Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 30 (23.7.1843)
- Date
- 1843-07-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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LSS in einer frühem Nummer dieses Blattes ausgesprochene Hoffnung daß das Beispiel vr. Frankel's, den Gebeten W'lamalschinim u. W'hu rachum eine menschenfreundlichere Tentenz zu geben, Nachahmung finden möge, ist darin auf einer noch entsprechendem Weise, als in Dreesden, in Erfüllung gegangen. ES ist erfreulich, wenn bei dergleichen Reformen auf möglichste Gleichmäßigkeit mit den Synagogen des Auslandes, gesehen wird. Bei dem, jüngst dortselbst abgehaltcnen Landtage, crgieng so wie.'an die christlichen Geistlichen, auch an den Land-Rabbinen die Aufforderung, ein besonderes Gebet für das Gedeihen der landtäglichcn Geschäfte, dem allgemeinen Kirchcngebete anzuschlicßen. So sehen wir unter der Aegidc dieser weisen humanen und väterlichen Regierung politische und religiöse Aufklärung immer mehr Raum gewinnen. (Wien.) Die Verleihung des Ehrenbürgerrechts an Herrn v. Rothschild, und die neueste Schenkung dieses Edlen (35,000 Fl. C. M.) zu wohlthätigen Zwecken ist wohl genugsam aus andern Blättern bekannt. Allein die Worte einer schriftlichen Antwort Rothschilds, an die Vertreter der jüdischen Gemeinde, die ihn, wegen des angegebenen Ereignisses beglückwünschten, verdienen noch mehr einem großem Publikum bekannt zu werden. Namentlich sollten sie von manchen unsrer Reichen und modernen Stutzer beherzigt werden, die sich des Namens „Jude" schämen, und es für das angenehmste Complimcnt halten, wenn ihnen versichert wird: man habe sie gar nicht für Juden angesehen. Wir wollen deßhalb das Schreiben, seinem ganzen Inhalte nach, in den nächsten Nummern mitthcilen. Schreiben des Oberrabbinen Frankel in Dresden an den Minister Eichhorn in Berlin. (Schluß von Nr. 28.) „Ich gehe nun zu dem Zustande der Synagogen in Preußen über. Dieser ist so heillos, es erfährt die Synagoge seil einer Reihe von Jahren eine Mißachtung in den preußischen Sraaten wie sonst selten; wie sie aus mich, der in einem Staate lebt, wo die jüdische Confession als Conscssion anerkannt ist und fast dieselben Rechte wie die herrschende Landeskirche genießt, den veinlichsten Eindruck machen muß. Ich wurde durch das hohe Königl. Sächsische Cultusministerium ins Land gerufen: diese hohe Behörde überwacht die Religions- und UnterrichtSangclrgenheiten der Juden; noch ist nicht dem Staate hieraus ein Nachtheil erwachsen, noch hat diese Achtung vor dem Glaubensbckenntnige Anderer, dem Christenthume keinen Eintrag gethan; und ich darf eö mit Stolz sagen, daß diese Beaufsichtigung dem Staate wie zur Ehre auch nicht minder zum Vortheile gereicht, und noch hat sich keine Veranlassung gefunden, daß das hohe Ministerium seine weise und väterliche Fürsorge aufgcben wollte. Die Nichtbeachtung hingegen, die die Synagoge in Preußen erfährt, die Erklärung „daß die jüdische Religion nur geduldet sei und ihre Bekenner keine kirchlichen Officianten habe" (Reskript vom 11. März 1823) schmerzt tief, enthält die kränkendste Verletzung für alle Bekenner der jüdischen Lehre. In der zu erfolgenden Bestätigung wäre ein Zurückkommen von diesem Prinzipe zu erblicken, doch wäre eine solche Wahrnehmung nur dann begründet, wenn die Bestätigung die Form einer Vocation hat oder offen ausspricht, daß der Angestellte als Oberrabbine der Mitglieder einer Confessio» vom Staate anerkannt und ihm die Leitung ihrer geistlichen Angelegenheiten anvertraut sei. Nur so wäre der Anfang zu dem Werke des Rechts und der Billigkeit, der Anerkennug der jüdischen Confession gethan. Würden keine Aussichten zu einer solchen Anerkennung vorliegen, würde die Wahl nur als ein Vertrag zwischen zwei Partheien angesehen und die Bestätigung sich nur aus die Gültigkeit des Vertrages beziehen; so müßte ich auch hier meiner Ueberzeugung folgen und im Interesse der Confession selbst die Stelle zu Berlin als unannehmbar erklären. Ich trete nun aber noch mit einer Ansicht hervor, die Ew. Ercellenz meine Gesinnung ganz offenbaren möge. Es erfreuet die Synagoge in Preußen sich nicht nur keiner Aufmunterung, sie wird nicht nur vom Staate ignorirt und läßt man sie ihrem Verfall entgegen gehn, sondern es wird auch dahin gewirkt, ihre Glieder von ihr loszureißen, und sie mit Zerstörung der heiligsten Bande zum Christcnthum hinüberzuziehn; das Juden-Missionswcsen ist in Preußen am ausgebreitesten und verzweigtesten. Auch hier habe ich eine Ueberzeugung, von der ich nie abgehcn werde; ich erblicke in diesen Missionen eine Herabwürdigung des Glaubens für den angcworbenen, und einen unverantwortlichen Eingriff in den Glauben, von dem abtrünnig gemacht werden soll. ES spiegelt sich in diesen Verführungen das Bild der moralischen Folter ab; es wird durch sie Unfriede und Unheil in den Schooß der Familien ausgestreuet und die Gewissensruhe untergraben; und da man eine Rcciprocität nicht zugestehet (und die Synagoge würde auch hiervon keinen Gebrauch machen, würde Bekehrungen solcher Art mit dem tiefsten Unwillen zurückweisen), so gilt dieses System nur der gedrückten und verachteten Synagoge. Auch diese Schmach muß abgethan werden, wenigstens muß dem angegriffenen Theile die Abwehr sreistehen; und ich werde es zu meiner Lebensaufgabe machen, daö Gewebe des Truges und der Verführung (denn welchen Händen ist oft das Missionswesen anvertraut'.) zu enthüllen, die Künste der Lüge und der Täuschung und der Vorspiegelung, deren man sich bedient, aufzudecken, das schändliche von Missionären und Proseliten mit dem Heiligsten getriebene Spiel in seiner eigentlichen Gestalt darzustellen und auf das minder Verdienstliche der Beförderung solcher Kriegserklärung gegen die Synagoge aufmerksam zu machen. Der Wahrheit soll ihr Recht werden, und sie soll bekunden, wie unvereinbar jene Bekehrungsversuche mit dem eigentlichen Wesen der Religion seien; ich werde aber auch nicht ermüden von der Kanzel und in anderen Vorträgen, in öffentlicher und Privatunterrcdung meine Gemeinde zu warnen, zu belehren, zu ermahnen, wie sie vor der ihre Ruhe bedrohenden Bekehrungssucht sich hüte. Denn bin ich auch weit davon entfernt, Frömmlinge zu bilden, ist mir jede pietistisch - mystische Richtung im .Judenthum verhaßt, so erkenne ich nicht minder, was ich dem von mir vertretnen Glauben schuldig bin, zu seiner Vertheidigung, zu seiner Aufrcchthaltung gegen äußere Eingriffe muß mir jedes rechtliche Mittel, muß mir vorzüglich die Belehrung, das Wort in seiner Ausdehnung zu Gebote stehen. Ich habe nun Ew. Excellenz meine Ansichten ganz offen dargelegt. Sie haben sich in mir zur Ueberzeugung gestaltet; ich werde von ihnen nie zurücktreten. Können Ew. Excellenz sie nicht billigen, so wird mir das Bewußtsein Zurückbleiben, mich als redlicher Mann nach meinem ganzen Wesen gegeben, und jedem später nur schwer auszugleichenden Mlsvcrständnisse vorgebeugt zu haben. Lassen aber Hochderoselben die Bestätigung erfolgen, so ist mir dieses eine ermunterte Wahrnehmung, daß meine Ansichten gut geheißen und. auch von Seiten der hohen Staatsregierung als Norm angesehen werden, nach der ich meine Stelle antreten und in ihr wirken soll. Ich habe die Ehre mich mit tiefster Hochachtung und Verehrung zu zeichnen vr. Z. Frankel, Oberrabbine. Dresden, den 6. Februar 1843. Druck und Verlag von F. Schuster sn Hezsfeld.