Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 42 (15.10.1843)
- Date
- 1843-10-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts. Eine Wochenschrift für die Keuntniß des israelitischen Lebens/ besonders in religiös-kirchlicher Beziehung. Herausgegeben von Dr. M. Heß, Großbcrzogl. Wcimarschem Lanv-Isatbinen zu Stavt-Leugsscld bei Eisenack. Sonntag, Len 15. Detober 1843. IV. Jahrgang. Nr. 42 Die Gegenwehr des starren Rabbinismns. (Schluß von Nr. 41.) Der Begriff, den die Herren von der Tradition geben, ist der gewöhnliche, flache, unwissenschaftliche, der Geschichte, wie den Aussagen des Talmuds, und der ältesten Gesetzlehrer selbst geradezu widersprechend. Nach jenem Begriffe sei die Tradition als mündliche Lehre und resp. Erklärung und Ergänzung der schriftlichen eben so wie letztere, von Gott dem Moses mitzetheilt worden, habe sich von Mund zu Mund fortgepflanzt, und zu ihrem Inhalte gehören nicht nur diejenigen Sazzungen, von welchen der.Talmud sagt, sie seien Ueber- Ueferung (^dd n&'cb not’fi), sondern auch Alles, was die Talmudisten mittelst Anwendung der dreizehn Regeln (nHE aus der Schrift ableiteten. Zu verwundern ist es nicht, daß bei einer solchen Auffassung der Tradition die Herren Geigern als einen Gegner des traditionellen Judenthums erklären, wenn er von der m&' ma behauptet, resp. nachweist, es sei ihre Anwendung ein gefährliches Verfahren, das erst den späteren Zeiten der Mischnalehrer sein Entstehen verdanke; aber zu verwundern wäre es, wie überhaupt jene Ansicht von der Tradition jetzt noch bei einem gesunden Sinne für das, was die Schrift so klar und augenfällig ausspricht, hervortreten kann, wenn es nicht den Herren in Beuthen und Mislowitz, wie den ihnen Gleichgesinnten ganz und gar an einem solchen Sinne fehlte. „Wenn dieses Vorgeben der Rabbinen — ward schon früher einmal in diesen Blätter (Jahrg. I., Nr. 8.) bemerkt — gegründet wäre, wenn die Gottheit dem Moses neben dem geschriebenen Gesetze noch ein mündliches von so großem Umfange offenbart hätte, ein Gesetz, das nicht blos einzelne Punkte näher bestimmt und erläutert, sondern gar Vieles vorschreibt, was in dem Geschriebenen gar nicht enthalten ist, ja dem wörtlichen Sinn des Textes oft widerspricht, und was doch so leicht mit einem andern Ausdrucke, oder mit einigen Worten hätte deutlich ausgedrückt werden können *), so müßte doch wohl in der Schrift irgend eine Andeutung, eine Hinweisung auf dieses mündliche Gesetz vorhanden sein, um so mehr vorhanden sein, als ja so viele Wiederholungen derselben Vorschriften, so viele ausführliche, mit dem Gesetz in keinerlei Verbindung stehende, Geschichtserzählungen uns den Beweis liefern, daß es der Schrift keineswegs um die gedrungenste Kürze zu thun ist. Der unbefangene und redliche Forscher der Schrift wird aber nirgends eine Andeutung von dem Vorhandensein dieser mündlichen Lehre aufsinven können. Der Talmud ver- *) Härte z. B. die Bibel, wenn cs wahr ist, daß überhaupt jedes Fleisch in Milch gekocht nicht gegessen, ja ftlbst zu keinerlei Gebrauch benutzt werden darf, anstatt das Verbot: „Du sollst nicht kochen die Ziege in der Milch ihrer Mutter" dreimal zu widerholen, nicht sagen können: „Du sollst in Milch gekochtes Fleisch nicht benützen? und statt „Fleisch, das auf dem Felde zerrissen worden von einem Raubthier, sollt ihr nicht effen„, (2. B. 26, 31) „ihr sollt kein Fleisch eines Thieres essen, daS kein Jahr mehr leben kann?» Sieht es nicht aus, als ob die heilige Schrift es darauf angelegt hätte, die Israeliten irre zu leiten?