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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1843-04-30 · Heft 18 (30.4.1843) · page 4

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
4 (1843)
Issue
Heft 18 (30.4.1843)
Date
1843-04-30
Page
– (sequence 4)
Language
German
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steigen zu lassen. Er wurde des Spieles bald überdrüssig und begnügte sich, zuzusehen, oder mit seinem Lehrer sich zu unterhalten. Seine Wißbegierde und Aufmerksamkeit war musterhaft. Eben so glücklich war er im Auffassen; doch ging die geistige Selbstthätigkeit bei ihm etwas langsam von Statten; dafür haftete das einmal erfaßte desto dauernder und diente wirklich dazu, seine Denkkrast zu starken. Sein Lehrer konnte früh abnehmen, daß unter den drei Brüdern der mittlere den meisten Beruf zum einstigen Gelehrten haben würde. Bei dieser Wahrnehmung mußte es Jacob Sachs nur um so schmerzlicher sein, daß der Vater den Umsang seines Unterrichts nur auf den Bereich des jüdischen Wissens ausgedehnt hatte. Man denke sich einen Erzieher, der mit heiligem Eifer für die damals, namentlich von Berlin ausgehende Idee einer Reformation des Judenthums auf dem Wege der Jugendbildung schwärmte, der, selbst noch jung, so gern Gelegenheit gehabt hätte, durch die Verpflichtung, in den Nealfächern zu unterrichten, sich selbst noch zur weiteren Ausbildung gespornt zu sehen, denke sich einen Erzieher, der im Grunde seines Herzens an dem ganzen Wust der talmudischen Gelehrsamkeit und des Ceremonialheuchclgottesdienstes ein Ueberdruß hatte: wie musste er bei den ewigen Vorschriften des Vaters leiden: »Uebcrschreiten Sie die traditionelle Erziehung nicht!" Die Kinder erhielten von einem Lehrer, der ins Haus kam, mangelhaften Unterricht im Deutschen; der Hauslehrer mußte dagegen Hebräisch mit ihnen trcibeu. So viel wie möglich suchte er auch hier dem neuen Geiste der Zeit zu huldigen; er las mit seinen Zöglingen Stücke aus dem hebräischen Kinderfreund, dem Abtalion von Wolsson (dem Lehrer Michel- Wilhelm- und Meyerbecr's). Er erklärte ihnen nach Fricdländer das jüdische Gebetbuch und ließ die wichtigsten Stücke desselben auswendig lernen. Er begleitete sie in die Synagoge, welche die Kinder täglich Morgens und Abends besuchen mußten. Alle diese Unterweisungen und religiösen Anleitungen nahm der junge Börne nur mechanisch auf. Möglich, daß seine Klugheit bald dem Lehrer abmerkte, mit welchem Widerwillen dieser die Zeit auf unnütze, später doch der Vergessenheit anhcimfallcnde Dinge vergeudet sah, während er lieber, auch zu seiner eignen Anregung, in Geographie, Arithmetik, in deutscher Sprache und Grammatik seine Zöglinge unterrichtet hätte. Die Lektüre der religiösen Schriften der Juden ließ den Knaben ebenso kalt, wie der Besuch der Synagoge. Alles, was an den Gebeten der Juden eine poetische Färbung trug, gefiel ihm wohl; andres kam ihm dagegen eher lächerlich, als erbaulich vor. Es gefiel ihm, daß man betete für die Wiederherstellung des Tempels und die Rückkehr der Juden in ihr Vaterland; es mißfiel ihm aber, daß auch die Opfer wieder hergcstellt werden sollten. Obgleich der Knabe von der größten Ehrfurcht vor den Büchern des alten Bundes durchdrungen war und in ihnen eine unmittelbare Offenbarung Gottes zu sehen gelernt hatte, so regten sich doch bei seinem zur stillen Reflexion geneigten Verstände schon frühe mancherlei Zweifel. Schillers Sendung Mofis fiel ihm in die Hände. Er fand hier, daß der Erzählung von dem großen Gesetzgeber seines Volkes alles Mythische und Wunderbare genommen war, und erstaunte darüber um so mehr, als ihn sein Lehrer bedeutet hatte, daß die Christen sich zum alten Testament mit derselben Ehrfurcht verhielten, wie die Juden. Auch die jüdischen Briefe des Marquis d'Argens kamen ihm in einer deutschen Uebersetzung zur Hand. Der Lehrer nahm sie ihm fort, ehe er sich über sie, noch ein anderes Urthcil gebildet hatte, als daß er seine Verwunderung ausdrückte, wie ein Christ zu so viel hebräischer Gelehrsamkeit käme! Bei dem Allem mußte er die Vorschriften des Gesetzes genau beobachten, durfte nie Brod essen, ohne sich die Hände gewaschen zu haben, und begann auch schon an den Fasttagen Theil zu nehmen. Ein alter Geistlicher, Rabbi Joseph, kam wöchentlich ins Haus, um in religiösen Dingen nach dem Rechten zu sehen, eigentlich aber wohl nur, da er sehr beschränkt war, um sich seinen Almosen zu holen. Der Lehrer gab sich alle Mühe, die aufstrebende Zweifelsucht des Knaben niederzuhalten; besonders aber suchte er ihn von einer bittern Beurtheilung. des Verhältnisses der Juden zu den Christen abzubringen. Vergebens! Der Knabe grübelte fortwährend über die schimpfliche Zurücksetzung seiner Glaubensgenossen und bedrängte seinen Lehrer mit Fragen, auf welche sich nur eine seufzende Antwort geben ließ. Der Lehrer sagte ihm: Siehst du nicht, auch die Katholiken sind in Frankfurt zurückgesetzt und können nicht der gleichen Rechte mit den Protestanten sich rühmen. Börne fand dies noch um so auffallender, als ja der Kaiser selbst katholisch wäre. »Kaum," bemerkte er, »haben sie den kürzlich mit großem Gepränge gekrönt, und wollte er hier bleiben und in Frankfurt ansäßig werden, so könnte er ja nicht einmal Thorschreibcr werden!" Das erste Mal, wo er aus die Lage der Juden zu sprechen kam, war bei einem Spaziergänge um die Thore Frankfurts. Es regnete stark und der Fahrweg war durch Koth fast unwegsam. Wir wollen hinüber gehen in den Fußweg, sagte Börne zu seinem Lehrer. Weißt du nicht, antwortete dieser, daß der Fußweg verboten ist? Die Antwort des Knaben, die hierauf erfolgte: Es sieht's ja Niemand! nahm der Lehrer zum Anlaß moralischer Beherzigungen und sprach von der Heiligkeit des Gesetzes. »Ein dummes Gesetz! fiel der Knabe ein; wenn es nur dem Bürgermeister bcikäme, daß wir Winters kein Feuer machen dürsten, würden wir da nicht erfrieren?" Als einige fremde, jüdische Bcttclknabcn von vorübergehenden Christenknaben mit Koth beworfen wurden, wunderte er sich erst, wie man darauf käme, das Wort Jude als Schimpfnamen zu gebrauchen und sagte dann: »Sie lehren mich immer, die Christen hielten auch etwas aufs alte Testament; aber steht denn nicht im alten Testamente: Du sollst den Fremden nicht kränken; denn einst warst du auch ein Fremder im Lande Egypten"? (Forts. folgt.) Druck und Verlag von F. Schuster in Hersfeld.

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