Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 13 (31.3.1844)
- Date
- 1844-03-31
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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98 mitgetheilte Aeußerung des berühmten Reisenden Schultens über die Juden in Galizien. Die Juden, statt die Industrie zu ersticken, sind beinah die Einzigen, welche sie in Galizien ausüben, die Einzigen, welche sie durch ihr Beispiel erwecken würden, wenn ein so verworfenes Volk, als die Galizischen Bauern, noch für irgend eine Nacheiferung empfänglich wären, und wenn die Herren, welche ihre Unterthanen den Juden in Macht geben, nicht selbst das Möglichste thäten, sie in den Juden selbst zu ersticken. Die Juden allein sind die Schneider, Schuster, Tapezirer, Kürschner, Glaser, Goldarbeiter, fie bebauen die Felder, die sie in Pacht habe», besser als ihre christlichen Nachbaren. Das Bier, welches sie brauen, ist fast das einzige trinkbare; sie sind überall die Gastwirthc, und oft findet der Reisende etwas, womit er sich starken kann, mitten in einer Wüste, in einem Dorfe, das ein Jude bewohnt, während alle christlichen Einwohner einer Kreisstadt dem Reisenden ein Stück Brod-verweigern." Treffend zergliedert S. die Behauptung von B: Die Juden „ausschließlich" haben das unsichere Element (des Wuchers) zu ihrer Domäne gemacht; das heiße mit andern Worten: 1. Alle Juden treiben Wucher; 2. Die Juden allein treiben Wucher; 3. Die Juden treiben nichts als Wucher." Einer Widerlegung dieser B.—schen Behauptung wird es wol nicht bedürfen, da tausend Beispiele aus der neuesten Zeit laut dagegen sprechen. Dennoch können wir es uns nicht versagen, eine sehr schlagende Stelle aus den Aeußerungen des Verfassers hier wieder zu geben: Das schreibt Bauer im Jahre 1843!! nachdem die Juden fast in sammtlichen europäischen Staaten, und mindestens schon seit einem halben Jahrhundert fast alle nur vorhandenen bürgerliche« Gewerbe treiben, mit dem segensreichsten Erfolg und mit so vieler Umsicht und Emsigkeit treiben, daß, wenn man den Rednern in den Kammern vieler deutschen Staaten glauben darf, mindestens tausend christliche Handwerker in Angst und Schrecken gerathen, so oft Eine Jüdische Pfrieme, oder Nadel, oder Scheere, oder Hobel und wie das Handwerkszeug auch heißen möge, sich in Bewegung zu setzen beginnt, so daß man ordentlicherweise auf eine Schuster-, Schneider- und Tischlerrevolution sich gefaßt machen müsse, weil die jüdische Betriebsamkeit überhand zu nehmen drohet." Um den Vorwurf B's., daß bei der Ausbildung der Wissenschaften kein einziger Jude zu nennen sei, gehörig zu entkräften, theilt uns der Verfasser ein Verzeichniß der Juden, welche sich in den verschiedenen Wissenschaften und Künsten ausgezeichnet, vom zehnten Jahrhundert bis auf die neueste Zeit mit. Interessant ist darin eine Stelle aus einem Briefe Kants an Mendelssohn. „Sie haben" — schreibt da der Erstere — „die Nothwendigkcit einer unbeschränkten Gewissensfreiheit zu jeder Religion so gründlich und so hell vorgetragen, daß auch endlich die Kirche unsrerseits darauf wird denken müssen, wie sie alles, was das Gewissen belästigt und drücken kann, von der ihrigen absondere; welches endlich in Ansehung der wesentlichen Religionspunkte vereinigen muß, denn alle das Gewissen belästigende Religionsgesetze kommen uns von der Geschichte, wenn man den Glauben an deren Wahrheit zur Bedingung der Seligkeit macht." Auf die Frage: Ob sich die Juden, als Juden für den Staat, für das Vaterland, interessircn, antwortet S. sehr richtig: „Da braucht sich Herr Bauer, wenn er practische Beweise haben will, nur die Listen der bei Lützen, Großbeeren, Leipzig, Belle-Alliance und andern Orten gefallenen Krieger zeigen zu lassen, braucht nur die Gräber in der Nähe der Schlachtfelder, so wie die unter die jüdischen Krieger vertheilten eisernen Kreuze zu zählen, um das Interesse, das der Jude an dem Staate, an dem „christlichen" Staate nimmt und oft sogar an dem Staate, der ihn, wie die ärgste Stiefmutter behandelt, kennen zu lernen. Glaubt Herr Bauer aber, daß das Schwert weniger Interesse für den Staat oerriethe, als die Feder, und daß cs weit verdienstlicher sei, Dinte als Blut für das Vaterland zu verspritzen: so nenne ich ihm Männer wie Riesser, Dcrnburg, Oppenheim, Jacobi, den Verfasser der Epoche machenden „vier Fragen," Männer, die es bewiesen haben, daß sich auch Juden für den Staat wirklich interessiren und über die allgemeinen Gesetze desselben Nachdenken." Am schlagendsten sind die Bemerkungen unseres Verfassers gegen die von B. behauptete „Zähigkeit des jüdischen Volksgeistes." Wir heben folgende aus: „Sowol in socialer, wie in scientifischer, wie in kirchlicher Beziehung hatten die Juden von jeher die größte Bildirngs- und Entwicke-