Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 17 (23.4.1843)
- Date
- 1843-04-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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68 Friedländer fortgerisse«, erhielt hier die strengste Anweisung, seine Erziehung lediglich auf die jüdisch-herkömmliche zu beschränken und auf die gewissenhafteste Beachtung deS Ceremonialgefetzcs zu sehen. Die Kinder des Herrn Baruch sollten religiös, d. h. orthodox erzogen werden. Sie sollten zwar die Bibel nach der schon üblichen Mendelssohn'schen Uebersetzung verdeutschen lernen, zu gleicher Zeit aber auch in den Satzungen des Talmud heimisch werden^und streng befolgen, was dem frommen Juden die Sitte seiner Väter zu thun befiehlt. Der Vater, der sonst für einen aufgeklärten Mann galt, der sich auch in später« Jahren allmälig mehr von dem Gewissenszwang der Ceremonie lossagte und schon damals, auf seinen vielfachen Reisen wenigstens, sich nicht scheute, die Bequemlichkeit der christlichen Gasthöfe wie ein jeder Andre zu genießen, stellte doch den Grundsatz auf, daß sich für die Jugend Gehorsam unter das Gesetz zieme. Er wollte, daß die spätre moralische Freiheit seiner Kinder sich wenigstens aus einer positiven Grundlage selbst hervorbilde. Verwandtschaftliche Rücksichten kamen hinzu. Man muß wissen, daß damals die Orthodoxie unter den Juden noch die Regel, die Aufklärung eine Ausnahme war, daß unter den Juden, ihrer Vermögensverhältnisse wegen, viel Nachgiebigkeit gegen die Vorurtheile der Großeltern und andrer Verwandte zu herrschen Pflegte, und eine gewisse Derketzerungssucht denjenigen das Leben sauer machte, die ihre Kinder etwa freier erziehen ließen, als es Tanten und alte reiche Oheime wissen durften. Bei Börne's Vater kam sogar ordentlich eine philosophische Maxime den äußeren Rücksichten, die er zu nehmen hatte, zu Hülfe. Die Kinder sollten orthodox erzogen werden. Der neue Lehrer betrat daS in der Judengasse belegene Haus des Herrn Baruch. Man weiß, daß alle Juden damals in jener schmutzigen Gasse wohnen mußten, die sich ursprünglich bis zu der Einmündung in die Fahrgasse erstreckte, wo jetzt Rothschild wohnt. Ein Brand war mitleidiger als der Senat Frankfurts. Er zerstörte einen Theil der finstern Gasse — die Juden mußten ein neues Quartier haben und kehrten nicht mehr in ih«n Ghetto zurück. Vordem aber mußten selbst die reichsten Familien sich in den engen kleinen Häusern behelfen. Das Baxuch'sche Haus, winklig, eng, mag jetzt keine tausend Gulden Werth seyn; damals, bei noch größerem Werthe des Geldes, mochte es gut und gern 20,000 gelten. In diesen kleinen Zimmern konnte von Pracht und Geschmack des Ameublements nicht die Rede sein, wenn auch wohl ein gewisser Comfort der Wohlhabenheit nicht fehlte. Börne's Vater hatte einmal die Absicht, nach Bonn zu seinem Vater zu ziehen, und kaufte eine sehr geschmackvolle Einrichtung. Als sich der Plan zerschlug, mußten die Möbel verkauft werden; in der Judengasse war kein Raum und zu wenig Licht dafür. Der Lehrer betrat das Haus und glaubte, ihm würde nur über zwei Knaben die Sorge anvertraut werden, oder der dritte wäre wenigstens nicht ein Kind vom Hause. Zwei Knaben waren beständig um die Mutter; einer stand abseits, nahm an dem, womit sich die Andern beschäftigten, wenig Theil, und schien fremd oder eingeschüchtert zu sein. Es war der künftige Börne. Ist das ein angenommenes Kind? fragte der Lehrer bei einem vorläufigen Besuche. Die Mutter lachte und bemerkte, es wäre ihr zweiter Sohn, Löb. Er war der Gestalt nach unansehnlicher als die beiden andern Brüder; ein Flecken auf dem Auge gab seinem Blick etwas Unsichr.s und Abgewandtes. Bald entdecke der Lehrer, daß sich der Knabe nicht ganz aus freiem Antriebe so zurückgezogen hielt: er fand, daß er zwar dem Herzen der Mutter nicht fremd war, daß aber ein regierender Hausgeist es gern dahin gebracht hätte. In jüdischen Familien fand man vor etwa dreißig Jahren noch oft einen ältern weiblichen Dienstboten der von einer Generation zur andern hinüber erbt, und eine Herrschaft im Hause führt, der sich oft die Brodherrn selbst nicht zu widersetzen wagen. Diese alten Rebecken, Rachel, Rosinen, Täubchen u. s. w. haben schon die Eltern auf dem Schooß ge« tragen, wie viel größer ist ihre Macht über die Kinder und die Enkel! Sie lenken die Ordnung des Hauses, sie passen dem übrigen Gesinde auf den Dienst, sie wachen, daß bei der Zubereitung und Auswahl der Speisen nichts dem Gesetz zuwiderlaufendes vorkommt. Sie sorgen dafür, daß sich die Kinder den religiösen Vorschriften in keinem Falle entziehen und nehmen die Angebereien gerne an, wenn eines das andere verklagt, daß dieser am «>abbath sich den Rock gebürstet, jener von einer unerlaubten Speise gegessen, oder an einem Fasttage heimlich genascht hätte. Ein solcher höchst streng und eigenmächtig waltender Hausgeist war in der Baruch'schen Familie die alte Elle. Sie hatte wenig Neigung zu dem mittleren, minder hübschen und verschlossenen Knaben. Gab es eine Näscherei, so wurde sie in ungleiche Theile gelegt; Löb bekam den schlechteren. War eine Unordnung vorgekommcn, wer konnte die Ursache anders gewesen sein, als Löb? Sie verfolgte das Kind mit einer Abneigung, die sich selbst der Mutter hätte mittheilen können (der Vater war meist immer auf Reisen), wenn nicht glücklicher Weise der neue Lehrer dazwischen getreten wäre und den armen Knaben mit seinen Brüdern in gleiche Rechte eingesetzt hätte. (Fortsetzung folgt.) Bei Moritz Geber, Buchhändler in Hamburg, ist so eben erschienen und in allen Buchhandlungen, in Hersfeld und Homberg bei F. Schuster, zu haben: Die zweite Auflage von: DeS Christen Dankopfer am Buß- und Bertagc. Eine predigt unter dem freien Himmel vor Christen und Juden gehalten am 3. November 1842. von einem protestantischen Geistlichen. 8. geh. Preis 4 Sgr. Dies Schriftchen hat hier ungemeine Sensation erregt, was bei der starken Nachfrage auch eine zweite Auflage veranlaßte; wegen der Freimüthigkeit, mit der darin manches für die heutige Zeit Unpassende besprochen wird, hat eine fremde Censur benutzt werden müssen. Für die Gebildeten aller Conscsstonen wrrd diese Schrift von großem Interesse sein. Allen, denen fs um wahren Fortschritt und nicht um leeres Wortgepränge zu thun, auf's dringendste empfohlen. Druck und Verlag von F. Schuster m Hersfeld.