Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 47 (19.11.1843)
- Date
- 1843-11-19
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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190 sei»« Fond selbst fruchtbringend umzusetzeu, als durch beschränkende Gesetze gezwungen, nur durch Wucher zu rentiren sucht? Und so läßt fich auch in Bezug auf daS Besitzrecht nicht leugn«, daß in Folge der Emancipation viele Hufen trefflichen Bo- . Lens, die, christlichen Besitzern angchörig, jetzt brach liegen, in Len Händen der Juden einträglich würden. — Allein, nachdem die Gesetzgebung nicht zu verhindern im Stande ist, daß die Juden durch Betriebsamkeit sich Capitalien sammeln, und selbe nach Willkür verwenden; nachdem sic nicht zu bewirken vermag, daß die heimischen Grundbesitzer nie zn jüdischen Capitalisten ihre Zuflucht zu nehmen, und sonach von ihren Gläubigern abzuhängen genöthigt seien; nachdem die Macht der Legislatur nicht dahin reicht, den christlichen Grundbesitzer gegen die Forderungen seines jüdischen Gläubigers so weit in Schutz zu nehmen, daß die Revenüen des schuldenbehaftcten Gutes nicht den Gläubigern anheim fallen, und jener obgleich angeblich der Grundbesitzer sich eigentlich nur für den Juden plage: so bin ich der Meinung, daß die gesetzliche Concession des Besitzrechtes, in Bezug ans die Christen, keine anderweitigen nachtheiligen Folgen hervorzurufen im Stande wäre, die nicht auch jetzt schon in vollem Maße existirten. Und läßt sich dies nicht überhaupt auf Alles, was gegen die bürgerliche Gleichstellung der Juden geltend gemacht, und in Bezug auf eine dicSfällige gesetzliche Reform als gefährlich verschrieen wird, anwrndrn? — Wenn die Emancipation dieser Bolksklasse in Bezug aus das Gemeinwesen für so verderblich gilt, war es nicht eben ihre gegenwärtige Verfassung, woraus die Gegner der bürgerlichen Gleichstellung ihre Motive herlciten? Oder gereicht der Umstand, daß die Juden — wie so viele gerne verkünden — verworfen sind, daß sie durch ihre Erpressungen zur Verarmung des Landvolkes beitragen, daß einzelne jüdische Krämer durch Ueberlistung und Wucher auf Kosten ganzer Dörfer sich bereichern, daß es keine Jmmoralitat gibt, vor der sie, so es sich irgend um Profit handelt, zurückschrrckten, und die sie zu verüben, oder doch mindestens ihre Hand dazu zu bieten, sich scheuet« — gereicht dies, sage ich, den gegenwärtigen Zuständen zum Lobe? Und ist wol all das Schlechte, das wir an diesem Volke wahrnehmen, all die Gefahr, womit eine Gemeinschaft mit ihnen unsere christlichen Landesgrnossen bedroht, geeignet, uns die Beibehaltung dieses Unterdrückungssvstems noch ferner anzurathen? »der beweist es nicht vielmehr, daß unsere gegenwärtigen, gegen die Juden bestehenden Gesetze das Schlechte nicht abzustellen vermöge», und die Ungerechtigkeit derselben sich nicht einmal hinter die armselige Schutzwehr flüchten könne, daß sie nützlich sind? Unsere gegenwärtigen, die Verfassung der Juden betreffenden, Gesetze sind machtlos. — Jedes Gesetz, daß die einseitige Beschränkung einer Volksklasse zum Zweck hat, und deren Entwickelung zu hemmen sucht, wird stets und überall umgangen werden; und es ist Jedermann bekannt, daß die Juden, obgleich es gesetzlich verboten — nur um eines Beispiels zu erwähnen — Häuser, ja Güter besitzen, und unter dem Deckmantel eines falschen Namens alle jene Rechte, deren gesetzlicher Nutznießung man sich so sehr entgegenstemmt, factisch dennoch ausüben. — Die Juden, die wir ausschließlich Handel zu treiben so zu sagen selbst gezwungen haben, und die nun, da jedes beharrliche Streben — gleichwie das Wasser, daß in eine enge Röhre geschloffen, durch den einzigen ihm frei gegebenen Punkt gewaltsam aufwärts steigt; fich jedoch allseitig verbreiten würde, so die auf einen engen Kreis beschränkte Kraft in ihrem natürlichen freien Lauf nicht gehemmt würde — zuletzt ans Ziel gelangt — die Juden, sage ich, die nun in diesem einen Erwerbszweig Ueberlegenheit und Gewandtheit erlangten und es hierin allen andern zuvorthaten, üben, und mögen noch so viele gesetzliche Beschränkungen dagegen ins Leben treten, wol einen Druck auf den übrigen heimischen Handelsstand aus. Unsere Gesetze legen der Betriebsamkeit des ehrlichen Juden tausend Hemmnisse in den Weg, und sieh da, der Schlaue, Unmoralische umgeht sie, und das Volk leidet und wird ungeachtet aller Verfügungen gebrandschatzt. — Unsere Gesetze sind es, die den Juden in ganz gewöhnlichen Dingen allen Einfluß versagen: das Geld hat der Staaten Schicksal in ihre Hände gelegt. Unsere Gesetze vermochten nicht die Macht des Geldes zu brechen, und werden sie auch nimmer zu brechen vermögen; unsere Gesetze können den armen Christen gegen den Einfluß des reichen Juden nicht schützen, sie können den unmoralischen Juden in seinen Erpressungen nicht hindern — warum halten wir also trotz dem allen dennoch so fest an diesen Gesetzen? Warum nicht lieber die letzte Spur einer tausendjährigen Ungrrechtigkeit aus unfern Gesetzbüchern tilgen, da doch Jedermann nach ruhiger Erwägung die Ueberzeugung gewinnen muß, daß die vollkommene Vollziehung derselben unmöglich, ihre theilweise Erfüllung nicht nützlich, und Hunderttausenden von Menschen die qualvollste Bedrückung ist? So haben wir denn, wenn auch nur in Kürze, alle jene Hauptbeschuldigungen und Argumente, die theils in ParlamentSreden theils in eigens hierüber geschriebenen Büchern und Broschüren gegen die bürgerliche Gleichstellung der Jude« in unserem Vatrrlande, oder in andern Ländern geltend gemacht worden sind — wo die EmancipationSfrage noch neuer war und mit um so lebhafterem Interesse verhandelt wurde — angeführt; und hat mich auch der Gedanke trübe gestimmt, wie ungleich glücklicher die Welt sein könnte, wenn sie in allen Dingen so skrupulös wäre, wenn sie bei allen Veranlassungen so viele Thaten und Belege nachwiese, als da, wo eS sich um einen Akt der Gerechtigkeit handelt: so freute ich mich doch anderseits zu ersehen, wie unhaltbar selbst die scharfsinnigsten Hypothesen sind, wenn sie zu Gunsten einer schlechten Sache geltend gemacht werden. Und nicht ohne einige Hoffnung schließe ich diese Zeilen. Ich hege fürwahr nicht den entferntesten Gedanken, durch die Verfechtung dieser Angelegenheit mir selbst und meinen schwachen Bestrebungen irgend ein Verdienst zuzuschreiben; ich bin aber vollkommen überzeugt, daß alles wahrhaft Gute und Gerechte sich zuletzt selber Bahn bricht, und nichts aus Erden vermag mir die innere Ueberzeugung zu rauben, daß nicht dasjenige, wofür jedes Herz Parthri nimmt, endlich den Sieg davon tragen werde, und wenn auch alle Aftergelehrten der Welt mit ihren Sophiö» men dagegen ankämpften!" (Schluß folgt.) Druck und Verlag von F. Schuster in Hersfeld.