Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 3 (19.1.1845)
- Date
- 1845-01-19
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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23 Beratungen, als wenn irgend ein bestimmtes Maaß wirklich ge- I geben sei und nicht zur Zeit der Volksglaube ein Verschwimmendes, verstörtes Etwas wäre, das eben zu consolidiren und auf ein Maaß zurückzubringen ist. Wäre der vorsichtige, bedenkliche Mann seinem Versprechen gemäß selbst zur Versammlung gekommen unv hätte vor ihr seinen fertigen Begriff vom Volke und dessen innerster Gesinnung ausgekramt, möglich daß es ihm gelungen wäre, das Heft der Berathung zu ergreifen und nach seinem Willen zu lenken. Genug, er ist nicht gekommen, es hat es vorgezogen zu schweigen und — Philosoph zu bleiben. Und fetzt will er an der Versammlung zuni Glaubensritter werden, indem er sie durch und durch als eine verfehlte bezeichnet? doch nein, so grob druckt sich die urbane Klugheit nicht aus. „Man vernimmt," flüstert sie, „daß allgemein diese Versammlung als eine verfehlte erklärt wird" (S. 308). Gegen eine solche compacte Allgemeinheit, Frankel, der Oberrabbiner und Schriftsteller an der Spitze, was sind dagegen 24 oder 26 Nabbinen, von denen „mehrere ganz unbekannte Männer waren" iS. 304)? Nur Schade, daß die Klugheit doch wieder davon läuft, sobald der Stolz und der Hochmuth gebieterisch seine Geltung fordert, daß man also auch hier doch wieder das wahre Motiv des Tadels zwischen den Zeilen lesen kann, wenn es sich in folgenden Worten Luft macht: „ tief verletzend ist die Selbstgenügsamkeit, mit der sich hier (bei der Versammlung) Zedermann geltend macht, als hänge von seinem Ausspruche die Gestaltung des ganzen Zudentbums ab, als gebe es a u ß e r d i e s e r V e r s a in m l u n g nicht Männer, die forschen unv prüfen können, Gelehrte, sie seien Beamte oder nicht, die wohl noch ein Urtheil zu fällen im Stande find, und vor denen man doch eine gewisse Scheu zu beobachten hatte." (ibidem). Das diese Scheu unv was überhaupt die Männer detrifft, die außerhalb der Versammlung sich stcNten, um auszulauern und zu verdächtigen, so möchte ihm Jeder, der den Berathungcn beigewohnt hat, erzählen, welchen Einfluß diese auf die Versammlung haben konnten, nämlich — gar keinen! Es galt persönliche Ueberzeugung auszusprechen und da durfte freilich die Scheu und die verschmitzte Berechnung nicht Sitz unv Stimme haben. So viel hier auf Frankels und Consorten Denunciationen. Gegen die einzelnen Punkte seines Angriffes wird sich hoffentlich eine andere Feder eröffnen, ob zwar die Antwort oft leicht genug gemacht ist. Anstatt auf seine Schmähungen gegen die Protocolle weiter einzugehen, finde hier das Nriheil eines hochgestellten Beamten und Gelehrten über dieselben einen geeigneten Platz, da es bezeichnend ist für den Eindruck und den Werth derselben. „Ich habe", schrieb mir derselbe, „die , Freisinnigkeit, die aus rer Oeffcmlickkeit der Sacke zu vermuthen „stand, in den Protoco.len wirklich gefunden und, wenn auch das „Vorurtheil Opposition macht, wieesfanicht anders sein „kann, so fallen roch die Beschlüsse vernünftig aus und werden „ihre Wirkung gewiß nicht verfehlen. Ader Himmel! welch ein „Streit auch in Israel! hier habe ich mehr llcbcreinstimmung er- „ wartet. Nun steht ja aber nicht einmal der dogmatische Werrh „ der Mesfias-Jdee fest. Man will den politischen Messias aufgeben „und den persönlichen festhalten. Aber die Zerstreuung ces Volkes „spricht ja eben so gegen den persönlichen rc. Ich habe Alles mit „dem größten Interesse gelesen und danke für die Mittheilung :e." So weit rer christliche unbefangene Beurtheiler der Prorocollc. Der Schluß aber, den ich aus dieser Affaire ziehe unv mü welchem ich für heute meine Mittheilungen schließen will, geht dahin, daß es allerdings nötbig scheint, rer Praris eine goldene Bruck.- zu bauen, ein Bewußtsein vom Zudentvume und seinen weftmlichen Elementen zu schaffen, das unsere Gemeinden, unsere Sbulen. unfern Eultus durchdringt. Denn insofern stimme ich Frankel bei. daß die Lehre und die Lehrer für das Volk da sind, dem Volke gerecht sein müssen, und daß diesem nicht gedient nst nur siiblim-.r ten Untersuchungen über einzelne ralmndische Sieden oder mir minutiösen Grübeleien über den ethischen Werth oder Unwert!) eines Ausspruches dieses orer lenes Rabbi. Lasier vie Tovren ruhen Tod aber sind alle derlet Attssisrüche, denn sie haften nicht in der Ueberzeugung rer gonlob gefunden Mengesie weiß nichts mehr von den Knissen und Psissen vharüai'cher Svitzsindigkcir. Wozu die Erinnerung daran wecken? Wer wird sich an feiner eigenen Schmach weiden? Hier ist nur Undank and Groll zu ärndren, weck denn dock im Grunde jede Polemik gegen das Alle ans die' e Gefichtsvunklc eine wunde Stelle berührt, während es sin reichlich dankt und lohn:, aus Altem und Neuem die Bausteine zusammenzulesen, die rem Judenthum Halt und Festigkeit geben. Breslau, im Januar. (Eorreft'.) Die hiesigen, durch die lang gedauerte Aufrührung getrübten, Gemeindeverhältnisse fangen bei der geborenen Ruhe wieder an, sich allmählig abzuklarcn; es gäbet jedoch noch stark in der Here, und nach der großen Bewegung dauern noch immer die Schwankungen fort. Es können aber die schwebenden Fragen zu keiner festen Gestaltung kommen, so lange nicht der Sviegel wirte Reinheit und Glane erlangt. Es läßt sich daher auch über die Wahl des zweiten Rabbiners nichts Bestimmtes sagen. Fasse! bat noch immer starke Aussichten, man glaubt aber, daß er dem Rufe nach Crotoschin, der, wie er eben an einen Freund in Breslau geschrieben, an ihn ergangen ist, folgen werde. Er selbst schreibt aber, daß ihm die hiesige Rabbinatsstelle erwünschter wäre.