Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 4 (22.1.1843)
- Date
- 1843-01-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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16 Bedrückung ihrer israelitischen Mitbürger hervor. Die Heirathen hat sie auf die unmenschlichste Weise beschränkt, zum Zirkelcom- «issar ist ein getaufter Jude eingesetzt, die nichtgetausten hat man aber in den schmutzigsten Winkeln der Stadt eingepfercht, ihnen alle Nahrungszweige entzogen, und ihnen nur die Wahl zwischen Handel und Wucher gelassen. Abermals kommen wir auf ein Land zurück, das vor noch nicht langer Zeit zu ewiger Finsterniß verurtheilt schien, jetzt aber mit Riesenschritten die Bahn des Fortschrittes verfolgt, cs ist Pole« und seine Hauptstadt Warschau. Dem dortigen Gemeinde- Vorstand liegt jetzt das Projcct, die Israeliten in der Zukunft mit dem Ackerbau zu beschäftigen, zur Berathung vor. Dasselbe ist vom Statthalter selbst ausgegangen und erfreuet sich bei allen Bessergesinnteu der kräftigsten Unterstützung. Möchte es bald zur vollen Ausführung gelangen'. Segen dem großsinnigen Könige von Dänemark! Fest steht sein Entschluß, die Lage der unglücklichen Juden zu verbessern und bald werden, nachdem nun das neue Schulgesetz ins Leben getreten, auch die Gemeinden sich einer gesetzlichen Ordnung ihrer Angelegenheiten erfteuen. Der freie, humane Sinn des biedern Würtemberger Volkes thut sich auch auf ihrer Hochschule kund. Der akademische Senat in Tübingen hat jetzt u. A. auch den vr. Valentin in Bern (mosaischen Glaubens) für Besetzung einer Professur in der medicivischm Facultät vorgeschlagen und jener Senat ist es, welcher fast in jedem Jahre auch an jüdische Studjrxnde Staats- Stipendien ertheilt. Auch die baierischen Juden hoffen von der jetzigen Ständeversammlung einige Erleichterungen ihres so sehr gedrückten Zustandes und man sagt, daß auch ein Theil der Regierungsbehörden die Hand dazu bieten wollten. In demselben Lande schreitet trotz aller Hcmmweise von oben doch die Veredlung des Gottesdienstes allmählig fort und das Gcmüth erhebt sich an der Ordnnng, Ruhe und Andacht, die jetzt in so vielen Synagogen hergestellt sind. Voraus auf der Bahn religiöser Entwickelung ist aber noch immer Würtemberg, das Land, in welchem auch die Israeliten sich einer erleuchteten Oberkirchcnbehördc erfreuen. Fortwährend werden treffliche Anordnungen für Gotteshäuser und Schulen, passende und würdige Amtsinstructionen für Rabbinen und Vorsänger gegeben und der Gottesdienst wird auf eine würdige und den Anforderungen der Zeit entsprechende Weise abgehaltcn. Der von dem trefflichen Zschokke redigirte Schweizer'Bote enthielt kürzlich einen Bericht über die Einweihung eines neuen israelitischen Schulhauses in Langenau, in welchem u. A. der Referent sagt, daß er unter den Kindern eine große Anzahl geist¬ und ausdrucksvoller Gesichtchcn wahrgcnommen habe, und fügt hinzu, er habe diese Erscheinung in keiner der christlichen Schulen ber Schweiz, die er kennen gelernt habe, in demselben Maße wiederholt gefunden. — Nicht minder rühmt er die politische Reife der Juden, die sich bei dm während des Festmahls von ihnen ausgebrachten Trinksprüchen, besonders in der Hinweisung auf ihr nunmehriges Vaterland, die Schweiz, die im besten Sinne des Wortes etwas „Heimwehartiges" an sich getragen habe, kund gegeben. Am Schlüße drückt Herr M—r die Hoffnung aus, der Kanton Aargau werde das Symbol der drei Sterne - im vaterländischen Wappenschilde zur Wahrheit erheben, indem er Protestanten, Katholiken und Juden einander gleichstelle und, nachdem so viel gesprochen, zur That und zur Ausführung schreite." Ein Fest in der Synagoge von Metz im Jahre 1793. *) Die französischen Journale berichteten vor einigen Tagen von dem Erinnerungsfest, welches zu Lille bei der Grundsteinlegung eines Denkmals stattfand, das der Aufhebung der Belagerung dieser Stadt im Jahre 1793 geweiht war. Man weiß, daß es der heldenmüthige Widerstand von Thionville war, welcher dieses mächtige Ereigniß vorbereitete, und dem bald die denkwürdige Schlacht von Valmy folgte. Es war zur Zeit des wegen dieses Ereignisses in der Synagoge von Metz gefeierten Festes, als der von dem verstorbenen Moses Justheim verfaßte Gesang, dessen wir in dem ersten Hefte der nArcüives« gedachten, gesungen ward. Einer unserer Glaubensgenossen, ein äußerst würdiger Mann, welcher sein Leben in den Kriegen der Republik wagte, und trotz den Beschwerden des Alters noch das ganze patriotische Feuer der ersten Jahre der Republik bewahrt hat, richtete bei dieser Gelegenheit ein Schreiben voll der edelsten Empfindungen an uns: „Stellen Sie sich vor — sagt er — den ehrwürdigen Oberrabbincn zu sehen, begleitet vom Beth-Din (Rabbinatscollegium) und Kahal (die Gemeinde) den Vertheidigern von Thionville cntgegengehen und -sie vor das Tabernakel (UHpfi p~}&) führen, alle diese Israeliten in festliche Gewänder gekleidet, diese israelitischen Franzosen, sonst Juden von Metz, versammelt um Gott für den Sieg des Vaterlandes zu danken. Olvy-Cahen, damals Ober-Rabbiner von Metz, hielt eine außerordentliche pal triotische Rede, in welcher er die Tapferkeit der Verthcidiger von Thionville pries und mit großer Stärke begreiflich machte, daß Frankreich auf den Wetteifer aller seiner Kinder zählen könne, gleichviel, wcß Glaubens sie seien. ES wird schwer sein, sich eine Idee von dem Enthusiasmus zu machen, welcher in der Synagoge von Metz herrschte. Niemals ist ein solches Fest in einem israelitischen Tempel gefeiert worden." *) Wir geben diese Erzählung aus den Archives Israelites de France, da sie beweist, welch' patriotischer Begeisterung auch die Israeliten fähig seien, sobald man sie ganz in die Rechte des freien Bürgers einsetzt. Red. T Druck und Verlag von Schuster in Hersfeld.