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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1843-04-09 · Heft 15 (9.4.1843) · page 4

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
4 (1843)
Issue
Heft 15 (9.4.1843)
Date
1843-04-09
Page
– (sequence 4)
Language
German
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60 mit einem Worte dem Thalmud völlig entsagen, -aß er uns nicht erst vorschreibe, was die rO&D und die rfD“D sind.« Die Rabbincn des Großherzogthums Baden haben sich, wie man vernimmt, in einer Petition, die bei allen Rabbinen bereits die Circulation passirt hat, an das großherzogl. Staatsministerium, resp. den Oberrath, gewendet, in welcher sie im wohlverstandenen Interesse nicht nur ihres Standes, sondern des ganzen israelitischen Religions-Organisationö-Wesens in Baden, den Antrag stellen, daß ihnen 1) mehr Wirksamkeit im Innern der Synagoge und ihrer Institute, 2) mehr Ansehen nach Außen verschafft, und 3) daß ihre materiellen Verhältnisse verbessert und geregelt werden. Zu 1): so beschweren sie sich über den engen Wirkungskreis innerhalb der Kirchengemeinde, gegenüber den autokratischen Synagogenräthen, die dem Rabbinen allen Einfluß auf die Gemeinde-Angelegenheiten rauben. Denn während ihnen das Gesetz die Mitbrrathung an Religionsgegenständen einräumt, hebt dasselbe Gesetz diese Einräumung dadurch wieder auf, daß es den Synagogenräthen überlassen ist, verkommende Angelegenheiten für nicht — Rcligionsgegenstände anzusehen, wodurch der Rabbine von der Anwohnung auch bei den wichtigsten Berathungen ausgeschlossen wird, wahrend zum Beispiel in unserem Nachbarland Würtemberg diese Verhältnisse ganz anders gestaltet sind. Dort versammelt sich das Kirchenoorsteheramt zu Besorgung der ihm obliegenden Geschäfte, dringende Fälle ausgenommen, periodisch auf vorgängige, von dem Rabbinen an die einzelnen Mitglieder ergangene Einladung. Der Rabbine und in dessen Abwesenheit der Vorsänger leitet die Geschäfte und bringt die zu verhandelnden Gegenstände zur ordnungsmäßigen Berathung und Abstimmung. Zm Falle der Stimmengleichheit hat der Rabbine die entscheidende Stimme. Zu 2): so ist es zunächst der Mangel an Einfluß auf die israelitischen Elementar- und Confessionsschulen, der wunde Fleck, an dem wir noch stark laborireu. Abgesehen nämlich von dem Mißverhältnisse, in welches der Rabbine, dem alle Mitberathung an den Schulangelegenheiten seiner Gemeinden untersagt ist, zu dem vom Staat und Gesetz ausgestellten Schulinspector tritt, wird dieses noch peinlicher dem israelitischen Schullehrer gegenüber, der, auf Decan oder Pfarrer sich stützend, selbst in Bezug auf Religions-Lehrfächer dem Rabbinen nicht Rede und Antwort geben zu müssen glaubt. Diese mißliebige Stellung wird noch verstärkt dadurch, daß selbst auch von den Behörden den Rabbincn nicht mit der ihrem Stand gebührenden Achtung begegnet wird, wie sie den christlichen Geistlichen widerfährt, und die geeignet ist, die Achtung vor ihnen auch bei den J'sraelitcn selber fester zu begründen. Während z. B. Rabbinen zu Eidesbelchrungen in den Gerichtskanzleien ohne Werteres vorgeladen werden, werden christliche Geistliche höflich ersucht, zu erscheinen. Zu 3): so wird eine anstandsmäßige Besoldung desiderirt, die aber, wie in Würtemberg, von einer Centralkasse zu beziehen sein solle, um manchen bisherigen diesfallsigen Unannehmlichkeiten übcrhoben zu werden; namentlich aber wird auf Errichtung einer Wittwen- und Waisenkasse für Rabbinen angetragen. Vor einiger Zeit brach in der mährischen Stadt Holleschau ein großes Feuer aus und äscherte viele Häuser in der Iudenstad t ein. Der Schaden, den das Feuer angerichtet, war um so größer, als fast Niemand aus Aberglauben sein Haus assecurirt hatte. Die jüdischen Bewohner dieser Stadt sind nämlich noch so hinter den Fortschritten der Zeit zurück, daß sie gutmüthig glaubten, sie seien durch ein Versprechen des R. Sabbatai Kohen, der in ihren Mauer» begraben ist (Schach), vor der verzehrenden Macht des Feuers geschützt, und in diesem Glauben hielten sie es für thöricht, Geld auf die Assecuration ihrer Häuser zu verwenden. Börne's Kindheit. (Fortsetzung von Nr. 14.) Börne's Vater war ein strenger, verschlossener Mann, der, selbst gegen seine Eltern im Verhältniß der Abhängigkeit, ein gleiches bei seinen eignen Kindern voraussctzte. Er besaß Weltbildung genug, um die Verhältnisse des Lebens mit Leichtigkeit zu übersehen, und Formen für den Umgang, sich in sie bald hineinzudenken. Er würde mit seinen eignen Talenten mehr hervorgetreten sein, hätte er sich in einer selbstständigeren Lage befunden. So aber zwang ihn die Beziehung zu seinen Eltern, Ansichten und Pläne zu verfolgen, die seiner eignen Bildung und seinen eignen Wünschen nicht immer entsprachen. Die politischen Grundsätze, für welche Börne später auftrat, hatte sein Vater Verstand genug zu billigen, aber er fand es unbesonnen, sie auszusprrchen. Ich lese, sagte er einmal, ich lese gern, was in seinen Schriften steht; aber ich wünsche nicht, daß eS mein Sohn geschrieben. Hätte Börne den Empfehlungsbrief von Maria Theresia genommen, wäre nach Wien gereist und hätte sich im österreichischen Cabinet anstcllen lassen, so würde er gerade dasjenige getroffen haben, was ihn mit seinem Vater hätte aussöhnen können. — Börnc'S Mutter war eine einfache Frau, die ohne wesentlichen Einfluß auf Börne's Gemüthsentwickelung geblieben ist. Von feinen Geschwistern liebte er besonders zärtlich eine Schwester (jetzige Madame Spiro in Frankfurt) und einen zu früh verstorbenen sehr talentvollen jünger» Bruder. Zwei andere Brüder leben noch gegenwärtig in Frankfurt am Main. (Fortsetzung folgt.) Zur Rerension einge-gangene Schriften: Schuer, über Tempus und Modus der hebräischen Sprache; Kley, Einladungsschrift; Posener, Herzensworte; Wahlert, wissenschaftliche Grammatik. Druck und Verlag von F. Schuster in Hersfeld.

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