Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 24 (11.6.1843)
- Date
- 1843-06-11
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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98 Israeliten haben aber Unrecht, daß sie sich über diese für dieses Geschäft eigens aufgefütterten'Seelenschacherer, und über ihre Schutzlosigkeit bei den Behörden in diesem Betreff beklagen. Mögen sie der Worte Jesajas (6, 13) eingedenk sein: »Und bleibt ein Zehntheil, es wird wiederholt ausgefegt werden. Wie Eiche und Linde — mögen die Blätter fallen, der Stamm steht; denn heiligen Saamens ist ja der Stamm!" Die Sephardim. (Fortsetzung von Nr. 23.) Die Juden wurden über die ganze Welt zerstreut, und wunderbar, eine Mumie, wie sie nun sind, haben sie sich doch rüstig und frisch erhalten. Der schwere Druck, unter welchem sie schmachteten und theilwcise noch schmachten, hat sie wohl gebeugt, aber nicht geknickt. So war es schon im Alterthume; siezzeigten stets eine erstaunliche Spann- und Federkraft. Sinnreich und gewandt finden wir sie noch; auch Arbeitsamkeit und kriegerischer Mut fehlen ihnen nicht, wo man ihnen nicht durch verschrobene Zustände die Ausübung dieser Tugenden unmöglich macht. Nie ist ein morgenländisches Volk, die Chinesen und die Bewohner der japanischen Inseln etwa ausgenommen, so fleißig gewesen, wie die Juden in ihrer wenig fruchtbaren Heimath, wo sie das dürre Gebirge durch unermüdlichen Fleiß urbar machten. Und diese Heimath haben sie gegen Syrer und Römer mit wahrhaftem Heldenmuthe vertheitigt. Allein das Schicksal wollte, daß sie zwar in staatlicher Beziehung nicht zur Reife kommen (?), aber als Stamm auch nicht untergehen sollten. Und so finden wir sie dann seit nun bald zwei Jahrtausenden, als eine »Parasitcnpflanze auf den Stämmen anderer Nationen," mit denen sie sich zu keinem Ganzen verschmelzen konnten. Lag aber die Schuld davon ganz an ihnen? Ihre Geschichte ist ein fortlaufender Kampf Unterdrückter gegen Unterdrücker; der Schlauheit und Gewandheit gegen rohe plumpe Gewalt. Indem man die Juden verfolgte, verderbte man ihren Karakter, und zwang sic zu List und Betrug, die man ihnen jedoch weniger zum Vorwürfe machen darf, als man die empörenden Gewaltsamkeiten, die gegen sie verübt wurden, von Herzensgrund verabscheuen muß. Man gestattete ihnen keine Spanne Bodens, welche sic die ihrige hätten nennen können, und macht ihnen einen Vorwurf daraus, daß so viele von ihnen Kosmopoliten sind! Aber der, welchen die Gesetzgebung zwingt, ein bloßer Geldman« zu werden, wird immer ein Kosmopolit sein, denn es gibt nichrs, was seiner Natur nach weltbürgcrlicher wäre, als eben das Geld. Das hat ja kein Vaterland! Der „christliche" Staat legt seinen Kredit in ihre Hände, und erklärt doch den Juden für unfähig, etwa Nachtwächter zu sein! ES gibt nur ein Mittel, die kurzsichtiger Weife gesetzlich neben den Staat hinausgcstelltc, und doch wieder mit ihm verbundene Judcnschaft, dem Staate zu gewinnen, sie dauernd und gründlich zu versöhnen und sich einzuverleiben, und dieses einzige Mutel ist: völlige bürgerliche Gleichstellung und unbeschränkte religiöse Duldsamkeit, die ja ohnehin ganz im Sinne unseres Religionsstifters ist. Die Juden sind einmal da, und haben, wie schon bemerkt, gleich uns Christen, ein Recht, da zu sein; sie sind zahlreich, talentvoll, von Einfluß auf Handel, Gewerbe, Schriftenthum und gesellschaftliches Leben: die überwiegende und gebildete Mehrzahl derselben ist jenes »Parasitenwesens" satt und müde. Für mich hat es immer etwas Rührendes und Erhebendes gehabt, den Kämpfen, welche besonders seit zwanzig Jahren die Juden in Deutschland um bürgerliche und gesellschaftliche Gleichstellung führen, zu folgen; zu beobachten, wie sie aus der aufgezwungenen Weltbürgerlichkeit, die sie keinem festen und sichern Boden unter den Füßen gewinnen läßt, herauswollen, wie so Viele sich des Patriotismus redlich bestreben, und wie sie nicht selten mit einer Besorgniß die ich eine religiöse nennen möchte, Alles abzulehnen und abzuweisen suchen, was sie als undeutsch erscheinen lassen könnte. Die öffentliche Meinung, das heißt, die wahrhast gebildete, vorurtheilsfreie Mehrzahl im Volke, ist nun endlich auch bei uns, für sie und ihre Sache gewonnen; und der Sieg also auf die Dauer nicht mehr zweifelhaft. Man kann ihn noch eine Zeitlang aushalten; sich den Forderungen der Humanität, der wohlverstandenen Staats- und Vaterlandsinteressen, und um es gerade herauszusagen, der gleichvertheilten Gerechtigknt und Nothwendigkeit entgegenstellen; aber man wird die völlige Emanzipationen der Juden in Deutschland so wenig umgehen können, wie in Holland, Belgien, Frankreich und ganz Amerika. Nur dann erst wird es den Juden möglich, keine »Schmarozcrpflanze," sondern ein wesentlicher Bestandtheil des Staats zu werden. Wenn diese religiöse Parthei — denn ein Volk sind sie nirgends, weil sie in Sprache und Gesetz sich nach den Ländern richten, in denen sie wohnen — bisher noch ein »Parasit" geblieben ist, so trägt nicht sie die Schuld, sondern der Staat, welcher mit den Juden allerlei halsbrechende politische Versuche angestellt hat, die begreiflicher Weise so ziemlich allesammt mißlungen sind, weil man sich dabei nicht zur Idee der Gerechtigkeit und auf den Standpunkt des wahren Vorthrils der Nation zu erheben wußte. Diese Betrachtungen drängten sich mir auf, nachdem ich eine Abhandlung von James Finn, die Sephardim, gelesen hatte, aus welcher die nachfolgenden geschichtlichen Angaben auszugsweise hervorgchoben werden. (Fortsetzung folgt.) Berichtigung. Ter Orient Nr. 18 bringt in einem 6. 6. Posen (seil. Wollstein) von meinem Freunde, dem Rabbinen vr. Hirschfeld geschriebenen Monatsberichte auch eine Notiz über mich, die trotz ihrer heiligen Einfältigkeit, doch eine Berichtigung erheischt. Ich habe nämlich zuerst in meiner Vaterstadt Santomysi und dann in Kurink, und zwar mit etwas mehr als getheiltem Beifalle gepredigt, worauf ich dann bei meiner Durchreise durch Posen von einer eigens an mich geschickten Deputation zum Abhalten einer Predigt aufgefordert worden bin, die die große Anzahl meiner Zuhörer G. s. D. befriedigt hat. Wenn aber der Berichtschreiber trotz dem mir Klugheit und Bescheidenheit anempfiehlt: so hat das seinen guten Grund. Denn ich besitze nicht jene perfide Klugheit einen geborenen Oberrabbinen zu besuchen, ihm und den Seinigen den Hof zu machen und seine Fahrlässigkeit und Stupidität gut zu heißen. Eben so bescheide ich mich nicht, mich auf der Kanzel zu ducken und zu lucken, und meine Zuhörer um Nachsicht und Entschuldigung zu bitten; ich weiß, daß ich kein Pß “CD und 12D und auch kein L'NDL' b“U> bin, ich kenne meine »innere (!?) Energie" und habe ein klares Bewußtsein von dem, was ich will, darum spreche ich offen und unumwunden, deutlich und klar. — Natürlich kann auch ich nur wünschen, bald zu einer Selbstständigkeit zu gelangen, damit ich Gelegenheit finde, mein Nednertalent weiter auszubilden, und in einem größeren Kreise für die Sache des Herrn zu wirken. Dixi! vr. Jolowicz. Druck und Verlag von F. Schuster irz Hersfeld.