Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 25 (18.6.1843)
- Date
- 1843-06-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Der Zsraelit des neunzehnten Jahrhunderts. Eine Wochenschrift für die Kemitniß des israelitischen Lebens, besonders in religiös-kirchlicher Beziehung. Herausgegeben von I)r. M. Heß, ©rogl)cr;piil. Wcimarschem Land-Raddinen;u SraSt-LengsfclV bei Eisenach. Nr. SS. Sonntag, den 18. Juni 1843. IV. Jahrgang. Eine Unterredung mit Benno Bauer über die Jndenfrage. (Aus einer brieflichen Mittheilung.) Bei Bruno Bauer war ich erst vor wenig Tagen, um ihn über Ihren seine Judenfrage betreffenden Aufsatz *) zu sprechen. Es ist seltsam, daß die Gelehrten, wenn sie in der Sphäre der Wissenschaft und der Verstandesdisciplinen auch noch so frei sind, von allem subjectiven Dünkel, und von den unmittelbaren Angewöhnungen ihrer Natur und deren Bedürfnissen noch so sehr abftrahiren können, doch meistens in der Sphäre ihrer sinnlichen Natur und Gewöhnung an dem Dunst einer subjectiven Eigenthümlichkeit leiden, die jedem Commosens entgegenstrebt. So fand ich Bauer in seiner Stube, die ihm die dreieinige Eigenschaft von einer Visiten-, Wohn- und Studierstube vertritt, in einer solchen Rauchwolke eingehüllt, daß, wohin sich auch mein Auge gewendet, eS weiter nichts als Dampf und Qualm sah; eine Locomotive hätte davon in Bewegung gesetzt werden können. Der Kritiker blieb mir lange verhohlen und seine Anwesenheit ward mir nur durch den Ruf „treten Sie näher" manifesiirr. Endlich öffnete sich ein Fenster und die Dämpfe verloren sich in verdünnterer Lust, und jener Mann, der das ungeheure Gebäude, woran achtzehnhundert Jahre gebaut, mit seiner Feder zu Boden gestürzt, ward mir sichtbar. Er ist ein abstudirter hagerer Mann, von mittlerer Statur, mit hoher *) S. Nr. 4 und Nr. 7 — 10 dieser Blätter. Stirn, scharfem Blick und blondem Haar. Im Ganzen ist sein Aeußeres nicht besonders einladend; im Gespräch gewinnt er an Liebenswürdigkeit; sein Ausdruck ist sehr präcis. und er tritt mit großem Selbstbewußtsein und Ueberlegenheit auf. Besonders fleißig ist er nicht, und doch lebt er auf eine brillante Weise von seinen Schriften. Da er mich schon von früher her kannte, so fand ich! eine gute Aufnahme. An Ihrem Aufsatze, den ich ihm schon früher zugclandt hatte, erkannte er die verständliche populäre Darstellung und Verbreitung einer höheren Auffassung der Judensache an, was anderen Besprechungen seiner Emancipationskritik abgehe, behauptete aber sofort, Sie batten ihn ebensowenig widerlegt, als die aus anderen Händen hervorgegangenen Antikritiken. Er nahm Ihnen besonders eine Stelle übel, wo Sie ihn eines Vorurtheils gegen die Juden beschuldigen. Er habe sich, sagte er, der Juden in feiner Broschüre gegen die badische Ständeversammlung angenomj men, weil ihn dort die Wahrheit und die Natur der > Sache dazu zwang; hier aber sei er gekommen, eine j Thalsache zu erklären und^die Erklärung dieser THatsache! habe ihn zu ihrem Begriffe geführt, aus dem Begriffe! aber ergeben sich uothwendig diejenigen Argumente und > Resultate, die er in seiner „Judenfrage" niedergelegt. > Er sei Kritiker, behauptete er, und habe mit Vorurtheij len nichts zu thun; überdies seien Argumente keine Vorurtheile. Er habe sich, fuhr er fort, über die christliche Re, ligion, sowohl hier, als anderwärts, nicht minder kritisch j und den verjährten Sauerteig der christlich-theologischen > Gefühle verletzend, ausgelassen, als über die jüdische.! Ich bin gekommen, sagte er, ein Factum nach der Na-