Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 26 (25.6.1843)
- Date
- 1843-06-25
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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106 Mit Schmerz und Wehmuth geben wir dem Staude wieder, was vom Staube genommen worden ist. In wenig Augenblicken, trauernde Versammlung, wird die Erde ein edles Bruderherz bedecken, das nun für diese Welt Ruhe und Frieden gesunden hat. O lasset uns Alle, für die sein Herz hier im Leben in so treuer Liebe schlug, lasset immer unsere Thränen fließen; unsere Liebe und Freundschaft können sich dem Verklärten nur noch in den Thränen erweisen, die unsere Augen ihm nachweinen. O weinet, damit sich unser Schmerz in sanfte Wehmuth auflöse; trauert heute und noch lange um den Entschlafenen, den des Himmels unerforschlichcr Rathschluß uns so früh und plötzlich entriß. Ach saget uns nicht dieses traurige Beispiel: wo wäre der Mensch, welcher nicht endlich seine irdische Wallfahrt am Grabe beschlösse! Jahrtausende sind vergangen, seit Menschen auf Erden wohnen und Alle, welche vor uns waren, haben ihre sterblichen Uebcrreste dem Grabe überlassen müssen; Jahrtausende werden noch nach uns vergehn, und immer wird das Wort, zu den Erdenbewohnern gesprochen, Wahrheit bleiben: Der Mensch hat seine bestimmte Zeit, die Zahl seiner Tage steht bei Gott; er geht auf wie eine Blume, und fällt ab, wie Gras ist er in seinem Leben; er blüht wie eine Blume auf dem Felde, wenn der Wind darüber hingcht, so ist sie nicht mehr da, und ihre Statte kennt man nicht mehr. So ist es im menschlichen Leben; der Staub muß wieder zu Staube werden, daraus er ^genommen ist. Menschen von allen Altern und verschiedensten Verdiensten haben im Grabe ihr Erdenzicl gefunden, und die Wogen des vielfachsten, regsamsten Lebens sind hier zum Schweigen gekommen. Und wir könnten noch bauen auf die Gesundheit und Festigkeit unseres sterblichen Körpers? wir könnten für nichts Höheres Sinn haben wollen, als nur für die Erde? Läget uns diesen Ort betreten und wir werden erkennen lernen, daß Alles nichtig und vergänglich sei. Hier verläßt der Sohn den Vater, die Tochter die Mutter, der Bruder die Schwester, hier fließt die Thräne der Freundschaft und Liebe, hier trennt sich der Freund von der Brust seines treuen redlichen Freundes. Müssen wir nicht heute diese traurige Erfahrung machen? War dieser Tahingeschiedne nicht auch unser Freund? Beweist das nicht die liefe Betrübniß dieser zahlreichen Begleitung, und die Thränen die den Augen entströmen? O Versammelte! hemmet nicht diese Thränen, lasset ihnen freien Lauf, sie fließen für einen selten biedern Freund, für einen rechtschaffenen, menschenfreundlichen Mann; sie sind der schönste und treuste Beweis, wie wcrth und unvergeßlich er unserm Herzen ist und bleiben wird. Blicket um euch und ihr werdet sehen, daß alte ehrwürdige Männer, die so viele Jahre sich seines Umganges und seiner Freundschaft erfreuten, ihren Thränen freien Lauf lassen, denn sie sind die sichersten Bürgen ihres bittern Verlustes, ihres tiefen Schmerzes, ihres traurenden Herzens. In zwar hohen, aber noch kraftvollen Jahren wurde er plötzlich herausgeripen aus den Armen seiner treuen Gattin, getrennt von liebenden Herzen guter Verwandten und so vieler aufrichtiger Freunde. O ein bitterer Verlust für uns Alle. — Doch getrost, es kommt die Zeit und Stunde, wo auch wir das Irdische verlassen und dann mit ihm auf immer vereinigt sein werden. Schnell wurde dieser Gute und Edle ins Grab gestürzt; aber sein redlicher Wandel, seine liebevolle Verträglichkeit, seine große Wohlthätigkcit, seine Friedfertigkeit, die treue Erfüllung seines Berufes, die zitternde Thräne, die er so manchem Auge das ihm näher kam, zurückgelassen hat, und so manches gute Herz, das nach ihm verlangt und verlangen wird, können uns Bürge sein, daß sein Geist zu Gott zurückgekchrt ist, der ihn gegeben hat, und daß einst auch sein Leib aus dem Grabe zum ewigen Leben wieder hervorgehen werde. Da er hat richtig gewandelt! — Dieß Zeugniß nimmt er mit in sein Grab und in die Ewigkeit. Dieß Zeugniß gibt ihm die zahllose Menge derer, für welche er stets wirksam war. Dieß Zeugniß geben ihm alle seine nähern Verwandten und vieljährigen Freunde, ach, und ganz besonders das tiefgebeugte Herz seiner edlen Gattin, an der er mit der zartesten Liebe hing, und die ihm durch die innigste Liebe vergalt; dieß Zeugniß geben ihm die dankbaren Thränen so Vieler, welche jetzt über den Dahingeschiedenen, ihren Helfer im Verborgenen, weinen. Er hat still vor sich gewandelt. Denn stille Wirksamkeit für das Gute jeder Art und anspruchslose Wohlthätigkcit war die Krone seiner übrigen Tugenden. Vieles von dem, was er Rühmliches gethan hat, ist gar nicht, oder doch nur Wenigen bekannt geworden. Aber laut, laut und dankbar rühme ich Dich, Du Edler, für alles das was Du wirktest in unserer Mitte, und wodurch Du Dir ein unvergeßliches Denkmal Deines wohlwollenden Herzens gestiftet hast! Nun ist er zum Frieden gekommen und ruhet in seiner Kammer. Friede mit Allen war schon hier der vorzüglichste Zug seines Charakters. Friede und Achtung Aller, welche ihn näher kannten, war der Lohn seiner Tugend. Friede und Geistesheiterkeit, der stete Antheil der Gemeinnützigkeit und Bernsstreue, waren die Freunde und Begleiter seines Lebens, sprachen aus seinen Mienen und erheiterten seinen Umgang. — Friede und der Segen Gottes ergoß sich über sein ganzes Leben, und selbst der Tod nahte sich ihm plötzlich als ein freundlicher Engel, der die Fackel des Lebens sanft verlöschte, und ihn liebend hinübergeleitete in das Land des Friedens. — Ruhe denn aus hier in deiner Kammer, du edler Menschenfreund, hier, vor dem Orte deiner vieljährigen, rühmlichen Thätigkcit, hier, wo einst auch Deine treue Lebensgefährtin schlummern wird, um auch im Tode mit Dir eins zu sein, wie sie es im Leben war, denn Dein letzter Wunsch war es ja, nur in Deinem Hause *), nur an der Seite Deiner Gefährtin aus diesem Leben zu scheiden, und er ist erhört worden. An Deinem Grabe erheben wir unsere Häupter getrost zum Himmel auf. Gelobt sei Gott! Nicht aufgelößt ist unsere Gemeinschaft mit Dir; noch umgibt uns das heilige Band der Freundschaft in Liebe; und dort, wo> man edler und erhabener denkt und inniger liebt, als auf Erden, wirst auch Du unser nicht vergessen. Diese Gruft, welche Deine Hülle nun bald decken wird, soll uns ein Denkmal bleiben, daß wir Dich unser nannten. Wir wollen sie mit Wehmuth und Liebe, aber auch mit froher Ahnung unserer künftigen Wiedervereinigung betrachten. Dieser Glaube verwandle nach und nach unseren Schmerz in Tröstung, unsere Sehnsucht in Hoffnung underhebend stehe an Deinem Grabe heute und immerdar das Bild Deiner und unserer Unsterblichkeit! Und so rufen wir denn aus voller Brust die Worte in Dein frisches Grab hinab, daß wir stolz sind. Dich Freund und Bruder genannt zu haben! Amen." *) Hr. Friedländer stürzte aus seinem Wagen in der Nacht vom 7. März d. I.; er wurde nach dem Nächstliegenden Gasthause gebracht, um ihm schnell ärztliche Hülfe zu leisten, war jedoch bald fast besinnungslos und alle menschlicke Hülfe, alle angewandte Kunst scheiterte, ihn wiederherzustellen. Seine letzten Worte waren: »wenn ich denn sterben soll, so will ich, daß es in meinem Hanse sei", worauf unser hochherziger Redner hindeutet. Angekommen: Le escr, Ille Oceickent. L is co, das Ceremonialgesetz des alten Testaments. Liepmannssohn, Lebens-, Tugend-, Älugheits- und BildungS-Rcgeln. Druck und Verlag von F. Schuster in Hersfeld.