Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 11 (12.3.1843)
- Date
- 1843-03-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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44 wider deinen Bruder, verläumdest den Sohn deiner — Mutter? Du, mein christlicher Bruder! du, meine christliche Schwester! was siehest du einen Splitter in deines Bruders Auge und des Balkens in deinem Auge wirst du nicht gewahrt Wie kannst du zu deinem Bruder sagen: Halt, ich will den Splitter aus deinem Auge ziehen, und siehest den Balken nicht in deinem Auge: Ihr Heuchler zieht zuvor doch den Balken aus eurem Auge! — (Luc. 6, 36-42). Ist Christenthum Liebe, ist Liebe Christenthum,, ist die Liebe des Gesetzes Erfüllung, (Röm. 13, 10): so ist sie doch keine leere und nichtige und müssige, so ist sie doch wohl eine thätige Liebe! Nun wohlan! thut Buße und gebet euren Brüdern, den Söhnen eurer Mutter, thätige Beweise von eurer Christcnliebe. Thut Buße und reinigt euch von den langen und schweren Sünden, die eure Vorfahren und ihr gegen so viele Tausende eurer unschuldigen Mitmenschen begangen habt. Thut Buße, hört ihre Klagen! sehet ihre Thränen! erfüllet ihre Wünsche! gewährt ihre Bitten! und ihr übt nichts mehr als Gerechtigkeit zur Ehre, zum Lobe Gottes. (Phil. 1, 9—11. Am treffendsten sind aber die Schlußworte: «Was wollen denn eure jüdischen Brüder? die Söhne eurer Mutter? Wollen sie Rathsherren, Senatoren werden? Syndici werden? Wollen sie Bank und Börse unter ihre Obhut bringen? Wollen sie eure Patronate an sich reißen? — Emancrpirt, daß heißt: entknechtet wollen sie sein; in einem freien Staate wollen sie nicht die einzigen Knechte und Sclaven sein! Frei wollen sie sein! das heißt zuerst, sic wollen frei athmen, sie wollen in jeder Straße in jedem Viertel der Stadt athmen können, ohne zu befürchten, daß der christl. Nachbar aus dem Hamburgischen Gesetzbuch (ist eS glaublich!) ihnen beweist, daß ein Jude nicht überall — athmen darf. — Frei wollen sie sein! das heißt zweitens: sie wollen ihre Hände, ihre Arme, ihre Leibes- und Geisteskraft frei gebrauchen, zu jeglichem ehrlichen Gewerbe, zu jeglicher nützlichen Kunst, zu jeglicher Wissenschaft, damit sie thätig und arbeitsam sein können, ein Handwerk treiben können, um sich und die Kindlein zu ernähren, und nicht Andern und der Gemeinde und später dem Staate zur Last zu fallen, oder Hungers zu sterben! Das wollen sie, ohne zu befürchten, daß der christliche Mitbewerber lieblos zu ihnen sagen darf: Nur christliche Hände, nur christliche Arme dürfen ein ehrliches Handwerk treiben; nur ein christliches Talent darf sich geltend machen! — Frei wollen sie sein, das heißt drittens, frei wollen sie sein auch in ihrem Gewissen: wenn ihre Söhne Geist und Wissenschaft genug besitzen, um als Rechtsgelehrte, oder in einem andern gelchrten Fache dem Vaterlaude zu nützen, so sollen sie dies als ehrliche Israeliten Ihun können, und nicht gezwungen werden, als ehrlose Christen zu agiren, das heißt, die heilige Taufe zu entweihen und den Taufbrief als einen Crlaubnißfchein zu nützen; sie wollen nicht heucheln, sie wollen gicht gleich von vom herein betrügen; sie wollen sich durch kein Bubenstück in das Christenthum hineinlügen und durch dasselbe in das bürgrrl. Leben introduciren, einschmuggeln lassen! Mit Einem Worte: sie wollen Menschen sein, denn wer nicht Bürger sein darf in dem Staate, in welchem er lebt und webt und alle Lasten tragen hilft, dem hat man verboten — Mensch zu sein! An dessen menschheitlichem Wesen hat man einen Mord begangen!! Freie Menschen wollen sie sein! Und zu dieser Forderung sind sie berechtigt, waren sie längst berechtigt, und ihr seid die unchristlichen Christen, so ihr noch länger zögert, unfern jüdischen Brüdern, den Söhnen eurer Mutter, die menschlich-bürgerlichen Rechte einzuräumen. Der Ruf des heutigen Bußtages ist: Christen, erfüllet eure Pflicht und beweiset durch eure thätige Liebe, daß ihr Christen seid; beweiset, daß ihr mit dem Heiligsten im Himmel und auf Erden keinen Spott und keinen Scherz treiben wollet. O eilet, eilet und rettet eure Seele, «daß Gott nicht noch einmal komme und hinreiße und rettungslos euch züchtige." (Pf. 50, 22.) Fehlt den Juden die Taufe mit Wasser — die Feuer« taufe haben sie empfangen; in der Feuertaufe haben sie sich bewährt und geläutert! — Hamburgs Bürger! lasset euch das Verdienst nicht nehmen, daß ihr selber kommet und unsere Obrigkeit bittet für eure jüdischen Brüder! Ja hierin müsset^ ihr euch die Initiative nicht nehmen lassen! Ihr selber müstet euren Mund aufthun für die Stummen, müsset für sie reden, für sie zeugen! die Väter sind gut, die Väter sind mild, sic werden euch nicht znrückweisen. Gehet bald an das Werk der Liebe, reißt sie bald ein die Schranken, die das falsch verstandene Christcnthum gezogen! -Was theili ihr thöricht die cw'gc Gleichheit, die euch Alle verbindet, Nach Satzungen, die nur der Zeit gehören. Und mit der Zeit verschwinden wie das Eis, Ob starr im Winter auch, im Lenz zerrinnt? Ihr Thoren, wenn euch das Abendmahl, das Osterlamm, Wenn euch die Me„e, die Beschneidung scheidet! Seid Menschen erst, das ist das Erste, Höchste, Das Andre kommt von selbst. Und jetzt, jetzt ist die Zeit, Die solch Erkennen aus der Knospe hervorlockt, wo eS lang' verborgen lag. Ja, ich sehe euch, theuere, fromme Zuhörer, Brüder und Schwestern! ergriffen, erschüttert, Liebe im Blick, Liebe im Herzen — Menschen Helsen, Menschen erlösen von Druck und Knechtschaft, Menschen das Leben erleichtern, das Leben verschönern, Wunden heilen, Thränen trocknen.— Das ist, das ist das beste, das ist das heiligste Liebes mahl auf Erden! Einst wird der Herr des Himmels euch fragen, ob ihr dieses Liebesmahl gekannt und genossen habt. — Nehmet cs Christen! und zehret davon so lange ihr lebt! Seid barmherzig wie euer Vater im Himmel barmherzig ist! Amen!" Amen rufen auch wir dem Verfasser nach und werden ihm alle nachrusen, die seine begeisternden, liebeathmcnden Worte lesen und verstehen, lesen und verstehen wollen. Möge er sein Versprechen, von den unter dem freien Himmel gehaltenen Predigten dem Publikum von Zeit zu Zeit einige zukommen zu lassen, ja gewissenhaft in Erfüllung bringen. Solche Worte finden einen eben so zahlreichen Leserals Hörer-Kreis, wie denn auch die vorliegende Predigt bereits der zweiten Auflage sich erfteut! Aller Edlen Dank dem wahrhaft christlichen Redner! Druck und Verlag von F. Schuster in Hersseld.