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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1843-09-24 · Heft 39 (24.9.1843) · page 4

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
4 (1843)
Issue
Heft 39 (24.9.1843)
Date
1843-09-24
Page
– (sequence 4)
Language
German
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15* Staat sich isolirenden politischen Einheitspunkt streben wollten, da diese Tendenz ihnen doch sicherlich am fernsten liegen muß, sobald sie einmal aus dem unseligen Gefühle ihres nationalen Partikularismus herauszutreten, und von Euch, Christen, liebevoll behandelt zu werden wünschen, um Euch dann auch desto thatkräftiger zu beweisen, daß sie Eurer Liebe durchaus nicht unwürdig sind? Doch, ihr erwiedert, „die liberalen Ideen der Zeit, zu denen auch die Idee der Emancipation gehörr, seien mit dem Egoismus der Welt identisch, nicht mit dem Egoismus des Christentbumes!" Bedenkt Ihr auch, was Ihr sagt? Soll ich euch beweisen, daß Ihr mit den Israeliten des 19. Jahrhunderts in der That das innere, unpartikularistische Wesen des Christenthumes vertauscht habt, und daß es bloß noch daran liegt daß Ihr auch Euren Namen vertauscht, indeß die Israeliten, die den Partikularismus abwerfen möchten und die wahre Liebe allmählig in sich zünden lassen, Euch beschämen müssen, indem sie sich des christlichen Namens würdiger zeigen? Wie? Ihr wollt von den Israeliten Humanität fordern, und ihnen das freie Athmen erschweren? Zeugt dieß von Christi Geiste? (Schluß folgt.) Nekrolog. Wien, 25. August. Unsere merkantile Welt, die staatsbürgerliche Gesellschaft, und insbesondere auch die israelitische Religionsgemeinde hier betrauern in dem Hinscheidcn des Chefs, eine» der angesehensten Banquierhäuser, welches in der gesammtcn europäischen Handclswelt den ausgcbreitetstcn Credit und den Ruf strenger Rechtlichkeit und Solidität genießt, M. L. Biedermann einen empfindlichen Verlust. 3m Jahre 1769 in Prrßburg als ein mittelloser Judenknabe geboren, gab er nicht nur das seltene Beispiel, durch sich selbst, der Schöpfer eines Handlungshauses geworden zu sein, dessen Fonds nun wohl mehrere Millionen beträgt, sondern, was in unfern Tagen der Glücksjägerci, namentlich im Börsenspicle, wodurch eben so viele Emporkömmlinge in die Höhe steigen, als wieder vernichtet zu werden pflegen, noch seltener ist, er verdankte sein Vermögen nur einzig und allein den reellen Waaren- und Jndustriegeschäflen, stets neue Geschäftszweige aufsuchcnd und sie den Umständen gemäß benutzend. Sein größtes Verdienst um den Staat erwarb er sich aber, als der eigentliche Begründer einer der wichtigsten Handelsbranchen unserer Monarchie, denn er war cS, welcher zuerst das Ausland, vorzüglich England, schon im ersten Dezennium dieses Jahrhunderts mit der österreichischen und ungarischen Schaafwolle bekannt machte, wodurch unermeßliche Capitalien in das Land gezogen wurden, und so die Veredelung dieses Oeconomiezweigs aus die gegenwärtige hohe Stufe fördern half. Als Vorstand der hiesigen israelitischen Gemeinde war er ein ebenso strenger Wächter der religiösen Vorschriften, als dieselbe seinem Eifer und seiner Großmuth hauptsächlich die Grün- Druck und Verlag von \ düng eines BethauseS hier, wie auch der übrigen religiösen Anstalten und den gegenwärtigen günstigen Stand ihres gemeinschaftlichen Vermögens verdankt. Schon im Jahre 1817 hatte der Kaiser Franz I. wegen des überall beschäftigten Patriotismus den nun Verblichnen mit der Toleranz für alle seine Kinder belehnt, worunter vier Söhne, für deren Wirken zur Fortdauer seines Handlungshauses, er väterliche Fürsorge traf, und sie noch am Todtenbette zum Festhalten an seinen Grundsätzen einer soliden Handlungsweise, und zur Einigkeit unter sich selbst, ermahnte. Er war ein Biedermann im wahren Sinne des Wortes. So weit entlehnen wir der deutschen allgemeinen Zeitung, und fügen noch hinzu, was ein Verehrer des Seligen uns über dessen Charakter mittheilte: Herr M. L. Biedermann war eben so edel in seinem Lebenswandel, als schlicht in seinen Sitten, einfach in seiner Kleidung und in seiner häuslichen Einrichtung. Schon mit großem Reichthum gesegnet, und ein sehr gastfreies Haus führend, war er doch Feind jedes überflüssigen, dem Bttrgerstande nicht geziemenden Luxus, und duldete einen solchen auch nicht, bei feinen Kindern, die, so wie seine, im Jahr 1838 ihm vorangegangene brave Gattin, sein Stolz, seine einzige Freude waren. Nie sah ich eine glücklichere Ehe, nie eine größere Sympathie zwischen Gatten, die nur in der Liebe für ihre zahlreiche Familie sich gegenseitig zu übcrtreffcn strebten. Eine glänzende, sorgfältige Erziehung, das herrliche Beispiel der Eltern mußte hier von dem glücklichsten Erfolg gekrönt werden, und die Seligen hatten nie Ursache sich auch nur über eines der acht Kinder zu beklagen, die sich alle des ehrendsten Rufs erfreuen. Bel Entstehung des neuen Tempels, die größtcntheils dessen Werk war, legte er großen Werth darauf, den strengsten Orthodoren keine Kränkung zu verursachen, und doch steht dieser Tempel, mit seinem erhabenen Prediger, seinem berühmten Kantor, seinem herrlichen Chorgesang ein Muster da, für Oesterreich und wol für ganz Deutschland. Mit wahrer Frömmigkeit verband B. eine edle Toleranz, eine Freundlichkeit gegen freier denkende, wodurch er sich die allgemeinste Verehrung erwarb und viel wirken konnte. Noch im siebzigsten Jahre ein rüstiger, thätiger Mann, hat nur der Tod seiner treuen musterhaften Gattin es wohl vermocht, seine Gesundheit zu untergraben. Seit einer langen Reihe von Jahren hat kein größerer Verlust die jüdische Gemeinde der Kaiserstadt getroffen, die noch lange zu betrauern wird, und nur die Hoffnung, in den Söhnen ihres WohlthäterS Erben seiner Tugenden zu finden, vermag es, sie zu trösten, HCtt h&'J/E Friede seiner Asche'. Amen. . Schuster in Hersfeld.

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