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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1843-04-16 · Heft 16 (16.4.1843) · page 4

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
4 (1843)
Issue
Heft 16 (16.4.1843)
Date
1843-04-16
Page
– (sequence 4)
Language
German
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64 der Plan der Vorsehung erfüllt, den dieselbe mit den Juden zu haben scheint, — wie einst die reine Gottesverehrung, so setzt die freie Verehrung Gottes, nämlich die unbedingteste Gewissensfreiheit durch sie erkämpfen zu lassen, nicht blos für sich, sondern für Alle! — Dieser Sendung bewußt, wollen wir auch die schwächeren, aber gewissenhaften unter unseren Mitbrüdern durch nichts anderals die Vernunft zur Vernunft gezwungen wissen und keinem Geisterzwang auch nur einen Finger dieser Hand reichen. Durchaus allen Werth verlöre ja die Einräumung des Staatsbürgerthums unter Bedingungen und ausschließcnden Klauseln. So etwas widerspricht zunächst der Idee des Staatsbürgerrechts an sich, welches über die Sphäre des Vertragsrechts hinausgerückk, in das sittliche (substantielle) Recht gehört, das absolut auftritt und keine Bedingungen duldet. Freilich, ähnliche Fehler sind schon versucht worden: So sind in manchen kleineren Staaten die Schacherer von dem Segen der Emanzipation ausgeschlossen. Aber was verlieren die Schachcrjuden dabei? Was gewinnt das Christenthum und die Volkscrziehung? Die Schacherjuden verhandeln sich deßhalb doch nicht an das Christenthum und stehen — so, wie so — den andern Juden erst gleich, wenn sie zu schachern aufgehört haben. Im besten Fall ist also das Gesetz überflüssig. — Auf ähnliche Weise hat das liberalere Judengcsetz von 1612 in Preußen das (beschränkte, folglich eigentlich nur dem Namen nach bestehende) Staatsbürgerrecht an die Bedingung der Annahme von Familiennamen und in deutscher Sprache und Lettern zu führenden Handelsbüchern geknüpft. Sie hätte die Bedingung so gut wie das Bedingte kategorisch befehlen müssen, um die Rechtsgleichheit geltend zu machen. Tenn welches Gewissen wird von deutschen Buchstaben und Namen verletzt? — Indessen bestehen in ganz Preußen noch heute ungefähr 13 Judenordnungen, und die 14te allgemeinere wird nicht mit freudigem Herzklopfen erwartet. — Die seltsamste Bedingung aber wäre die einer Reform im Judenthum selbst, wenn sie auch nur den Ausdruck für eine schon bestehende Richtung abgeben sollte. Welche Widersprüche würden dann erst entstehen! In Berlin hat man vor Jahren den Tempel, in welchem von Juden deutsch gebetet ward, von Staatswegen zugeschlossen, weil das uncanonische Reformen veranlaßte oder schon enthielte, in Baden würde vielleicht erst darauf hingewirkt werden. Dann würde eö also mit dem verhaßten Judenrhum gehen, wie dem Göthe'schen Zauberlehrling mit dem Herenbcsen, der, in Stücke zerspalten, immer neues Wasser trug. Und halte man alsdann 2, 3 und immer mehr Judenthümer, sie würden alle dieselben alten Forderungen wiederholen!" — Tie preußische Staatszeitung berichtet aus Hamburg: Es wird davon gesprochen, daß der Senat in einer der nächsten Versammlungen erbgesessener Bürgerschaft einen Antrag auf Zulassung der Juden zur Advokatur stellen werde, von welcher diese bis jetzt ausgeschlossen waren. Nachdem vor nicht langer Zeit den Juden die ftühcr nur bedingte Möglichkeit, Grundeigenthum in der Stadt zu erwerben, durch Rath- und Bürgerbeschluß in vollstem Umfange zugestanden wurde, wäre dieses nun die zweite Concession, die den Bekennern des mosaischen Glaubens von Seiten des Staats gemacht würde. Nekrolog. Breslau, im März 1843. Am 20. d. M., früh 10 Uhr, starb hier nach mehr als vierteljährigen körperlichen Leiden der Oberrabbine Hr. Salomon Abraham Tictin im noch nicht vollendeten 54. Jahre seines frommen, aber vielseitig geprüften Lebens. War man auch, während seiner langwierigen, hoffnungslosen Krankheit auf diesen herben Verlust vorbereitet, so war doch der Schmerz ein allgemeiner und tiefgefühlter; die ganze Gemeinde, ohne Ausnahme, theilte ihn, und die Trauer, welche diese Kunde verbreitete, bewies, daß wir einen geliebten, edlen Mann verloren. Schon an seinem Sterbebette that dieses Gefühl sich kund, Hunderte seiner Verehrer umgaben cS, darunter viele Männer, die nie einer solchen erschütternden Scene bcigewohnt, und als er seinen letzten Athen: aushauchte, sanken alle, hingerissen von dem Gedanken: er ist todt! zur Erde nieder und ließen ihr Jammergeschrei ertönen, das kein Gemüth unergriffen ließ. — Noch in höherem Grade sprach sich die Liebe und Verehrung bei dem Leichenzug des Seligen aus, in welchem kein einziges Glied der Gemeinde freiwillig fehlte und wo die Thränen vieler Tausende flössen, unter welchen eine große Anzahl christlicher Glaubensgenossen ihre Theilnahme öffentlich aussprachen. Nachdem die bei der Bestattung eines frommen Nabbinen üblichen Gebräuche vorüber waren, sprach der älteste Sohn des Seligen eine tief ergreifende Rede, wie sic nur der fürchterlich große Schmerz ihm eingeben konnte, mit Schonung der Parthcien, nur der Tugenden des edlen Vaters und der Größe des Verlustes gedenkend, den wir erlitten. Zu beiden hatte er reichlichen Stoff, denn der Selige war in der That mit großer Liebenswürdigkeit, mit Freundlichkeit gegen alle die ihm nahten, ausgestattet; auch der geringste Gedanke von Eigennutz war seiner Seele fremd; irdische Güter waren ihm werthlos und nur dem heiligen Glauben seiner Väter war sein ganzes Dasein geweiht. — Er ist nun für uns dahin, und wird Jenseits im Chore der Engel am Throne Gottes Ersatz für irdische Leiden finden. Herr vr. Geiger zollte in seiner gestrigen herrlichen Predig: dem Andenken des Seligen ergreifende Worte, die, aus tiefem Herzen kommend, von Wehmuths-Thränen begleitet, großen Eindruck machten. Darum mögen auch Sie diesen Zeilen eine Aufnahme in Ihr geschätztes Blatt nicht versagen. Druck und Verlag von F. Schuster in Hersfeld.

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