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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1843-05-07 · Heft 19 (7.5.1843) · page 1

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
4 (1843)
Issue
Heft 19 (7.5.1843)
Date
1843-05-07
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts. Eine Wochenschrift für die Kemttniß des israelitischen Lebens, besonders in religiös-kirchlicher Beziehung. Herausgegebe» von Dr. M. Heß, Großhcrzogl. Wcimarschem Land-Radbinen;n Stadt-Lengsfeld bei Eisenach. Rr. IS. Sonntag, btu S. Mai 1843. it. Jahrgang. liebe« die Idee eines christliche« Staates. (Fortsetzung von Nr. 18.) Die erste Behauptung wäre nun gewiß nicht die vernünftigste gewesen, sie mußte auch bei konsequenter Durchführung nothwendig aus dem Standpunkte folgen, auf welchen sie sich gestellt hatten. Denn wenn sie es anmaßend fanden, daß die Kirche sich herausnehme, über ihr Gewissen zu befehlen, so batte diese doch die Sanktionen der Jahrhunderte, die Institutionen des Staates,! die Zustimmung der unendlichen Mehrheit für sichwäh-! rend sie, wollten sie einen neuen Gewissenszwang statt des alten gründen, .nichts dafür anführen konnten, als! ihre subjektive Ueberzeugung, ihre, nur ihnen selbst und i ihrer ursprünglich kleinen Zahl von Anhängern einleuchj tende Erklärung der Schrift, und so eine ganz andere, weit unverzeihlichere Anmaßung begingen, als die war, gegen welche sie sich erhoben. Aber so nothwendig diese Folgen aus den Prämissen hervorgehen, welche die Reformatoren selbst zu Grunde legten, so wenig konnten sie ihnen doch, in ihrer Zeit und ihrer Stellung, klar werden, und wer die Geschichte des 16. Jahrhunderts, oder auch die Entwickelungsgeschichte des menschlichen Geistes überhaupt kennt, wird leicht einsehen, daß dieß unter den Verhältnissen, in denen Ire sich befanden, gar nicht sein konnte. Der Streit batte seinen Anfangspunkt nicht in Prinzipien, sondern in einzelnen Mißbräuchen gefunden. War die Zeit aber zu unruhig und zu wenig durchgebildet, um diesen ersten Standpunkt einneymen zu können, so war sie hingegen zu aufrichtig religiös, zu ehrlich und zu grade um die Zwitteransicht auch nur vorzuschützen, welche wir als die dritte angeführt. Wem es, wie den Männern jener Zeit, wahrhaft ernst ist mit der Religion, der wird nimmermehr behaupten, daß der Staat von der einen Seite ein dogmatisch-christlicher, von der andern sich doch um die Auffassung des Dogma nicht zu kümmern habe. Es blieb also damals nichts übrig als dem Satze: ein christlicher Staat wäre ausschließlich ein römisch-katholischer, der keine ketzerische Ansicht aufkommen lassen dürfe, und sie zur Roth mit Feuer und Schwert vertilgen müsse — den Satz entgegen zu stellen: ein christlicher Staat wäre ausschließlich ein lutherischer, oder ausschließlich ein kalvinistischer, ein hochkirchlicher und sofort, und dürfe eben nur diese Glaubensnorm begünstigen, oder wohl gar dulden.! So kam es denn nothwendig dahin, daß wer die; abscheulichen Ketzereien aussprach: gute Werke seien, zur! Seligkeit nothwendig oder doch nützlich, „der Mensch verhalte sich dabei nicht als ein todter Block'* und der Glaube mache nur „fürnehmlich" nicht allein selig, als ein gefährlicher Jrrlehrer verschrieen, wie Major, wie Mcnius verketzert, zu schmählichen Widerruf genöthigr und trotz desselben seines Amtes entsetzt und dem Teufel ' übergeben wurde. So mußte sich endlich eine Art lutherischer Inquisition bilden, die sogar Melanchtons Schwie-! gersohn Peucer, nebst Stößel, Cracov u. A., weil sie in der Lehre vom Abendmahle einigermaßen zum Kalvinismus hinneigten, auf Befehl des Kurfürsten August von Sachsen in dumpfen, schmutzigen Kerkern gefangen hielt, wo sie gefoltert und die beiden Letzteren zu Tode gemartert wurden.

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