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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1843-05-21 · Heft 21 (21.5.1843) · page 6

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
4 (1843)
Issue
Heft 21 (21.5.1843)
Date
1843-05-21
Page
– (sequence 6)
Language
German
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86 ten darauf hin, ihn studirm zu lassen. Dem Vater war jedoch dieser Plan nicht genehm. Er hatte viel dagegen einzuwenden, brach die Unterhandlungen mit dem Lehrer oft ab, bis dieser wohl merkte, welches der eigentliche Grund seiner Weigerung wäre. Der Knabe mußte, wollte er studiren, lateinisch lernen und lateinisch ließ sich nur vom Gymnasium holen. Wie sollte Herr Baruch diesen Schritt vor dem Hofagenten in Bonn entschuldigen? Wo blieb bei dieser Berührung mit Christenknaben die Garantie, daß Löb nichts Anstößiges aß, die Fasten beobachtete und sich in seinem Wesen überhaupt rein, und religiös untadelhaft erhielt! Da aber der Vater dem Plane, seinen Sohn Arzt werden zu lassen (denn dies nur konnte er werden) im Grunde nicht grade abgeneigt war, so sann der Hauslehrer aas eine Auskunft. Er machte sich anheischig, Mosche, den Rektor, des Gymnasiums, zu überreden, daß er dem Knaben im Lateinischen Privatunterricht gäbe. Darauf ging der Vater ein. Mosche erklärte sich bereit und begann seinen Unterricht, in dem sich Börne als fleißiger und gelehriger Schüler bewies. Auffallend aber, daß dem Knaben selbst die Bestimmung seines künftigen Schicksals ganz gleichgültig war. Er wäre mit derselben Bereitwilligkeit Kaufmann geworden, wie er es aufnahm, daß er studiren sollte. Ueberhaupt scheint die Gemüthsentwickelung des Knaben aus den ersten Blick ein Räthsel zu sein. Es sind so viel Beweise vorhanden, daß Börne der zartesten Empfindungen fähig war und doch könnte eine gewöhnliche Bcurtheilung sehr leicht an ihm irr werden. Immer verschlossen, schien der Knabe nicht bloß lebhafter Gefühle, sondern selbst lebhafter Mitempfindung und Theilnahme unfähig zu sein. Was Andre erregte, ließ ihn kalt. Der Maaßstab seines Urtheils über Menschen und Begegnisse war nie das Gemüth, sondern der Verstand. Was ihm mißfiel, nannte er nie schlecht, sondern immer nur dumm. Diese Auffassuugsweise blieb ihm für sein ganzes Leben. Er empörte sich weniger über die Schlechtigkeit, als über die Albernheit der Menschen. Wie oft hat er nicht von seinen und den Gegnern des Menschenwohls ausgerufen: Wenn sie nur klüger wären! Selten, daß er als Knabe sich über irgend etwas grenzenlos freute, oder grenzenlos erzürnte. Thränen waren ihm nicht geläufig. Leidenschaft kam nur über ihn, wenn es sich um Unrecht, um Unterdrückung handelte. Dann wurden seine Aeußerungen heftig, seine Gefühle rücksichtslos. Man sieht, daß es seinem Gemüth nicht an Lebhaftigkeit fehlte, nur wurde es auf andre Art, als gewöhnlich, entzündet. Von Schaalheit und sehr viel Albernheit, die er früh durchschaute, umgeben, mußte sein Verstand ftüh zum überwiegenden Lenker seiner inner« Thätigkeiten erhoben werden. Man machte ihm die Zumuthung, sich für Dinge zu erwärmen, die ihn geistig nicht anregen konnten, kleinliche Familienereignisse traten mit Ansprüchen auf seine Theilnahme auf, die er nicht erwiedern konnte. So bekam er früh sein eignes, apartes Wesen, trennte sich von seinen Umgebungen los und lebte sich in Gedankenreiche und Gemüthszustände hinein, in welche ihm Niemand folgen konnte. Es bedurfte der Verpflanzung in einen ganz neuen Boden, um eine geistige und gemüthliche Selbstständigkeit in ihm zu wecken und ihn darauf aufmerksam zu machen, daß das Leben für Jedes und Alles, was es bietet, ein Urtheil, einen Willen, ein Gefühl verlangt. Im Hause seiner Eltern befand sich sein ganzes geistiges Leben noch in chaotischer Unordnung. Es ist wahr, zu den meisten in später» Alter in uns aufknospenden Gefühlen und Stimmungen müssen wir schon in der Jugend den Samen gestreut haben. Die beseligendsten Gefühle des Alters sind die der Rückcrinnerung an die Jugend. Eine Empfindung höherer Art wird uns dann erst recht glücklich machen, wenn sie uns in eine verwandte Stimmung unserer Kindheit zurückversetzt und dasjenige klarer ausspricht, was wir schon bei unfern Spielen ahnten. So seh' ich mich in Börne's Jugend nach den ersten grünen Keimen jener zarteren Blüthen seiner Schriften um, die uns in ihm den Mann von Herz und so viel versteckter gebundener Poesie vcrrathcn. Wie hat ihn nicht Jean Paul ergriffen! Wie grmüthlich hat er nicht grade dessen idyllische Elemente seine zarte bürgerliche Beschränktheit mit ihren poetischen kleinen Freuden und großen Entsagungen in sich ausgenommen! Wie rührend schildert er den ersten Frühlingseindruck, den Lamennais Worte eines Gläubigen grade auf sein. krankes, der ersten Genesungswonue entgegenschlagendes Herz hervorbrachten! Nun, wo ist irr der frankfurter Judengasse der grüne Fleck, an den er sich bei solchen Stimmungen erinnert fühlen konnte? Wo ist überhaupt in seiner frühsten Jugendzeit etwas gemüthlich, poetisch und idyllisch ihn Anregendes, ein Element, für welches er sich doch später so empfänglich zeigte? So tragen wir doch Alle eine Erinnerung in uns von jugendlicher Pfingstwonne und Wcihnachtsfreude, von den ersten Bcscheerungen, die uns gute Eltern ans den grünen Teppich unsrer Kindheit legten, von unser« ersten Traumen auf den Rasen unsrer Spielplätze: — Börnen, dem Zudenknaben, wurde wenig davon geschenkt und doch lag es in ihm, die Sehnsucht darnach fühlte er schon im väterlichen Hause, und darum, weil er so wenig davon gehabt hatte, rührte ihn so sehr die Welt Jean Pauls. Schaal und alltäglich waren seine Jugendeindrücke, die Eltern kalt, jeder grüne Fleck verpönt, um ihn her nur niedrige Bestrebungen nach zeitlichem Gewinn, Furcht, die kriechenden Laster, die die Unterdrückung erzeugt, wenig oder gar keine bedeutenden Einschnitte merkwürdiger Erlebnisse, keine Zerstreuung und Anregung des muntern Knabensinnes in der Schule oder im Umgänge mit Spielgenossen — Alles das zusammeugenommen ist der beste Schlüssel, um das Räthsel des in trüber Gleichgültigkeit hindämmernden Knaben Börne zu lösen. Es zitterte die Ahnung eines bunteren blüthenreicheren Jugendlebens in ihm, als es ihm zu Theil ward. Er war unglücklich, ohne es zu wissen. In Commission bei W. Nauck in Leipzig ist kürzlich wieder in der fünften nnveränderten Auflage erschienen und durch alle Buchhandlungen, in Hersfeld und Homberg durch F. Schuster für 7z Sgr. zu beziehen: rrnnn niD1 Israelitische Glaubens- und Pflichtenlehre für Schule und Haue. Von vr. S. Herxheimer. Druck und Verlag von F. Schuster in Hersfeld.

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