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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1843-02-05 · Heft 6 (5.2.1843) · page 4

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
4 (1843)
Issue
Heft 6 (5.2.1843)
Date
1843-02-05
Page
– (sequence 4)
Language
German
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L4 Sprüchen ein Spielen mit Zahlen entstand, — bezeichueten manch- , mal ihren Gegenstand durch ein kurzes treffendes Bild oder Gleich- »iß, stMen Satz und Gegensatz scharf gegeneinander, und führ-! len hin und wieder das Ergebniß jener lebendigen Discusston j Md Wechselwirkung zwischen Lehrern und Schülern, welche in! ihrm Schulen herrschte, in der Weise seiner Entstehung vor. WaS > Pe lehrten, ist »oll des strengsten, uns zuweilen finster erscheinende« Lebensernstes und der tiefsten Lebensweisheit; so kurz und > -abgebrochen ihre Aussprüche sind, so gedankenvoll und inhalts- J reich sind sie. Sie konnten an der Außenseite der Dinge um so! weniger hasten, mußten um so eher in den innersten Grund und j die wcserchaftrsten Beziehungen derselben eindriugrn, als sie jeden > Gegenstand stets aus dem höchsten Gesichtspunkte betrachteten, den 'der Mensch nehmen kann, dem — religiösen. Die Gotteslehre nnd nur diese, stetes Forschen in ihr, strenge Ausübung der göttlichen Gebote — das ist die Summe ihrer Weisheit; so verschieden auch die Gegenstände sind, über die sie sich aussprecheu, so tritt uns doch allenthalben das Charakterbild ihres gottgeweihten Lebens, und jenes wahrhaft heiligen Sinnes entgegen, der in den Anforderungen an sich selbst, in der Erfüllung des göttlichen Willens, sich nie genug thun kann, obgleich in der Beurtheilung Anderer Milde und Nachsicht zur Pflicht gemacht wird, und der in dem ganzen Leben die Ausgabe einer steten Selbftbewachung und Selbstbeschränkung sieht. Solche Weisheit uns anzueignen, dazu gehört allerdings Hingebung, Ernst und ein eindringender Gedanke auch von unsrer Seite; es muß der Geist graben und bis auf den innersten Grund der Erscheinungen dringen, wenn er diese Schätze haben will. Die Lehrer, die hier zu uns sprechen, verlangen von ihren Jüngern, wie Jose den Joäser sagt <1, 4), daß sie - im Staube zu ihren Füßen sitzen und ihre Worte mit brennendem Durste einsaugen: sei dein Haus der Weisen Sammelort, Du — fitz' im Staub zu ihren Füßen dort, Und saug' mit heißem Durste ein ihr Wort!" Die Meisten dieser Sprüche sind bekanntlich erst lange nach dem Tode der Männer, von denen sie ausgegangen, ausgezeichnet worden; im Munde des Volkes und der Besten im Volke haben sie lange Zeit gelebt, und wurden sie, wie ein kostbares Vermächtniß, von Geschlecht zu Geschlecht mitgetheilt; ehe sie zusammengereiht und der Nachwelt durch die Schrift aufbewahrt wurden. Denn in alter Zeit , pflanzten sich die Lehren und Erfahrungen der Weisen und Gereisten noch lebendig fort, und waren daS Band, das die Gegenwart mit der Vergangenst'it innig verknüpfte; sie gingen von Mund -zu Mund und brauchten nicht in den tobten Buchstaben vergraben zu werden. Erst als die Gesichtspunkte mannigfaltiger, aber auch die Geister flüchtiger wurden, erst daun fand man eS nvthig, solche von den Vätern ererbte Schatze in der Schrift aufzubewahren, um sie der Vergessenheit zu entreißen. Nicht um gelesen zu werden, sind die Sprüche der Väter ursprünglich entstanden, sondern als das Produkt der Hmnütelbare» Lebensverhältnisse. Obgleich aus ernster religiöser Betrachtung hervorgegangen, liegt ihnen doch anderseits überall die praktische Erfahrung zu Grunde; das Ergebniß eines ganzen Lebens ist hier zuweilen in einen einzigen Spruch zusammengedrängt. Diese Sprüche sind Schlaglichter und Gedankenblitze, mit denen tiefsinnige, zwar unverwandt nach einem Punkte hinblickende, aber durchdringende Geister zuweilen plötzlich eine ganze Reihe von Verhältnissen und Beziehungen erleuchten; fie sind der lebendige Ausdruck des Volksbewußtseins und der wesentlichsten Richtung ihrer Zeit, indem sie die Verirrungen derselben und das Ziel, nach dem die Bessern in ihr gestrebt, zugleich anzcigen. Solche Sittensprüche bilden eine wahre Lebensessenz, aus dem Leben gezogen für — das Leben. Freilich mögen sich manche Aussprüche aus Verhältnisse und Zustände bezogen haben, die uns fremd sind; aber was gewissen Zeiten ferne liegt, kann unter andern Umständen gerade wieder seine volle Bedeutung und Wahrheit erhalten, und der Werth dessen, was auch für uns Geltung hat, ist um so höher anzuschlagen, als es nicht, wie die selbst, beschaulichen Reflexionen moderner Schriftsteller, aus abstrakter Bücherweisheit entstanden ist. Wer sich im Gebiete der Literatur mit prüfendem Blicke umgesehen, weiß, was das heißen wolle: Weisheitslehren, die der unmittelbare Ausdruck des Lebens sind. Gewiß geschah es nach einem richtigen Tacte und im Gefühle dessen, was dem Volke eigentlich noth thue, daß die Spruche der Väter, abwechselnd mit den „Wanderliedern," an Sabbathtagen in der Synagoge gelesen werden. Solche dem Gedächtnisse früh eingeprägte Fingerzeige sind für alle Lagen und Verhältnisse, für jede Bildungsstufe des Menschen und Israeliten von unschätzbarem Wertste, vorausgesetzt, daß es der Schule und dem Gotteshausr gelingt, ein lebendiges Verständniß derselben zu erwecken. Es würde daher gewiß fruchtbringend sein, wenn diese Sprüche an den zum Lesen derselben bestimmten Tagen, statt des frühern mechanischen Hersagens, öffentlich erklärt würden, welches zugleich, etwa in Verbindung mit Vorträgen über die Psalmen, die Stelle der frühern vertreten, und die passendste Form für die sogenannte „Kinderlehre" abgeben dürste. Es muß in allen Beziehungen unsre Ausgabe sein, nicht nur nach der höchsten allgemein menschlichen Bildung zu streben, sondern auch zu den Quellen des jüdischen Lebensgeistcs in ihrer Reinheit zurückzukehren, und die Gesammtheit nach allen Seiten hin davon durchdringcn zu lassen, damit die Söhne der neuen Zeit auf keine Weise, weder an der frühern Gottergebenheit und innern Frömmigkeit der Gesinnung, noch an der alten Einfachheit, Reinheit, Enthaltsamkeit, Aufopferungsfähigkeit und innem Gebundenheit der Sitten einbüßen mögen." ÄST Wir sehen uns veranlaßt, zu bemerken, daß alle Aufsätze, Recensionen rc., von welchen der Verfasser nicht ausdrücklich genannt, oder die Mittheiluug mit dem Beisatz „Eingesendet" bezeichnet ist, von uns selbst sind. Die Redaction. Druck und Verlag von F. Schuster in Hrrsftld.

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