche sei, als ob die Gottheit Gefallen daran finden könnte, außer diesen noch andere willkührliche Opfer zu verlangen. Und der Rabbinismus biete Erleichterungen für die gewerbliche Thätigkeit? der Rabbinismus, welcher selbst bei einem Brande, der mit Beginn des Sabbaths ausgebrochen, nur W'y-V jns zu retten gestattet? Ueberhaupt kann, wenn man, wie die Anhänger jener Parthei ausdrücklich erklärten, nicht über ven talmudischen Standpunkt hinausgehcn darf, von keinerlei Reform vie Reve sein. Das ist zur Genüge von Holvheini und Ihnen vargechan worden, als daß ich darüber noch ein Wort zu sagen brauchte. Selbst die Abänderung der DITO und die Aufhebung der Fürmlichkeiten beim Eive hätten die Orthovren von ihrem Standpunkte aus nicht zugeben dürfen; denn warum sollte man nicht Gott um die Vertilgung der Ketzer bitten dürfen, wenn Menschen dieselbe gestattcc ist, unv waö hätte man, wie ihr Frankfurter Corresponvenr schon bemerkte, für einen Grund gegen die Anlegung von rp'pa und und Anderes bei den jüdischen Gerichten Uebliche sich aufzulchnen, wenn einem diese Zeremonien an sich so heilig sind, als sie der Talmud betrachtet? Ja wäre der Talmud dein Orth0dorcn wirklich die Autorität, welche sie ihm beilegte, so hätten Sie nicht cinnial die Wahl in Commissionen, die sich mit zeitgemäßer U m ä n d e r u n g des Ehegesetzes , der Liturgie, der Sabbarh- und Speisegetze beschäftigen sollen, annehmen dürfen? Und doch thaten sie Alles dieses, weil sie wirklich nicht talmudisch-ortoovor sinv, weil im Gegentheil ihre Bildung und ihr sittliches Gefühl, ohne daß sie es wissen oder sich gestehen, der ganzen talntudischen Anschauung widerspricht. Unv darum freue ich mich dieses Zugeständnisses unserer Orthodoren und segne die Rabbiner- Versammlung, daß sie ein solches herbeigeführt hat. — Ja nochmals blickt mein Geist auf dieses hochwichtige Institut unserer Zeit und verkündigt eine segensreiche Wirksainkeit. Nicht weil die Beschlüsse jener Versammlung eine totale Reform unseres religiösen Lebens herbeiführen werden; das könnten sie nicht, waren sie auch von viel freierer und umfassenderer Natur. Es wäre auch zu beklagen, wenn sic es könnten, es wären ja dann diese Versammlungen in den Augen der heutigen Jnvenheit das, was ehemals die Concilien waren: vom heiligen Geiste inspirirte Versammlung, deren Beschlüss e n d i e L a i e n s i ch g l ä u b i g u n d blindlings unterwerfen müssen. Davor behüte uns Gott! Nein! im Judcnthum ist die Reform ans dem Schooße der Gemeinden hervorgegangen, und war schon mit im Cnltus unv im Leben fortgeschritlcn, ehe noch vie Rabbinen sich ihr widmeten. — Aber die Rabbiner-Versammlungen werden die Ideen zur Erweckung eines besseren religiösen Lebens auf das Gründlichste und Vielfachste anregen unv in Umlauf bringen; die Rabbiner-Versammlungen werden den einzelnen Rabbinen in ihren reformatorischen Bestrebungen zur inächtigen Stütze dienen; die Rabbiner-Versammlung werden durch Verwerfung der Autorität des Talmuds dem Rabbineramte selbst eine ganz andere, edlere Bedeutung geben; die Rabbiner-Versammlungen werden endlich das geistig, auf wissenschaftlichen und historisch-begründetem Wege, thun, was die drei Artikel des Reform- Vereins g e m ü t h l i ch, als Sache der Ueberzeugung und Gesinnung bewirkt, sie werden — man darf wohl sagen: der großen Mehrheit — der deutschen Mehrheit — der deutschen Judenheit ein religiöses Bewußtsein geben. Verlag der I. C. Herrnann'schen Buchhandlung in Frankfurt a. M. — Druck von Fried. Krähe in Offenbach.

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