Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 42 (15.10.1843)
- Date
- 1843-10-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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190 Kirche Treue geschworen, und ist gewiß zuvor in der christlichen Religio« erst gründlich unterrichtet worden. Doch, da das Publikum mit seinem Betragen unzufrieden zu sein Ursache zu haben glaubt, kommen seine neuen Brüder in Christo, und rächen sich nicht'an der Mutter-Kirche, sondern an der verleugneten und verschmähten Synagoge. Gehörte Haber in der That und im Geiste dem Kreise an, den man wegen seiner insultirt hat, das ungeheure Verbrechen wäre ungeschehen, das unermeßliche Leid zweier so achtbarer Familien wäre nicht eingetreten; Habern wäre es nie eingefallen, eingebildete Ehrcnkränkungen durchaus nur mit Blut abwaschen zu wollen, und selbst da man ihn der Ehre nicht würdigte, ein regelrechter Mörder zu werden, darin die größte Beleidigung zu sehen, und Andere dazu befähigte anzuwerben. Der ächte Jude halt Großes auf ehrenhaft Handeln, allein die personificirte Ehre und ihr mörderischer Cultus gelten ihm nichts. Es gehört zu dem starken Kapitel der Heuchelei und den Widersprüchen unserer Zeit, indeß der christliche Staat die Augen verdreht, wenn er von christlicher Tugend, christlicher Moral spricht, welche doch lehrt: Wenn dir Einer auf die rechte Wange einen Streich gibt, so reiche ihm die linke hin, und die doch die Lehre von der Feindesliebe für sich ganz allein in Anspruch nimmt, nichtsdestoweniger im Schvoße und am meisten am Gipfel dieser Gesellschaft die Lehre gilt: Wer deinen Ehrgeiz kränkt, den mußt du niedcrhauen oder niederschießen, oder du bist infam. Für die Unglückliche, die in gerechter Schaam, die Frucht des Leibeö erstickt, die kaum das Licht der Welt erblickt hat, — für den Elenden, den Hunger und Elend aus die Landstraße treibt und der im Morde die Lösung seiner Verzweiflung sucht, — für den Rasenden, der im Effekte ein blindes Werkzeug seines heißen Blutes wird, hat der christliche Staat das unerbittliche Schwert und den noch uncrbittlichern Abscheu, der den Leichnam noch mißhandelt, und der Bestattung desselben das Siegel der Ehrloügkeit ausdrückt. Jndeß dem vorbedachten Morde des Zweikampfs, dieses Ausflusses des Uebcrmuthes (wo haben je Hungrige, Niedergebeugte und Dirlbeschäftigte sich ducllirt?) von der Gesetzgebung geschont, von der öffentlichen Meinung getragen, und die allgemeine, Billig»^ aussprcchende Theilnahme, wie cs im vorliegenden Beispiele der Fall ist, noch bei dem pomphaften Begräbnisse am Grabe sich ausspricht. Selbst das Organ der Kirche, darf nur verblümt und auf Umwegen das Veto der Religion cinzulegen wagen. 0 tempora, o inores! Darum, o Brüder! traget ferner den Spott, daß ihr kein unnölhigcs Pulver riechen könnt. Dienet cuerm einzigen Gotte und der Tugend, und nicht dem Idol: Ehre. Dienet Eurem Vatcrlandc, und wenn sein Dienst es fordert, greifet nach Schwert und Feuer. Euren Feinden aber verzeihet und tödret sic nicht; Euer Leben aber liebet und erhaltet es den Eurigen, die dessen so sehr bedürfen und stellet es nicht dem gräßlichsten Vorurthcile bloS. 2a, suchet Deutsche zu werden mit Leib und Seele, an Treue, Biederkeit, Fleiß und Ausdauer. Aber nicht indem ihr nach den Fehlern haschet, die der edlere Theil der VatcrlandSgenossen abgestrcift, oder abzustrrisen sich bestrebt. Bertholb Auerbach über die AirSen im Herzogthum Nassau. (Schluß von Nr. 40.) Auf der einen Seite an der sittlichen und politischen Bildung der Juden zu arbeiten, ihre Gebrechen schonungslos zu bekämpfen, und auf der andern mächtigen Seite dem Mißwollen entgegen zu treten, das ist eine Wiederkehr jenes sinnbildlichen Ausdruckes, daß die Juden mit dem Schwerte in der einen und der Kelle in der andern Hand am zweiten Tempel zu Jerusalem bauten. Ich habe ehedem oft den Wunsch gehegt, daß die Juden auf den Dörfern sich auch die übliche Landestracht ancignen möchten, damit sie auch äußerlich mehr im Volke aufgingen; hier aber, wo keine Volkstracht ist, haben sie sich auch äußerlich nicht so als ein fremdes Element abgeschlossen, es sind Handelsleute und Handwerker. Widrig und ekelerregend ist nur das Benehmen einiger, wie es scheint, begüterter jüdischer Mädchen, sie sind mit höchster Eleganz gekleidet und suchen in ihrem ganzen Benehmen Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und sich als Vornehme zu documentiren. Ich bemerkte das nicht allein, auch ein Badegast äußerte mir, daß das die entgegengesetzte Wirkung hcrvorbringe, und erst als er einige allgemeine Bemerkungen über Juden daran knüpfen wollte, sagte ich ihm, daß ich ein Jude sei; er war ganz verblüfft, entschuldigte sich, daß er mich gewiß nicht damit meinen könnte u. s. w. Ich bin das gewohnt, man macht in seinem ancrzogencn Vorurthcile gegen die Juden gern jeden Einzelnen „Besseren" zur Ausnahme; Niemand aber darf sich bei diesem persönlichen Freibriefe befriedigen. Wenige geben sich die Mühe, ernst und unbefangen über die Juden nachzudenken und sie mit rein menschlichem Gefühle zu beobachten; in der Regel betrachtet man die gcsammte „Judenschast", wie man sich jetzt in Preußen ausdrückt, als einen Stand, so ist es noch unendlich mehr gegen die Juden, die in allerlei Stände versprengt sind, und wie alle andere Consessionen die verschiedensten Bildungsstufen in ihren Mitgliedern ausweisen. Doch — ich will hiervon abbrcchcn. Mich widerte an den hiesigen Erscheinungen besonders der Mangel an Einfachheit, an bescheidenem Selbstgenügen und innerer Ehre an; nicht nur bei ungebildeten Juden, sondern überall auf der Mittelstufe zwischen Naivetät und Bildung macht sich eine Schaustellung, eine Scheinsucht geltend, die sich folgerecht besonders an Aeußerlichkeiten heftet; so sind die Bauern, die als Städter erscheinen, so Schneider und Lithographen, die sich als Studenten oder Beamte benehmen wollen, so rohe Juden, die sich als gebildet zeigen möchten und sich dafür halten, weil sie sich Kleider und Bücher kaufen können. Es ist nun auch im Dorfe bekannt, daß ich ein Jude, d. h. im Judenrhum geboren, bin; die Tochter meines Nachbars sagte mir ganz ehrlich: „ei, ich Hab' ja gehört, Sie sind ja kein Herr, Sie find ja ein Judd." — Ist das nicht die naivste Offenbarung der vorhin bezeichnctcn Anschauungsweise'? Einige Bauern behandeln mich minder freundlich, andere minder ehrerbietig und mehr als ihresgleichen, seitdem sie wissen, daß ich ein Jude bin; dieses Benehmen der Gleichheit verdrießt mich keineswegs, cs ist gut und recht, daß die Juden durch ihr Schicksal darauf hingewiesen sind, nie zu den „Herrn", zu den „Vornehmen" zu gehören, sie sind die lebendigsten Vertreter der Gleichheit im Bürgerthume. Druck und Verlag von F. Schuster in Hersfeld.