Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 14 (7.4.1844)
- Date
- 1844-04-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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106 gleichartiges ist. Seien wir daher ehrlich, gestehen wir es nur, daß wir in wissenschaftlicher, künstlerischer Beziehung gegen unsere christlichen Brüder zurückgeblieben, ja gehen wir noch weiter und räumen es ein, daß wenn auch der äußere Druck die gewaltsame Ausschließung von jeder höheren Lhätigkeit in der Gesellschaft den größten Antheil an jenem Zurückbleiben hat, doch auch ein Theil auf die frühere religiöse Anschauung unserer Glaubensbrüder zu bringen ist, vermöge welcher die ganze sichtbare Welt, der Staat mit seinen Anstalten für menschliche Beglückung, für Ausbildung und Erhebung des Geistes, für die Hochgenüsse, die die Kunst dem Herzen bietet, für den Stolz, womit die Bewältigung der Naturstoffe, womit industrielles Schaffen und Gestalten die Menschenbrust erfüllt, vermöge welcher sie dieses Alles als werthlos, ja zum Theil als verwerflich ansah, und den Lebenszweck des Israeliten nur in die treuste und eifrigste Pflege und gewissenhafteste Beobachtung des Ritualgesetzes setzte, womit er allein sich der Wiederge» winnung der göttlichen Gnade, der Seeligkeit jenseits, wie auch der Erlösung aus Feindes Herrschaft würdig machen könne. Ein solches Gestandniß macht uns nur Ehre, muß auch unsere Feinde überzeugen, daß wir die Jrrthümer, welche eine finstere Vorzeit gehegt, wol erkennen, und darum auch von dem aufrichtigen Streben beseelt sind, ihr bis auf die letzte Spur zu entsagen. Eben so schädlich, ja wol noch schädlicher, ist die Ueberschätzung, wenn sie die sittliche Würdigkeit betrifft. Vor diesem Fehler hat sich gleichfalls die Polemik unseres Verfassers nicht gehütet. Er thut Unrecht, wenn er in das alte, so oft widcrholte Thema einstimmt, daß verhältnißmäßig so wenig Verbrecher unter Juden angetroffen werden; denn wol hat cs eine tiefe Wahrheit und ist auch von allen, die unsere jetzigen gesellschaftlichen Zustände mit schärferem Auge beobachten, nicht verkannt worden, daß, wie B. bemerkt, dort, wo die mannigfaltigsten Interessen sich durchkreuzen, wo veraltete Gesetze mit neuen Ansprüchen noch im Kampfe liegen, mehr Verbrechen begangen werden können, als in einer Region, wo nicht so bedeutende Interessen sich reiben (wir fügen hinzu, wo ein größeres nicht selten falsches Mitleid, eine an Weichheit grenzende Gutmüthigkeit, auch müßigen Händen Allmosen verabreicht, die es nicht bedürfen und nicht verdienen). Wer wollte überhaupt — und wäre es der Gelehrteste, Gerechteste, Einsichtsvollste — sich zutrauen, die Schaale unserer Tugenden und Fehler und die unserer christlichen Mitbrüder so gegen einander abzuwägen, daß ihm Gewißheit von dem Uebergewicht der einen oder der andern werde? Und worin müßte, wenn wirklich die Schaale sich zu unseren Gunsten neigte, der Grund zu suchen sein? In unserer nationellen Verschiedenheit von der christlicheuropäischen Welt? Nun die bestreitet ja unser Verfasser und wir alle aus der vollsten, innigsten Ueberzeugung mit ihm! Also in der Religion? Aber werden wir bei aller Anhänglichkeit an dem Glauben unserer Väter, bei all dem Trost, bei all der Beruhigung und Erhebung, die er uns als Israeliten gewährt, gewahren muß, alles Ernstes behaupten wollen, daß das Christenthum einen geringeren sittlichen Gehalt habe, das Christenthum, welches die Lehre von der reinsten, umfassendsten Menschenliebe vollkommen von seiner Mutter ausgenommen, sie als Haupt- und Grundgebot hingestellt hat? Nein! hören wir nicht auf, denen, welche unseren Glauben sittlich verdächtigen wollen, mit der ganzen Kraft unserer bessern Ueberzeuguna entgegenzutreten, aber stimmen wir jene Hymnen auf uns selbst, auf die größere Sittlichkeit, Rechtlichkeit, Freiheit, Humanität, die uns inwohne, ein für allemal nicht wieder an! Es gibt eine Intoleranz, die von der gewöhnlichen abweicht, aber nicht minder diesen Namen verdient, es ist, wenn man den Bekennern einer anderen Religion, und namentlich einer solchen, die aus der eignen hervorgegangen, mit ihr auf das engste verschwistert und verbunden ist, einen geringeren Grad von Sittlichkeit zuschreibt. Vor dieser Intoleranz sollten wir Israeliten uns besonders hüten, da wir gerade durch sie schon oft haben leiden müssen. — Am nachtheiligsten ist aber die Ueberschätzung, wenn sie religiöser Natur ist, und unsere Geschichte und religiöse Vergangenheit betrifft. Zwar ist nicht zu leugnen, daß die Haupturkunde welche diese umfaßt, daß der Talmud ein Entwickelungsmoment in der Geschichte des Judenthums bildet; er hat vor dem Vuchftabenglauben des Karaismus geschützt, hat—so zu sagen — das mosaische Gesetz flüssig erhalten, es hie und da Zeit und Umständen angepaßt, nach Zeit und Umständen modisicirt. Auch mochte gerade die Aengstlichkeit, mit welcher der Talmud über jedes Titelchen des Ritualgesetzes wachte, ja dassebe bis ins Tausendfältigste vermehrte, unseren Vätern' die Innigkeit, wir möchten sagen den Fanatismus des Glaubens gegeben haben, der mehr als ein Jahrtausend, wo ihnen jedwede menschliche Lhätigkeit verschlossen, jedweder edle Genuß, den der