Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 23 (4.6.1843)
- Date
- 1843-06-04
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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94 Mischen Familie in Streit. Wüthend verlaßt die erstere die Wohnung der letzteren, und wirst sich in einer volksbelebten Straße auf die Erde, mit dem Rufe: „Sie wollen mich schlachten!« Da das Pesachfest nahe war, so war die Leichtgläubigkeit des Pöbels um so bereitwilliger. Doch verhinderte die Polizei den Ausbruch von Excessen. — In einer andern Stadt dieses Landes ertheilte während der Abendstunde ein Gymnasiast in einem jüdischen Hause Unterricht, als eben im Schooße der Familie zufällig eine Verlegenheit entsteht, die durch die Gegenwart des fteniden Zeugen noch vermehrt wird. Die Mitglieder der Familie, die erst einander leise zuslüsternd, mit verlegener Miene aus- und einlaufen, lassen endlich den jungen Schulmann allein im Finstern sitzen. Derselbe flieht eilig aus dem Hause, und erzählt von der großen Gefahr die ihm gedroht habe. Das sind junge Ratti-Mentons. Schon vor vielen Jahrhunderten beschämte eine Frau, die bekannte iTHTE, ihren gelehrten, aber fanatischen Gemahl, durch die menschenfreundliche Auffassung des Psalmverses 104, 35 — die „Sünden", aber nicht die „Sünder", sollen Gegenstand der Verwünschung sein. Aber so sehr auch die Zeit die Herzen geläutert und veredelt, die Lippen blieben immer grimmig, und begossen mit der Formel die Andersdenkenden und Irreudhandelnden mit gedankenlosen Verwünschungen. Diese .Ketzerverwünschung war schon einmal in Vergessenheit gesunken, wurde aber durch das leider! allzugute Gedächtniß eines Rabbi wieder heraufbeschworen, und durch die Anordnung, daß der Vorbcter, der diese Formel zu recitiren vergesse, sogleich entfernt werden sollte, bis auf unsere Tage erhalten. Wenn nun auch die Redactoren dieser Orthodoxie-Parole unter , CHT u. dgl. nur die Minim (Ketzer) und vorzüglich die Saducäer, ihre politischen und dogmatischen Gegner im Sinne hatten, so mußten diese Stellen doch häufig den Gegnern der Israeliten als Waffe dienen, als habe jene Gebetstelle eine allgemein-menschenfeindliche Tendenz. Umsomehr muß man cs dem vr. Frankel in Dresden Dank wissen, daß er, ohne dem Princip des Gebets (C722n y2EC) und dem gewohnten Wortklang, aus das beim Volke so viel ankömmt, zu nahe zu treten, dieser Parodie eines Gebets die Spitze abgebrochen. In der Dresdner Synagoge wird nun so gebetet: njWim mpn Tin -ptm 121L" jynb j?*02n mno nnm i2an yro '121 nyisnn 'T21IP ,,,/N*,/2 Auch in dem Gebete „W'hu Rachum" das Montags und Donnerstags gesprochen wird, sind demgemäße Modifikationen vorgenommen worden, die hoffentlich über den Sprengel Frankels hinaus Anklang und Nachahmung finden werden. (Schluß der Aeußerungen des Pastors König über die preußische Judenfrage.) Noch huldigen Viele von uus dem Vorurtheile. Wir stoßen die Juden aus, aus unseren geselligen Kreisen, und wundern uns, daß sie nicht vollständig unsere Sprache und unsere Sitten annehmen. Wir nehmen keinen Anstoß daran, daß Emigranten Nefügies und Salzburger, die vor hundert Jahren zu uns kamen, bei uns bleiben, und wundern uns, und schreien laut darüber, daß die Juden, die seit tausend Jahren bei uns eingebürgert waren, nicht nach Palästina wollen. Wir verspotten sie in unseren Schriften, und selbst achtbare Autoren, und die tüchtigsten Redacteure tragen kein Bedenken, den Judenjüngling und das Judenfräulein lächerlich zu machen, und die gemeinsten Anekdoten immer wieder aufzufrischen. Sie dulden und tragen Alles, denn daran sind sie gewöhnt. Wir aber fühlen nicht, wie klein wir als die herrschende Partei gegen die Unterdrückten handeln. Viele von ihnen haben so tapfer gesochten im Heere, und man will ihnen die Ehre streitig machen, gleich allen anderen Söhnen des Vaterlandes militärpflichtig zu sein? Viele von ihnen haben die trefflichsten Bürgertugenden entwickelt, und man will sie einpferchen in eine besondere Korporation? Ja, das ist meine volle Ueberzeugung: Ein Fürst könnte sich nicht höher ehren, als wenn er spräche: Ihr seid völlig frei. Besonderer Gesetze bedarf es nicht, oder gewiß nur sehr kurzer. Der Grundsatz der uneingeschränkten Toleranz macht alle weitläufigen Bestimmungen überflüssig. Daß sie, die bald zweitausend Jahre hindurch von den Christen auf das Unbarmherzigste verfolgten und immer noch existirenden Juden, mißtrauisch sind gegen jedes christliche Gesetz, welches ihre Verhältnisse regeln soll, ist ganz natürlich. Ihr Mißtrauen erscheint begründet durch die Geschichte, und was will man ihnen denn entgegenstellen, wenn sie sagen: Zu gleicher Zeit mit der linken Hand Geld, viel Geld geben zu unsrer Vertilgung und mit der Rechten aufrichtig zu unseren Gunsten schreiben, das scheint uns unverträglich. Die Vereine zur Vertilgung des Judenthums in unsrer Mitte sind vom Uebel. Das Eindringen und aufsichtslose Wirken fremder Missionäre in unserm Staate ist ein Mißbrauch, und das beste Mittel der Bekehrung bleibt alle Zeit, wir üben reiche Liebe aus gegen unsere Nächsten, selbst wenn sie Juden sind. Wir führen einen Wandel vor ihrem Angesichte, der sie zur Achtung unsres Glaubens zwingt. Wir ehren ihre Ueberzeugung, lassen ab von'aller Zudringlichkeit und gestehn ein, daß es verhältnißmäßig eben so viel rechtliche Juden als rechtliche Christen gebe. Kaum sollte man es meinen, auch das neunzehnte Jahrhundert bedarf der kräftigsten Ermahnung, tolerant zu sein gegen die Juden und abzulassen von den lieblosen Vorurtheilen unserer Väter!" -- Zur Reeension eingegangene Schriften: Ewald, hebr. Sprachlehre; Cheser, Grammatik der hebr. Sprache; Hagadah auf Pessach; von Eoetvoes, die Emanzipaton der Juden; Ha im selb, Antrittsrede; Hochstätter, Einweihungspredigt; Examen d’un Israelite; Lowofitz, zur Charakteristik des Religionswechsels; Saal schütz, Mahnungen an Gott und Ewigkeit; Maria, Führungen einer israelitischen Jungfrau; Maier, Mannheimer und Salomon, Israelitische Festpredigten und Consualreden; Jacobson, Gebet- und Andachtbuch; Friedländer, Jesodeh Hudath; dessen .mm PDonn, ironn Druck und Verlag von F. Schuster in Hersfeld.