Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 48 (26.11.1843)
- Date
- 1843-11-26
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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194 kömmt und schwindet kein Tag am Himmel, ohne daß nicht irgend ein Vorurtheil zu Grabe getragen würde; und so fest auch das hinsichtlich der Juden herrschende in den Gewohnheiten und Ansichten unseres Volkes wurzeln mag, so läßt sich doch vernünftigerweise nicht annehmen, daß es, nachdem dasselbe einmal gesetzlich aufgehoben worden, noch ferner unfern Horizont umnachten werde. Der gefällte Baum fängt wol häufig wieder zu sprossen an; die letzte Kraft seiner Wurzeln kann wol neue Schößlinge treiben, wol auch gar mit frischem Grün prangen: doch möge man deshalb nicht glauben, daß aus diesen neuen Sprößlingen irgend was anderes, als ein zwerghaftes Gestrüppe werden könne. Was einst zu vertilgen so überaus schwierig war, kann nun in seinem kümmerlichen Nachwuchs durch die Hand eines Kindes ausgerottet worden, — und möge endlich die Emancipation in unserer gegenwärtigen Stellung mit noch so vielen Schwierigkeiten verbunden sein, so hängt meiner Ansicht nach die Verleihung oder Vorenthaltung derselben, nachdem das Land durch so viele Prämissen, seine Absicht vorwärts zu schreiten, kund gegeben, nur insofern von uns ab, als es an uns liegt, die begonnene Bahn weiter zu verfolgen, oder von derselben abzuwcichcn. Daß aber, wenn anders die Idee wahren Fortschrittes unserm Herzen etwas mehr als eine blos momentane Aufwallung, und der für die Rechte der Menschheit an den Tag gelegte Eifer etwas mehr als eine Lüge war, die bürgerliche Gleichstellung der Juden eine Pflicht geworden, ist meiner Ansicht nach über allen Zweifel erhaben. Niemand übernimmt eine höhere Verpflichtung als derjenige, der sich die Freiheit zum Wahlspruch seiner Bestrebungen genommen, und nur wenn diese sich rcalisiren, verdienen wir die Achtung der Mitwelt, auf die wir dann auch zählen können. Selbst das absolute russische Reich gab dem unwiderstehlichen Geiste unsers Jahrhunderts nach, und wenn dieser Staat durch den im Jahre 1636 veröffentlichten Ukas die Verfügung getroffen, daß diejenigen, die in Städten den Zünften oder sonstigen GewerbSvcreinen einverleibt wurden, an den Wahlen mit gleichem Rechte wie die übrigen Stadtbewohner Thcil zu nehmen haben, ja für den Fall, daß sie die russische Sprache schreiben und lesen können, auch zu Staatsbeamten wählbar sind — seine freisinnige Absicht in Betreff der Juden an den Tag gelegt: so wird das Land der Magyaren aus der einmal eingeschlagenen Bahn gewiß auch nicht zurückblciben wollen, und den Gegnern des Fortschrittes keine Leranlaffung zu der Beschuldigung geben, daß nur Eigennutz die Grundlage seiner Freisinnigkeit sei. Dadurch, was wir bisher gcthan, haben wir den Juden das Recht eingcräum:, von uns Gerechtigkeit zu erwarten; wir können, wir dürfen die erweckten Hoffnungen nicht täuschen! Wol weiß ich, daß die Emancipationsfrage nicht populär ist. — Jedes Gesetz, so ungerecht eS auch sein mag, dient bei der Organinrung zahlloser Beziehungen und Lerhältnisse zur Basis, und cS ist demnach natürlich, daß, wenn die Abänderung eines solchen Gesetzes zur Sprache kömmt, diejenigen, die in ihren Absichten und Entwürfen auf den fortdauernden Bestand desselben bauen, sich beeinträchtigt fühlen und gegen die Aufhebung ihrer wohlerworbenen Rechte aus allen Kräften protestiren; so wie es auch natürlich ist, daß, nachdem es in unserer leidigen Natur liegt, nur indem wir uns über Andere erheben, unsere hohe Stellung zu suchen, nachdem wir jede bevorrechtete Klasse mit so standhafter Beharrlichkeit für ihre nichtssagendsten Rechte kämpfen sehen — daß hier, sage ich, wo es sich um die Vorrechte eines ganzen Volkes gegenüber einer kleinen andcrsglaubenden Minderzahl handelt, von einer Entsagung dieser gleichsam aristokratischen Stellung nicht so leicht die Rede sein kann; cs ist ferner nicht zu verwundern, wenn wir, die wir für diese Sache streiten und streiten werden, bisher vcrläumderischen und leidenschaftlichen Anfeindungen auögesetzt waren. — Ich bin jedoch überzeugt, daß gleichwie derjenige, der cs sich zur Aufgabe gestellt, seine eigenen oder die Vorurtheile einer Volksklasse gegen die öffentliche Meinung in Schutz zu nehmen, über kurz oder lang unterliegt, so ist dagegen der, der ihr mit einer Wahrheit entgegentritt, unüberwindlich. Nicht daß ich also, wie Einige im englischen Parlamente, oder wie Herr Streckfuß in seinem oft erwähnten Werke, in dem Mangel an Popularität der. in Rede stehenden Frage ein Argument gegen meine Ansichten fände — gerade das ist's, was meiner Meinung nach jeden Menschenfreund ausruft, gegen dieses Vorurtheil in die Schranken zu treten! Nicht Schmeichler, Freunde braucht das Volk, und nur wer der Wolfahrt des Volkes die Gunst desselben aufzuopfern fähig ist, verdient den Namen Volksfreund, — nur wer aus den Beifall von Heute Verzicht zu leisten im Stande war, darf erwarten, daß sein Name einen Morgen haben werde. Die Emancipation der Juden wird sich selbst, auch ohne uns, Bahn brechen; mit seiner Aufklärung sich brüstend wird daö Volk am Ende einschen, daß die Achtung der Menschenrechte, die jeder auf seinen Lippen führt, nichts als ein leeres Wort ist, so lange Tausende die größte aller Qualen — Verachtung erdulden; cs wird einschen, daß die Triebfeder der moralischen Verderbtheit der Juden nur ihre Unterdrückung ist, und daß cs unsere Aufgabe hieuieden, denjenigen, de»; wir zu Boden getreten, so wir ihn ihm Schlamme versunken finden, nicht verächtlich liegen zu latzen, sondern ihm die Hand zu reichen, auf daß er sich erhebe. — Es werden Zeiten kommen, die glücklicher, weil sie besser als unser Zeitalter sein werden; Zeiten, in denen das Volk die traurige Wahrheit, welche die Sage vom ewigen Juden schildert, für eben so unmöglich halten wird, als wir das Mährchen selbst. Alles, was die Gerechtigkeit heischt, wird endlich in Erfüllung gehen; cs steht jedoch bei uns, den Augenblick zu beschleunigen, wo das Gute geschehen kann. Und wenn wir irgend einen großen Gedanken, der zur Erhebung, zur Veredlung der Menschheit bcizutragen vermag, auch nur um eine Stunde früher laut werden lassen; wenn wir die Aufhebung eines schlechten Gesetzes auch nur um eine Stunde beschleunigen: so ist unseres Lebens schönste Aufgabe gelöst, so können wir hinfort nicht sagen, unser Leben sei ohne reichen Lohn geblieben. Die Zeit mahnt! — Wir dürfen, wir rönnen nicht zurückbleihen. Keiner Privilegien bedarf unser Jahrhundert, sondern der Freiheit, und diese kann nicht bestehen, so sic nicht Gemeingut ist, und wenn nicht die Knechtschaft — die gleich dem Unkraut leichter um sich greift, als wir wo! glauben mögen — sammt der Wurzel ausgereutet wird!" Druck und Verlag von F. Schuster i» Hersfeld.