Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 35 (27.8.1843)
- Date
- 1843-08-27
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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14S dieser furchtbaren Maaßrcgel ins tiefste Elend gestürzt werden. Man denke sich die großen Kehilot, (größere Judengcmeinden) von 10 — und 20,000 auswandern, mit Greißen, Frauen und Kindern, nicht wissend, wo Abends das müde Haupt nieder zu legen, noch weniger, wo den Wanderstab hinstellen, wo den Hecrd gründen. Denn für ein anderes Unterkommen ist im Ukas keine Bestimmung zu finden. Wie viel Wohlstand wird zu Grunde gehen, wie viel Armuth wird Ln der Verzweiflung den Ausgang finden, wie mancher zitternde Greis wird an den Landstraßen zusammcnbrcchcn, wie mancher Säugling crlechzcn, bis die Hunderttausende Ruhe gefunden, diesseits oder jenseits, bis man keinen irrenden Wanderer mehr findet, »von der russischen Grenze," bis die letzte Welle des aus seinem Bette getriebenen Völkerstroms verlaufen oder versiegt sein wird! Die KönigSberger Gemeinde hat ein schriftliches Bittgesuch an den mächtigen russischen Beherrscher zu stellen gewagt. Gott segne das gute Werk! (Köln.) Tic jüdische Gemeinde sendete, nach dem Bekanntwerdcn des erfreulichen Provinzial-Laudtagsbeschlusses, im Betreff der Emanzipation der Israeliten 800 Thlr in Begleitung folgenden Schreibens an die Armenverwaltuug dortsclbst. »Die Stimme der Gerechtigkeit, die sich aus dem h. rheinischen Landtage für uns erhoben, erfülle unser Herz mit Freude, bringt Thränen uns ins Auge. Dem Leuker der Herzen haben wir vor Allem unsre heißen Dankgebetc zu entsenden, und um den ersten Regungen unsrer Gefühle einstweilen, wenn auch schwachen Ausdruck zu geben, erlauben wir uns E. w. Armenverwaltuug bcikommcnde, unter den hier wohnenden Israeliten durch freiwillige Beiträge gesammelten achthundert Thaler mit der Bitte zu übermachcn, daraus 3000 Stück Brode anzukauscn und diese, den Selbstbetrug von 400 aber baar unter die Armen hiesiger Stadt, nach eigenem Ermessen, vertheilcn zu wollen." (Lehrer und Prediger.) Es ist erfreulich wahrzunehmen, welcher Sinn fürs lebendige Wort beim Gottesdienste, inmitten Israels, erwacht ist. Auch da, wo von Oben wenig dafür gethan wird, und die Gemeinden, mit der Regulirung ihres Cultuswesens, sich selbst überlassen sind, wird die Predigt beim Gottesdienste und bei andern feierlichen Gelegenheiten, als ein wesentliches Moment betrachtet. Wo die Gemeindemittel zu schwach sind einen wissenschaftlichen, beredeten Rabbinen und Prediger anzustellen, verlangt man von den Lehrern, daß sie diese Lücke ausfüllen. Man findet daher, wenn ein Lehrer gesucht wird, in der Regel die Forderung oder den Wunsch ausgesprochen, daß er im Srande sei, freie gottesdienstliche Vorträge halten zu können. Wiederum, wo ein Lehrer eine Stelle sucht: weiß er sich nicht wirksamer zu empfehlen, als daß er des freien Wortes mächtig fei. Es wird daher auch gepredigt von Dan, bis Beer Scba, allein mitunter —daß sich Gott erbarm! Tic Predigten und geistlichen Reden mehrerer Lehrer aus unsrer Bekanntschaft gehen in deren Umgegend von Mund zu Mund, und werden bei Hochzeiten und andern Schmausereien zur Erschütterung der Nerven vvrgctragen. Doch solcher Lehrer Predigten, die die Kanzel zum Pulcinellkasten herabwürdigcn, die statt zu erbauen belustigen, sind bei der immer allgemeiner werdenden Bildung unsres Lehrerstandes Wohl selten. Häufiger, mag es aber schon Vorkommen, daß sehr mittelmäßige, tact- und geschmacklose Predigten und Reden dem Publicum zum besten gegeben werden. Denn auch der tüchtigste und achtungswertheste Schulmann kann, ja, wird vermuthlich ein Stümper in der Kanzclberedtsamkeit sein, wenigstens ebenso, wie auch der gefeierteste Kanzelredncr vielleicht dem ihm untergeordneten Schullehrer in der Lehrgeschicklichkeit Nachsicht. Ist denn die Homiletik ein so leichtes Wissen und Können, daß man sie so nebenbei treiben kann, wie die Beschäftigung mit Bienen- und Baumzucht u. dgl., worauf jener so nützliche und doch so schmählich dotirte Stand als Acquivalent seines Einkommens hiugewiesen wird? Gesetzt aber auch, es fänden sich^bci dem Lehrer Rednergaben, die zu gediegenen gottesdienstlichen Vorträgen erforderlichen Kenntnisse, und eö ermangele ihm auch nicht die rhetorische Fertigkeit und Ausbildung, so daß sie es hierin manchem Geistlichen zuvorthun, wie auch deren uns in der That bekannt sind, so sind wir, auch in diesem Falle, nicht für die Verbindung des Lehrmit dem Predigtamte. Nicht als wenn wir die verwerfliche Geringschätzung, die hie und da noch den Schullehrer trifft, theiltcn, und darum ihm die Kanzel vorenthalten möchten. Gott bewahre uns. Im Gegentheile, die hohe Meinung, die wir von der Wichtigkeit seines Berufes haben, die großen Hoffnungen, die wir von seinem mühevollen, stillen Wirken für das Heil Israel insbesondere, und das der Menschheit im Allgemeinen setzen, lassen uns wünschen, daß er sich ungcthciltcn Herzens seiner hohen Mission ganz weihe. In seiner Kindcrwclt und für dieselbe lcrnes lebe und strebe der Lehrer, auf diesem Felde crndtc er seinen Ruhm und seinen Lohn von Dics- und Jenseits. Man bedenke, wie ein gewissenhafter Lehrer von seinem Amte in Anspruch genommen ist und sein soll. 6 — 7 Stunden täglichen Schulunterricht, 1 Stunde Vorbereitung (wo der segensreiche catechetische Religionsunterricht eingcführt ist, wird dieses gewiß nicht zu hoch angeschlagen sein) N — 2 Stunden für Cvrrecturen von Aussätzen und schriftlichen Ausarbeitungen, für Fcdcrschncidcn u. dgl., und erwäge dabei die so höchst nöthige Weiterbildung des Lehrers in 3 verschiedenen Beziehungen, als Mensch, als Israelit und als Pädagog, in feinen Fach, schriften, in der jüdischen Literatur und in allgemeine Bildung befördernden Schriften. Wo. ist der Lehrer, der nun noch eine Predigt aus dem Acrmel schüttelt? Nur einem Genie ist das möglich. Sonst muß eins leiden, entweder Schule oder Kanzel. Und wem in solchen Fällen der Sieg wird ist nicht zweifelhaft. Die Erfolge der Kanzel gewähren äußern Lohn, rauschenden Beifall und Ruhm, die Erfolge der Schule werden nur von Wenigen erkannt und gewürdigt, und der Lohn kömmt erst im Elysium und beschränkt sich hier aus den engen Kreis des eignen Herzens. Ein anderes Vcrhältniß ifts freilich bei wenig beschäftigten Religionslehrcru, denen ihr eigentlicher Beruf nur täglich 2 — 4 Stunden kostet, dann mag nach einer entsprechenden Prüfung der rhetorischen Fähigkeiten, auch das Lehramt in der Synagoge übertragen werden. Viel beschäftigte Lehrer sollten in keinem Falle — bei seltenen, besonders feierlichen Vorkommenheiten ausgenommen — zum Predigen zugelagen, noch weniger aber ihnen dasselbe zugemuthet werden. Druck und Verlag von F. Schuster in Hersfetd.