Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 12 (19.3.1843)
- Date
- 1843-03-19
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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48 kls, nicht nur billigt, sondern gebeut: das Judenthum ist eine wahre Religio» des Staatslebens. — Aber eilte unbegreifliche Unwissenheit herrscht über diese wichtigsten Zustände selbst unter den Leuten, welche mitzusprechen berufen sind, und cs erregt ein schlimmes Mißtrauen für fremdere Angelegenheiten, wenn hier, wo die Belehrung so nahe liegt und so unendlich leicht gemacht wird, noch immer die gewissenlose Ignoranz den Sieg behauptet. — Riessers glanzvolle Schriften sind selbst Gesetzgebern unbekannt; hingegen die obscuren Traktätlein frömmelnder Landpsarrer, welche ihren eingesalzenen Judenhaß. direkt aus Schutt und Eisenmenger beziehen, müssen täglich das Geschütz judenfeindlicher Argumente liefern und werden in den „Literaturzeitungen« mit so viel billigendem Anstand behandelt, als hätten sie die Unsterblichkeit der Seele vor dem Prometheischen Feuer der jungen Hegelinge gerettet. — Im Durchschnitt sind diese Argumente denn auch so schwach, daß man den erleuchteten Wortführern derselben kaum den Ernst der Sache zutrauen kann. Vielmehr ist meine innigste Ueberzeugung, die ich aufrichtig auszusprechen mich nicht entblöde, daß die schwankende Popularität der liberalen Theoretiker da, wo die Negierung sich die praktischen Interessen des Volkes rascher angeeignct hatte, noch durch das letzte Mittel gerettet werden sollte, daß man nämlich den niedrigsten Antipathieen des Pöbels schmeichelte. Nein, meine Herren, so verfährt die Opposition in Frankreich und England nicht! diese weiß sich dadurch zu behaupten, daß sie ihr Prin- : zip strenge und fest durchführt. O'Connell beugt sich nicht un-! ter die Hefe seines Pöbels, er imponirt durch sein Recht und; seinen Geist. — (Forts, folgt.) Viel Rühmliches hört man von dem Rabbinen Fassel in Kroßnitz (Mähren) durch seine Bemühungen hat nicht nur das Schulwesen eine erfreuliche Gestalt angenommen, sondern auch der Gottesdienst sich gehoben, ja ihm verdankt man die erste! Einführung des Choralgesanges und die Errichtung des ersten Tempels in Mähren. London will einen wissenschaftlich gebildeten Rabbinen aus Deutschland erkiesen. Man spricht von Hirschfeld in Wollstein, Hirsch in Emden und Adler in Hannover. AuS Berlin melden öffentliche Blätter: „Man unterhält sich jetzt viel davon, daß es den Juden gestattet werden solle, in den Orden der Freimaurer ausgenommen zu werden, was ihnen bisher in Preußen versagt war, und daß der Prinz von Preußen, seit 1840 Mitglied des Ordens und Prorektor sämmtlicher Landcslogcn, nicht ohne Einfluß auf diese Aenderung des Staates sei. Ucbrigens war die Zulassung der Juden bereits vor sechs Jahren bei den Freimaurern zur Sprache gekommen, damals indessen mit dem Beisatz abgclehnt worden, daß die Frage, wenn ich nicht irre, nach sieben Jahren wieder ausgenommen werden sollte." (Fortsetzung der Schilderung der Allg. Zeit, über die Karäer in der Krimm.) Der Ausdruck der Physiognomie bei den Karalmen ist einsach und sanft; das Düstere der polnischen Juden mit den zerzausten Schmutzbärten wohnt nicht in ihren Zügen, eben so wenig der gravitätische Ernst der Mohamedaner des Orients. Viele Ceremonicn der Karalmen, besonders die bei der Bcschneidung und der Heirath, weichen von den religiösen Gebräuchen der übrigen Juden ab. Polygamie ist in ihren Civklgesetzen erlaubt, doch macht keiner von diesem Recht Gebrauch. Sie sprechen das Tatarische ganz so wie die Tataren der südlichen Krimm; die aus Polen eingewanderten Juden hingegen sprechen ein Deutsch das nur Juden verstehen. Während letztere voll Betrug und Wucher-! geist in manchen Gegenden Südrußlands zur Landplage geworden,; stehen die jüdischen Karalmen allenthalben im Ruf der strengsten j Rechtlichkeit und Sittenreinheit, und haben daher selbst in jenen i Städten Zutritt wo die übrigen Juden nicht wohnen dürfen, wie! in Sewastopel. Die Karalmen von Baktschisarai bewohnen in ■ der Umgegend ein auf steilen Felsen gelegenes Dorf, Dschufuti Kaleh (Judenburg) genannt. Es ist dieß ein gar seltsamer Wohnj sitz. Der Fremde der zum erstenmal den steilen Felsweg nach j Dschufut-Kaleh emporfteigt, möchte in jener düstem Behausung! oben eher den Horst von Geiern und Nachteulen als die Residenz jüdischer, mit Goldmünzen behangener Karalmenmädchen von j schlankem Wuchs, schwarzen Augen und zierlich geflochtenen Zöpfen vermuthen. Zur Zeit der tatarischen Chanherrschaft durste kein Anhänger dieser jüd. Sekte die Stadt Baktschisarai bewohnen; sie waren auf das Fclsnest gebannt, wo kein Tropfen Wasser zu finden und das Wohnen besonders im Winter eben so unbequem als schauerlich ist. Doch wie die Gewohnheit selbst den Kerker erträglich macht, so blieben die meisten Karalmen dort zurück, auch als ihnen seit dem Ende der Tatarenhcrrschaft gestattet war sich in Baktschisarai und in anderen Städten der Krimm ihre Wohnsitze zu wählen. Erst in neuester Zeit fingen die wohlhabenden Karalmen an einzuschen, daß das tägliche Felssteigcn. den Berg hinauf, das Thal hinab, eine gar zu unbequeme Sache sei und daß dabei eine kostbare Zeit verloren gehe, die bei guter Benützung durch Handel und Spekulation viel Gewinn bringen könne. Viele haben daher ihr Felsennest verlassen und ihre Häuser, da sich keine Käufer dafür fanden, in Trümmer zerfallen lassen, wodurch die Oede und schauerliche Stille dort noch vermehrt worden. Ich habe nie einen unhcimlichern Ort gesehen als diese „Judenburg", die gleichwol zu den ersten Merkwürdigkeiten der Krimm gehört. ÄlS ich über das Felsgestcin, welches Dschusut-KalchS natürliches Pflaster bildet, wanderte, war ich; durch mehrere Gassen nur von zottigen Hunden begleitet die ich ' mir mit meinem geognostischen Hammer mit Mühe vom Leibe hielt, sonst gewahrte ich lange keine lebende Seele. Endlich erschienen einige Karalmenknaben die mir neugierig folgten, dann lockte das immer wildere Gebell der von allen Gassen herbeieilen-; den Hunde auch viele Karalmenweiber und Mädchen an die zerbrochenen Fenster und morschen Hausthüren, die sie furchtsam halbgeöffnet hielten, den Fremden neugierig angaffend. Ich fragte nach den Männern und hörte daß alle nach Baktschisarai gegangen, um ihre Handelsgeschäfte zu besorgen. Man könnte somit versucht sein zu glauben, die Karalmen, welche ihre Weiber so ganz einsam zurücklassen, plage niemals Eifersucht, und doch habe ich in Jalta bei meinen karalmischen Nachbarn manchmal Beweise vom Gegentheil erhalten.« (Schluß folgt.) Druck und Verlag von F. Schuster in Hersfeld.