Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 19 (7.5.1843)
- Date
- 1843-05-07
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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96 "daher jede Erweiterung des Gesetzes ab, und fürchte nicht, deshalb illiberal zu scheinen; er denke: mit dem Volke für das Volk. Referent: Die Verfassungsurkunde werde durch diese Maßregel nicht abgeäudert, weil die gesetzgebenden Organe die Ermächtigung hätten, in dieser Beziehung neue Gesetze zu beschließen. Abg. v. Watzdorf: Von einer Abänderung der Verfassungsurkunde sei nicht die Rede, weil nach der augezogcnen Bestimmung der KreiS der Berechtigungen nicht nach den bestehenden, sondern den künftigen Gesetzen zu ziehen sei. Abg. Tzschucke: Wie die von der Verabschiedung des betreffenden Paragraphen der Verfassungs- Urkunde handelnde Stelle der Landtagsacten von 1831 lehre, sei jene Bestimmung von zukünftigen Gesetzen zu verstehen." (Fortsetzung folgt.) Ein wahrhaft mittelalterlicher Druck lastet noch auf den Israeliten in Mähren. Die vorzüglichsten Handelsstädte, wo der lebhafte Verkehr so mancher armen jüdischen Familien ihre Subsistenz verschaffen könnte, sind ihnen verschlossen und nach einem alten intoleranten Gesetze darf keine Judenfamilie sich in Brünn, Olmütz, Hradisch, Znaim und Jglau niederlassen. Aber nicht dlvs auf diese Städte allein erstreckt sich die Beschränkung, sondern in allen Städten selbst, wo sie schon wohnen dürfen, ist ihnen ein Ghetto angewiesen, und keine einzige Stadt Mährens, wo Juden wohnen, entbehrt dieser mittelalterlichen Ueberliefcrung. Daß die Ausdehnung und Erweiterung des Ghetto, selbst wenn die größte Dringlichkeit es nothwendig macht, bei solchen Gesetzen nicht geduldet wird, ist natürlich nur eine Konsequenz. Die den Juden verschlossenen Städte dürfen sie selbst zur Zeit der Jahrmärkte mit ihren Maaren nur unter gewissen Beschränkungen besuchen; nach einer alten Verordnung nämlich vom 1. Februar 1755 dürfen die jüdischen Kaufleute ihre Maaren nur auf dem Rücken und nicht durch Fuhre zu Markte führen. Wem kann' es noch anffallen, wenn das Gesetz den Juden verbietet, christliche Lehrlinge, Dienstboten, Ammen und Taglöhner halten zu dürfen? Aber auch in Rom, unter dem Schutze seiner Heiligkeit, müssen die armen Juden fortwährend es bitter empfinden, daß sie noch nicht zu dem Glauben der die alleinseligmachenden Kirche gelangt sind. So wurde bei der diesjährigen großen Uebcrschwemmung das jüdische Ghetto, welches bekanntlich nahe an der Tiber liegt, am härtesten und meisten bedrängt. Die Juden waren genöthigt, sich in die obersten Stockwerke zurückzuziehen, mußten dort zusammcngepreßt leben, und natürlich konnte der Mangel an Nahrungsmitteln nicht ausbleiben. Die Negierung zeigte sich jedoch bei dieser Gelegenheit sehr human, indem sie auch Juden mit Brod versorgen ließ. Börne'S Kindheit. (Fortsetzung von Nr. 16.) Ter Lehrer, obgleich tief die Wahrheit dieser Aeußerungen mitfühlend, hütete sich doch, die Erbitterung des Knaben zu nähren und war unermüdlich, ihm Beispiele der Toleranz zu erzählen, und ihm die Gesinnungen beßrer ^Christen seiner Bekanntschaft zu schildern. Aber auf Schritt und Tritt begegneten sie ja immer wieder einer neuen Beleidigung der im Juden nicht geachteten Menschenwürde! Wurden öffentliche Belustigungen vor dem Thore angesagt, kein Jude durfte hinaus. Blanchard stieg zum ersten Male in Frankfurt mit einem Lustball in die Höhe, die Juden durften den Segler nur aus ihrem Quartier verfolgen. Reisten hohe Herrschaften durch die Stadt und wurden mit Festlichkeiten geehrt, so schloß man die Juden in ihrer Gasse ah, oder fing sie auf, wie bei der Krönung Leopold I., wo die angesehensten Mitglieder der jüdischen Gemeinde auf der Straße arretirt und in die Hauptwache geführt wurden. Die meisten Gasthäuser waren ihnen untersagt. Auf dem jetzt eingegangenen Schneidewall, im Roß, auf dem Nömerbcrg, an der Seite des Römers, in der Allee, durfte kein Jude sich betreffen lassen; man hatte den Grundsatz: „wo ein grüner Raum, kein Jude!" Jeden Sonntag, um 4 Uhr Nachmittags, wurden die Thore der Judengasse verschlossen und nur derjenige wurde aus- und eingelassen, der einen Brief zur Post, oder ein Nccept in die Avotheke trug. Wache stand am Thore, und finster sagte einmal der Knabe Börne: „Ich gehe bloß nicht hinaus, weil der Soldat da stärker ist, als ich!" Und doch konnte sich der Knabe, der Knabe, der schon frühe großen Hang zur Wohlthätigkeit zeigte, entschließen, als er von zw.i Bcttelknabcn einem jüdischen und einem christlichen, angesprochen wurde, seinen Almosen dem letzteren zu geben. Warum gibst du deinem Volke nicht den Vorzug? fragte der Lehrer, verwundert and fast unwillig. Haben wir nicht gestern, antwortete der Knabe, Sprüche Salamonis gelesen, du sollst glühende Kohlen auf das Haupt deines Feindes sammeln? Der Lehrer war aber so gewissenhaft, daß er dies schöne Gefühl deßhalb nicht aufkommcn ließ, weil es aus einer irrthümlichen Voraussetzung beruhe, nämlich der, daß die Christen die Feinde der Juden waren. So bekam Börne eine Richtung, die die verbissenen rückhaltigen Gefühle des Grolles unterdrücken sollte, eine Richtung,- die ihn in seinem später» Leben auch so sehr beherrscht hat, daß er von dem ingrimmigen Gefühl der Rache gänzlich frei war und die Lage der Juden rein nach Vernunftgrundsätzen, nicht auS einem verletzten Ehrgefühl bcurtheilte. Sem Witz war ihm schon, früh ein Hülssmittel, sich aus widerwärtigen Stimmungen zu befreien. Als der Lehrer ihm erzählte, aus der Gefangenschaft in Babylon wären nur 40,000 Juden wieder nach Palästina zurückgekehrt, sagte er: „Wenn wir wieder nach Palästina zurück dürfen, gehen die französischen Juden gewiß nicht hin; die Frankfurter aber ganz gewiß." Die Lesesucht, ein selten trügendes Wahrzeichen talentvoller Kinder, ergriff auch den Knaben Börne mit solcher Gewalt, daß er zehn Stunden lang sich in ein Buch vertiefen, Essen und Trinken darüber vergehen, und seine Umgebung nicht gewahr werden konnte. Alte Memoiren wechselten mit Blumauers travcstirten Aeneidc, Schuberts, des Patrioten Gedichte, mit den alten Jahrgängen der Neuwieder Zeitung, welche in den neunziger Jahren wegen ihres Witzes und Freimuthes sehr beliebt war. Seiner eigenen späteren Aeußerung zufolge, las er heimlich viel Romane von Lafontaine, die er sich ohne Vorwissen seines Lehrers zu verschaffen wußte. (Forts, folgt.) Druck und Verlag von F. Schuster in Hersfeld.