Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 39 (29.9.1844)
- Date
- 1844-09-29
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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315 Judenthums beginnen. O des unschuldigen Predigers, der wahrscheinlich nur mit den schmackhaften Früchten des Talmuds, mit seinen Parabeln, Legenden und manchen sinnigen Sprüchen sich bekannt gemacht hat; in seinen eigentlichen Schacht, wo die centnerschweren Massen liegen, wo die Luft von giftigen Hauchen angefüllt ist, wo grosse Finsterniß und asiatischer Pestgeruch einem entgegentritt, aber wol noch nicht gekommen; denn sonst würde er wol nicht glauben, daß mit jenem Buche die hohe Aufgabe der Zeit zu losen sei, daß man Bitteres in Süßes, Finsterniß in Licht, Sklavenketten in Liebesbanden umwandeln könne. — Da ist ein anderes Mitglied der Versammlung, der Oberrabbine Hirsch in Luxemburg, entschiedener ausgetreten. Er drang bis zu dem rechten Punkte vor, kämpfte gegen die Prinzipien der Talmudisten selbst an, zeigte ihre sittliche Verwerflichkeit, ihren auf juristische Distinctionen und regp. Fiktionen beruhenden Gehalt, vor Allem aber die Unverträglichkeit der rabbinischen Satzungen mit der Forderung der Zeit, mit dem Verkehr und der edleren Thätigkeit, in welche nun auch die Israeliten eingetreten. Hirsch ist mir da ein ganz anderer geschienen, als in seinen Schriften, wo noch ziemlich viel Consusion herrscht, wo er den Sohar und die Midraschim apotheosirt, und die Speisegesetze zum ^Charakteristischen des Judenthums erhebt u. dgl. Unsinn mehr. Schade nur, daß sein Aeußeres so störend einwirkte. Seine Stimme ist hart, rauh, und wenn er in Feuer kommt, geräth er auch dermaßen so in's Schreien hinein, daß man schier in Versuchung geräth, die Ohren sich zuzuhalten. Ueberhaupt hat sein ganzes Wesen etwas Ungeschlachtes, und dieser Mangel an Bildung, wahrscheinlich eine Folge vernachlässigter Erziehung und des entbehrenden Umgangs mit Gebildeten, that wirklich seiner ganz gediegenen sachlichen Auffassung Abbruch, indem sie ihm nicht selten zu höchst ungeschickten und anstößigen Ausdrücken verleitete. Man sah auch hier, von welchem Einfluß die Form und das Gefäß auf das, was es in sich schließt, ist; und wirklich scheint mir ein feiner Sinn und ein durchgebildetes Gefühl für das, was der Anstand und die edlere Sitte erheischt, bei den reformstrebenden Rabbinen der Gegenwart gar nicht unwesentlich zu sein; denn eine Masse talmudischer Ansichten und Satzungen kann uns schon deßhalb nicht als heilig erscheinen, weil sie so gegen allen Anstand, gegen alle bessere Gesittung und das Gefühl des gebildeten Menschen verstoßen. Ich scheide aber für heute noch nicht, ohne Ihren Lesern noch einen dritten in der Versammlung zu nennen, den Rabbinen vr. Formstecher aus Offenbach. Er verdient es wol; denn wie unter den jüdischen Theologen zu den Wenigen gehörend, ja fast der Einzige, welchem die Philosophie den Blick ganz frei gemacht, so daß er bis zu der rechten Höh» des Osfonbarungs» begriffes sich erhoben, auch in der prophetischen Anschauung die zeitlichen Vorstellungen von den ewig wahren unterschied, (ein Standpunkt der durchaus nothwendig ist, wenn wir den Sieg gegen Talmud und Rabbinenthum vollständig erringen, die Fortbildung des Judenthums im vollen Umfange bewirken wollen),so war er auch in der Rabbinenversammlung der Einzige, welcher mit Ihne» Hr. Redacteur! darauf drang, daß die Versammlung vor Aller» einen festen Standpunkt einnehme, daß sie zuvörderst es bestimmt und förmlich (implicite hat sie es wol zum öfteren Male gethan) ausspreche, daß der Talmud weder in dogmatischer, noch in ritueller Beziehung ihr eine Autorität sei. Er drang aber damit nicht durch, obgleich er auf die überzeugendste Weise nachwieS, wie sonst die reformirenden Rabbinen bei jedem Schritte, den sie vorwärts thäten, von jedem Winkelrabbi, von jedem halben und viertel gepackt und mit Aussprüchen des Talmuds, des Schulchan Aruch, oder auch nur des y ■''Yn'ft, des n'VV und wie die heiligen Männer sonst heißen, geschlagen werde» können. (Fortsetzung folgt.) Frankfurt a. M. (Corresp.) Das Büchlein, an welches wir unseren heutigen Bericht knüpfen, wird Vielen nicht sehr bedeutend scheinen, insbesondre wenn sie hören, daß es nur neun Kreuzer kostet. Solches führt den Titel: »der Gevattcrsmanu", und ist nichts mehr und nichts weniger als ein neuer Kalender für den Stadt- und Landbürgcr auf 1845. Daß das Heftchen einen großen Fortschritt in typographischer Beziehung bezeichnet, wenn man es mit andren in hiesiger Gegend erscheinenden Lolkskalendern vergleicht, weil Papier und Druck gut, weil die Holzschnitte sauber, selbst geschmackvoll sind, daß die in solchem enthaltenen Geschichtchen gut erzählt, von vaterländischer Gesinnung, und treffender, zeitgemäßer Nutzanwendung sind, würde noch immer kein Grund sein, desselben in diesem Blatre Erwähnung zu thun. Allein der Verfasser dieses Kalenders ist Berthold Auerbach, und wenn wir auch nicht glauben, daß dieses Blatt darüber zu berichten hat, daß Hr. N. N., mosaischer Glaubensgenoße, in Flachsenfingen mit Beifall gezeigt, daß der israelitische Großhändler vom Comerzieurath zum geheimen Comerzienrath avancirt ist, und was sonst der Art Wichtiges in andern jüdischen Blättern allwöchentlich zu lesen, so sehen wir es hingegen als Pflicht an, bedeutender zugleich Zeit- und Glaubensgenossen, wenn sich die Gelegenheit darbietet, öffentliche und ehrenvolle Erwähnung zu thun. Tahin aber zählen wir Berthold Auerbach unbedingt, und eS gereicht unS zur wahren Freude ihn überdies in stetem Fortschreiten, und in einer Richtung zu sehn, die ihn zu noch größerer und allgemeinerer An-