Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 46 (17.11.1844)
- Date
- 1844-11-17
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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394 Christen, räumt mehr Vorurtheile hinweg, als alle Zeitungs- Llatter und Broschüren-. Der Mensch bildet einmal sein Urthcil über eine Gesammtheit nach den Erfahrungen die er an Einzelnen macht, und das nach eigener Erfahrung, aus eigner Anschauung gießende Urtheil schlägt tiefere Wurzel, als ein solches, das wir blos lesen oder hören. Möchten doch diesen Ersahrungssatz recht Viele zu Herzen nehmen! Indessen wäre ich der Meinung, in unserer Zeit sei ein Impuls für die durch ihr Amt oder ihre Mittel eine zur nützlichen Wirksamkeit geeignete Stellung einnehmenden Männer zunächst Aufgabe der öffentlichen Blätter. Wir haben so Manchen, der in Folge dessen, was er hat und in seiner Umgebung gilt, Wunder meint, wer und was er ist, aus die edleren Bemühungen Anderer für das Allgemeine mit Gleichgültigkeit fast mit spöttischem Achselzucken hinblickt. Solche müssen enttäuscht werden durch das öffentliche Urthcil, das unpartheiisch Lob und Tadel spende. Meinen Sie nicht auch? Herr Ncdactcur! (Von der Elbe.) Ihre Ansicht, die Sie in einer Anmerkung der Redaclion (S. Nr. 37) zu einem Schreiben aus Frankfurt über die Wechselangelegcnheit niederlegcn, theile ich nicht; wie die Sache jetzt steht, glaube ich nicht, daß der Staat selbst die Minorität, wenn es sich also verhält, ohne Gewissenszwang zum Acccptiren oder Bezahlen anhalten kann. Eine Verlegung des Sabbats auf den Sonntag, zu dem sich die Majorität, wenn sie cs wirklich ist, bekennen müßte, könnte allein aus dem Cvnstict des Staaksbürgcrthums mit dem Jsraclitenthum Helsen. Doch davor zittern die Herren Alle, selbst die radicalstcn Reformer, und demnach ist der Name des Tages nur das Ceremoniclle beim Sabbat, und der siebente Tag, der Tag der Ruhe, gleichviel wie er heiße, das Wesen des Gebotes auf Sinai; und doch helfen alle sonstigen Reformen nicht, und ist für Israel kein Heil ohne den Sabbat, der einerseits mit dem jetzigen Leben unverträglich, andererseits für Aufrechthaltung der Religion, wenn sie nicht leerer Popanz sein soll, das wesentlichste Bedingukß ist. Der Sabbat ist jetzt bei den Neuen ein leeres Wort eine Heuchelei; behaltet ihn bei in dieser nichtssagenden Weise, daß man nach der Predigt, buchstäblich handelt, d. h. zur Börse geht, behaltet ihn bei, daß die junge Generation für die doch alle Reform ist, nicht einmal den Tempel besuchen kann, weil sie auf Comptoiren und auf Werkstätten arbeiten muß, und die Religion soll eine Wahrheit, der Tempel von Bestand sein? da müßte doch eine Verlegung des Sabbats, bei der zwar der £ir;n und dgl. Kram von selbst fallen, aber die Frier, der Ruhetag mit seinen nothwendigen Ingredienzien um so besser aufrecht gehalten würde, mehr zur Aufrechthaltung der Religion, sowie zum Bestehen des Gottesdienstes, insofern dieser vom Besuche des Tempels abhängt, Beiträgen. Uebcr diesen Gegenstand habe ich mich schon einmal mit einem Theologen entzweit, bei Ihnen Herr Redakteur, fürchte ich dies nicht, obgleich Sie ja gewiß nicht gleicher Meinung mit mir sind. Wenigstens wo die Verlegung noch nicht reif genug ist, sollte (vielleicht gerade am ersten in Frankfurt a. M.) Sonnabend und Sonntag Gottesdienst sein, und dann wird es sich bald zeigen, wo die Majorität ist. *) Aus Rheinpreußen. (Trier.) Es hat seine Schwierigkeit, über den Stand der hiesigen religiösen Angelegenheiten zu berichten. Wenn eS nicht geläugnet werden kann, daß in den religiösen Begriffen und Vorstellungen der Gemeinde überhaupt, seit den letzten fünf Jahren, eine große Umwandlung stattgesunden, so würde man doch vergebens nach wesentlichen Veränderungen und Verbesserungen im Ritus und Gottesdienst sehen, wenn man nicht den Chvralgesang dazu zählen will. ES geht hiernach ziemlich Alles den alten Weg; Verhältnisse wie sie noch in vielen andern Gemeinden vorwaltcn, stehen auch hier dem entschiedenen Fortschritt hemmend entgegen; zudem kommt, daß unser Oberrabbine Herr Kohn den weisen Grundsatz hat und ihn auch conscqucnt verfolgt, nicht gewaltsam und gegen den Willen eines großen Theiles der Gemeinde, Reformen cinzusühren, indem er der richtigen Ansicht ist, daß die dadurch hervorgerufcnen Reibungen, zumal da in wenig zahlreichen Gemeinden gleich Privatleidrnscbasten hinzutreten, eine Bitterkeit in den Gemüthern hinterlasscn, die für die religiösen Interessen von weit größerem Nachtheil wären, als jene Verbesserungen dieselben fordern könnten. Sv wurden denn auch die jüngst verflossenen hohen Festtage ganz auf die hergebrachte Weise in der Synagoge gefeiert. ES drängt sich einem dabei unwillkürlich die Betrachtung auf, wie doch der Geist so ganz aus den starrgewordcnen gottesdienstlichen Formen gewichen und wie diese nur noch einen schwachen Abglanz jener frommen, andächtigen Begeisterung in den Gemüthern hervorzurufcn vermögen, die ehemals, so lange diese Formen noch der Ausdruck des religiösen Volksbewußtseins waren, an jenen Festen Alle beseelte. Mit dieser momentanen Erregung, welche die Feier jetzt noch bei Vielen hervorbringt, sucht unser Oberrabbine einen dauernden, nachhaltig einwirkenden Eindruck auf die Gemüther zu verbinden, dadurch daß er, die erhöhte Stimmung benutzend, an die Belehrungen über den Geist und die Bedeutung der an den Festen üblichen Ceremvnirn, lehrreiche Betrachtungen und fürs Leben heilsame Ermahnungen knüpft, welche die Gedanken zu dem Heiligen zu lenken die Lcclr zu frommen und edlen Vorsätzen zu begeistern geeignet sind. So war cö gewiß ein herrlicher Gedanke von dem Herrn Obcrrabbinen. daß er in der Predigt, die er dies Jahr am Neujahrsfeste gehalten, an welchem der Jftarlite gewöhnlich bange Besorgnisse darüber hegt, waS wohl das künftige Jahr ihm Gutes oder Loses bringen werde, und was im Himmel darüber beschlossen werde, darauf aufmerksam machte, was denn wahrhaft wünschenswerth sei und was der Israelit vom Gott verlangen sollte; wo er denn auch mit Nachdruck hcrvorhob, wie in vielfacher Beziehung nachtheilig es für uns in allen Verhältnissen sei, wenn wir uns den thörichten und ungemessenen Wünschen zu sehr überlassen. Der Text der Predigt war der bekannte Priesterseegen, und der Redner bekundete durch das Eingehen aus die verschiedensten Individualitäten eine große Kenntniß drS menschlichen Herzens, seiner Triebe und Neigungen. Diese Rede, mit Begeisterung vorgetragcn, konnte ihren Eindruck nicht verfehlen und wir hoffen noch in diesem Jahre, in Bezrchung auf die öffentlichen Gemeindeinteressen, worauf auch der Redner hingcdcutet, jdie Folgen davon zu sehen und namentlich auch, daß der längst ausgesprochene Wunsch, daß eine neue Synagoge erbauet werde, endlich in Erfüllung gehe. *) Es ist dieser Vorschlag bereits ausführlich in diesen Blättern (Jahrg. Hl, Nr. 9 u. 10) besprochen worden. Red. Druck und Verlag von F. Schuster in Hersfeld.