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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1844-05-19 · Heft 20 (19.5.1844) · page 8

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
5 (1844)
Issue
Heft 20 (19.5.1844)
Date
1844-05-19
Page
– (sequence 8)
Language
German
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162 Bade«. Mannheim im Mai. (Corresp.) Einer recht lieblichen Erscheinung begegnen wir in der Schrift: „Die Judensrage gegen Bruno Bauer, von Karl Grün (Darmstadt bei Leske)." Zum erstenmal sehen wir da einen namhaften deutschen Journalisten als förmlicher! Kämpen für uns in einer eigens diesem Zwecke gewidmeten Schrift aufircten, das war noch nicht der Fall! Mit so ganzem/ ungctheiltem Herzen, mit so reiner glühender Liebe hatte noch Niemand sich unserer Sache zugewendct, daß es ihn getrieben hätte, ihr nach allen Windungen und Krümmungen, die der Gegner ihr zu geben versucht, zu folgen und ihn auf diese Weise aus das Siegreichste zu widerlegen. Das hat Karl Grün gcthan, und die, welche mit Ernst, mit Wahrheit und Aufrichtigkeit der Sache der Humanität zugethan sind, werden ihn nur darum loben. Wir wählen mit Fleiß jene Bezeichnungen, denn wer für die Rechte anderer Unterdrückten, z. B. der Sklaven, der Irländer, der Christen in der Türkei u. s. w. auftritt, der gicbt noch immer keinen untrüglichen Beweis von der Stärke dcö NcchtsgcfühlS, das ihm inwohne, von der Gluth der Humanität, die ihn entflamme. Möglich, daß er sich dabei noch von anderen Motiven beherrschen lassen, vom Eifer für seinen Glauben von dem Streben nach einer gewissen Popularität u. s. w. Wer aber für die Rechte der Juden auftritt, für eine Glaubensparter, deren Ansprüche an die Gesellschaft noch immer nicht populär geworden sind, die vielmehr, in der Religion, wie in der Wissenschaft, in der Schaar der Theologeu und Kirchenlehrer, wie in den Reihen der Staatsmänner und Politiker, unter den Supernaturalisten, Mistikern und Rationalisten, wie unter den Stabilen, Gemäßigten und Ullra-Nationcllcn noch ihre zahlreichen Feinde und Gegner hat, der gicbt auf das Unzweifelhafteste den Beweis, daß nur die Idee ihn beherrsche, daß sie ihn mit ihrer ganzen Kraft, mit all der Weise und Göttlichkeit, die ihr inwohnt, bewältigt, ihn gedrungen und gezwungen ihre volle unbeschränkte Verwirklichung auch für jene schwache Minderzahl zu fordern. — Ucbrigens möchte hinwiderum der Umstand, daß gerade ein Journalist, ein ächtcr Volksschriftstellcr, dessen Beruf cs eben ist, den edleren Empfindungen und Bedürfnissen des Volkes Worte zu geben, sich der Rechte der Juden und noch dazu in der reinsten, umfassendsten, humansten Weise — annimmt, dafür sprechen, daß auch in Deutschland die Sache der Juden beginnt eine nationale zu werden, ja daß sie die Sympathien der Besser« gesinnten und Vorurtheilsfreicn bereits erlangt hat. — Merkwürdig ist bei Grün, daß seine Schrift nicht nur in der Anordnung des Materials mit der von Salomon übereinstimmt — er folgt nämlich auch seinem Gegner Schritt vor Schritt, ganz nach den Kapiteln, in welche dieser die Frage abgctheilt hat, — sondern in der Widerlegung auch ganz den Standpunkt von jenem festhält. Wie dieser hält er nämlich auch Bauer'n den reinen Spiegel des Lebens vor, damit er in demselben die Jrrthümer gewahre, zu welchen ihn eine trübsinnige Dialektik gebracht hatte; allein Grün übertrifft darin Salomon, daß er nicht rein auf empirischem Standpunkte stehen bleibt, sondern das der Bauer'schen Dr'aiekllk widersprechende Leben beleuchtet, die ihm zu Grund liegende Idee entwickelt, dem christlichen oder Privilegien-Staat, den humanen oder Rechts-Staat cntgegenhält. „Der christliche Staat — sagt er — ist so gut ein logischer Nonsens, wie eine gemalte Plastik, wie eine philosophische Poesie, wie eine politische Religion. Aber gleichviel, wir erkennen einen christlichen Staat in dem Sinne an, daß die Hierarchie eine lange Zeit glücklichen Kampf wider die weltliche Macht geführt hat; oder in dem Sinne, daß das Christenthum einzig befähigte, bürgerliche und Staatsfunctionen zu versehen, daß mit diesem Privilegium der Christlichkeit andere Privilegien verknüpft waren; in dem Sinne, daß die Gesetze des Staates nicht das Werk des Volkes, sondern positive Offenbarungen waren, denen es unbedingt und ohne die Kritik gegen sie richten zu dürfen, gehorchen mußte. Der chrifljjche Staat sei der Privilegienstaat! Dieser christliche Staat hat aber seine Endschaft erreicht, ist in der Philosophie des Staates vernichtet und in der Wirklichkeit in so mächtigen und entscheidenden Beispielen aufgehoben und durch den Rechtsstaat ersetzt worden, daß fortan der christliche Staat und die Aspirationen zu ihm hin als die Ausnahmen, als das hinter der Zeit Zurückgebliebene angesehen werden. Darauf scheint uns auch Alles anzukommen. Der große Fehler Bauers besteht eben darin, daß er seinen „christlichen Staats aus ein Paar Aussprüchen der Evangelisten ronstituirt, statt die Wirklichkeit zu fragen, statt zu hören, wie die heutige Gesellschaft sich den Staat denke, wie er in ihrem Bewußtsein gefaßt werde. In diesem aber ist die RechtSidee dergestalt zur Herrschaft gekommen, daß sie eher den Glauben an die Evangelien aufgeben und sich selbst ein höheres Christenthum constktuiren würden, als daß sie einen Verrath an jener heiligen Idee begingen, wenn — was aber sehr zu bezweifeln — ihr wirklich nachgewiescn werden könnte, daß die Baner'sche Lehre vom Staate die des Christenthums sei. — Wenn wir Israeliten indeß auch zu unserer Freude wahrnehmen, wie Karl Grün die fortgeschrittene Gegenwart so gut kennt, wie er wol weiß, daß dieselbe über die separatistische und sittlich-unlautere Anschauung des Talmuds hinaus ist, und darum auch für die Genossen derselben auch das Recht des Menschen und Bürgers anspricht, so müssen wir doch andcrnthcils gestehen, daß wir dieses nicht ohne ein beschämendes Gefühl über unsere eigne sittliche Schwäche gelesen haben. Diese besteht nämlich darin, daß wir das, was wir denken, nicht zur freien, sichtbaren That werden lassen, daß wir noch immer nicht den Muth haben, cö frei und sammt und sonders auszusprechen, daß der Talmud unö keine Autorität mehr sei. Das ist eine Erklärung, die wir unserer eigenen Ehre, unserem wirklichen Glauben, und unserer besseren sittlichen Ueberzeugung schuldig sind; und so lange sie nicht abgegeben wird, werden unsere Feinte auch nicht aufhörcn, auS jenem Buche Waffen gegen uns herzuholcn; denn nicht nach seinen Gedanken wird der Mensch gerichtet, sondern nach seinen Worten und Thaten. — Karl Grün schließt seine Schrift mit folgenden treffenden Worten: „Die Schrift von D. Dauer steht auf dem Standpunkte der unendlichen Kritik; diese Kritik ist schon darum falsch, weil die Wirklichkeit des Vernünftigen aus endlose Zeiten hinauSgeschlvssen wäre, hätte s i e Recht. Bauer zertrümmert noch immer daS Alte, während das Neue schon überall hervorsproßt und mit üppig.r Kcimlust ihm die jungen Zweige ins Gesicht schlägt. Er aber sucht und forscht noch immer, und behauptet, es sei noch nichts Grünes auf der Oberfläche des Bodens zu sehen. Dies kommt daher, daß das wirkliche Neue der Staat und das Geseßesbcwußtsein ist, während Bauer fälschlich das Heil der Welt in Aufhebung aller Religion suchen zu müssen glaubt. Der Staat wird kommen, die Freiheit trägt ihm die Fahnen voran; die Religion wird bleiben, aber sie wird den Staat nicht hindern. Sie wird in ihre heißesten Gebete das Wohl des Staates verflechten; sie wird ihre schönsten Opfer dann bringen, wenn die Freiheit einen neuen Sieg errungen hat; sie wird weinen und klagen, wenn der Orkan des Rückschrittes die herrlichsten Pflanzungen ees Staats niederzustürzen droht; aber sie wird dem Gläubigen auch die Seele mit Muth füllen und das Herz hoch anschwellen, wenn es gilt, für Freiheit in Kampf und Tod zu gehen. Die Religion wird bleiben, aber sie wird so verschieden sein, als es Individuen gibt." Druck und Verlag von F. Schuster in Hersfeld.

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